Dass Sex mit Kastraten möglich ist, hatte Hellmuth Karasek schon für das Literarische Quartett ergründet. Mit dieser Frage muss sich der Leser gar nicht mehr aufhalten. Dafür kann man sich in diesem Werk über die Vorzüge der Missionarsstellung informieren, oder darüber, dass der Höhepunkt der Liebe mit einem Eunuchen "Trockenstoß" genannt wird. Interessant!
Carlotta, eine jungverheiratete Adlige, verliebt sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den Gesangsvirtuosen Gasparo, der wie sie aus dem gleichen Dorf stammt und als Preis für ein verlorenes Spiel mit Carlottas Vater im Knabenalter der Musik geopfert, das heißt kastriert wurde. Sie verführt Gasparo, als dieser sich während einer Tournee in Neapel aufhält. Ist das Liebe? Nein, denn "Musik und Sex" haben in Carlotta "Kräfte versammelt", sie sagt: "Sex ist der Kern von allem."
Wenn Gasparo nicht in der Stadt ist, treibt sie es mit einem französischen Marquis oder einem sizilianischen Adligen. Und Berto, ihr Mann? Er treibt es ebenfalls mit französischen und sizilianischen Adligen. So geht das in einer Welt aus Samt, Seide, Damast und sonstiger Pracht dahin.
Bis Seite 50 ist alles ganz amüsant, dann wiederholen sich Musik und Sex und Sex und Musik, bis es einem zum Hals raushängt. Irgendwann stirbt in einem Nebensatz Berto, und in einem Nebensatz gebiert Carlotta zwei Kinder. Dann geht die Handlung auch schon wieder zum Gewohnten über. Die einzige Abwechslung sind die von der ausgebildeten Pianistin und Sängerin Margriet de Moor immer wieder eingestreuten musiktheoretischen Abhandlungen. Dafür gibt es den zweiten Stern.
Auch wenn der geschätzte "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki in der Autorin eine "Dichterin" sieht, die "menschliches Glück" zeigt, "etwas, was wir in der zeitgenössischen Literatur heutzutage sehr selten haben", muss sich der Leser die Langeweile bei dieser Lektüre nicht unbedingt antun.