...war "Verrat am Selbst" für mich. Als ich es zum ersten Mal las, vor etwa 15 Jahren, verursachte es in mir Verunsicherung, um nicht zu sagen: Angst, und zwar die tiefe Befürchtung, ich könnte evtl. nicht so "autonom" sein, wie ich es mir wünschte. Ich habe es resigniert aus der Hand gelegt, bin meiner Lebenswege gezogen, mit meinen Halbwahrheiten oder Lebenslügen, mit denen ich mich nicht konfrontieren konnte, weil der Schmerz einfach zu groß war. Ich hatte es wohl auch schlicht nicht ganz verstanden, konnte die verstörenden Gedanken nicht an mich herankommen lassen. 15 Jahre später fiel es mir beim Aufräumen aus dem Regal entgegen, ich las erneut, diesmal wie in einen Bann gezogen, und dann in einem Zug durch. Interessant, wieviele Bleistift-Anmerkungen ich hinterlassen hatte, die von meinem damals tiefen Unverständnis zeugten. Und dann ergriff mich dieses überwältigende Gefühl, im Verlauf meiner eigenen Reise dieselben tiefen Erkenntnisse gemacht zu haben, die in Arno Gruens Werk enthalten sind...und was für eine Befreiung dies für mich darstellte! Als Beispiel für meine Ergriffenheit möge hier nur mein Leben als Mutter genannt werden: auch ich war eine Frau, die der von meiner Umgebung abverlangten Selbstverleugnung zuweilen unterlag, als ich, z.B., gegen meinen inneren Willen, mein Kind manchmal länger schreien ließ, als es meinen inneren Impulsen entsprach. Ich musste mir ständig anhören, dass ein Kind schreien muss, dass einem Kind nicht zu viel Beachtung geschenkt werden darf, dass eine Mutter lernen muss, sich "unabhängig" von den kindlichen Bedürfnissen zu machen usw. In mir aber gab es da schon die Rebellion gegen dies Art "Bevormundung" durch z.B. meine Schwiegermutter und meinen, ganz in diesem Sinne erzogenen, Ehemann. Und die Rebellion siegte, ich scherte mich nicht um deren Meinung, nahm mein Kind in die Arme, obgleich ich im Abendkleid auf irgendeinem Steh-Empfang, der in den noblen gesellschaftlichen Kreisen stattfand, damit Unwillen und Unverständnis erntete....ein Sieg für mein Kind und ein Sieg für mein Selbst!
Das Prinzip, das Arno Grün nahelegt, ist die immer wiederkehrende Entscheidung für die Liebe, die man in sich fühlt, statt jene für die Macht, die man durch Verzicht auf die liebende Haltung ausüben möchte oder könnte.
Ein Prinzip, das in meinem Leben durchgängig Einzug gehalten hatte und mich zu einem grundsätzlich glücklichen, liebevollen Menschen hat werden lassen. Auch ein Verdienst dieses wunderbaren Werkes, das mir im entscheidenden Moment wertvolle Hilfestellung gab!!! Wann immer mir dieses Empfinden abhanden zu kommen droht, versuche ich mich an dieses Buch zu erinnern, und dann klappts wieder.Übrigens bin ich alles andere als ein Anhänger der Psychoanalyse und mono-kausale Welt- und Psche-Erklärungen liegen mir ebenfalls fern, aber in diesem Buch hat man nirgends den Eindruck, das A.G. sich irgendeiner "Schule" mehr verpflichtet fühlen könnte als seinem "Selbst". Ich habe das Buch mittlerweile mehrfach neu bestellt, um es zu verschenken.