Neue Zürcher Zeitung
Konservativer Revolutionär?
Eine Studie zu Francis Ford Coppola
Er ist ein Träumer, ein Visionär, der dafür einen hohen Preis gezahlt hat. Bisher existierte nur eine deutschsprachige Studie über Francis Ford Coppola, den amerikanischen Rebellen italienischer Abstammung: der 1985 erschienene Hanser-Band. Nun hat Gabriele Weyand eine neue Analyse seines uvre vorgelegt. Sie geht darin auf die Autorschaft, die Kameraarbeit, den Schnitt, die Musik und die Produktionsgeschichte des jeweiligen Films ein, liefert eine kritische Würdigung und Einordnung in das Gesamtwerk. Bereits im Erstling, «Dementia 13», schlägt der Roger-Corman-Schüler seine Grundthemen an: Gespickt mit Hitchcock-Zitaten, rückt das autobiographisch gefärbte Familienthema in den Mittelpunkt. Der experimentierfreudige Schauspieler-Regisseur spielt in «You're a Big Boy Now» diverse Frauencharaktere durch traditionell, konservativ angelegt. «The Rain People», ein «europäischer» Film, rekurriert wieder auf das familiäre Sujet. «The Godfather» mit seiner Anspielung auf den doppelten Bezug von Religion und Familie oszilliert zwischen Ethnizität und Assimilation, Drinnen und Draussen, Kunst und Kommerz. Coppola hat mit dem Mafiafilm den Zenit in Hollywood erreicht, avanciert zum Tycoon. «The Conversation» misst der Tonebene als Mittel der Ver- und Entfremdung eine tragende Rolle zu. Coppolas Topos, Einsamkeit und Familie, kreist um Voyeurismus und Existenzialismus. Im Jahrzehntfilm «Apocalypse Now» stellt die Autorin die eindrucksvolle Licht- und Farbästhetik, die Produktionsgeschichte und die ambivalenten Kritiken heraus. Leider konnte sie auf die überarbeitete Fassung nicht mehr eingehen. Nach dem Fiasko von «One from the Heart» musste «Mr. Electronic Cinema» dem Ausverkauf seines Zoetrope-Studios zustimmen, dem Traum vom Einzelkämpfer im Produzentenkreis entsagen. Erst die Auftragsarbeit «The Cotton Club» vereinte wieder Unterhaltung und Kommerz. Die folgenden Filme, «Gardens of Stone», «Tucker: The Man and His Dream» und «The Rainmaker» etwa, widmeten sich meist uramerikanischen Themen. Etwas mehr Individualität entdeckt Weyand nur in «Bram Stoker's Dracula». Insgesamt also eine solide, ausgewogene Monographie, keine Neuinterpretation. Josef Nagel