Kross, Jaan, Der Verrückte des Zaren, 1978 (SZ-Bibliothek 2007)
"Dies ist ein bedeutender Schriftsteller im alten großen Stil", sagt Doris Lessing (lt. Klappentext), und ich kann es nur bestätigen: Eine Buch über die Unfreiheit von einem freien Menschen geschrieben.
Es handelt sich um einen historischen Roman in der Form eines Tagebuchs. Der Tagebuchschreiber und sein Tagebuch dürften allerdings freie Erfindung des Autors, also sein eigentliches Werk sein, obwohl Kross in einem Nachwort die Fiktion aufrecht erhält, dass er der Erste war, der auf dieses Tagebuch stieß (347) - was man wohl als Ironie betrachten darf, ebenso wie die etwas orakelhaften weiteren Ausführungen des Autors über die Grenze von Fantasie und Realität.
Im Mittelpunkt stehen allerdings die historisch belegten Ereignisse um den estländischen Adligen Timotheus von Bock im zaristisch gelenkten Livland (Estland) in der nachnapoleonischen Zeit. Timotheus, kurz Timo genannt, wird der Freund des Zaren Alexander I. und muss diesem unter Eid versprechen, ihm unter allen Umständen die Wahrheit über seine Regierung zu sagen. Das tut Timo, allerdings weist er auf die Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit des Zaren mit einer solchen Härte und Direktheit hin, dass dieser ihn für verrückt erklärt und 1818 einkerkern lässt. Vor dieser Haftzeit hat Timo Eeva Mättik, ein Bauernmädchen von kraftvoller Persönlichkeit und natürlichem Adel geheiratet, die ihm sein ganzes Leben hindurch treu zur Seite stehen wird. Ihr Bruder ist Jakob Mättik, eben der Tagebuchschreiber. Als Timo von Bock Eeva als Braut erwählt hatte (die dann später Katharina von Bock heißt), ließ er sie und ihren Bruder als ihren Begleiter zunächst einmal einige Jahre lang ausbilden, damit Eeva (oder Kitty) überhaupt ihrem neuen Stand gerecht werden könnte. Nach dem Tod des Zaren Alexander wird Timo nach neun Jahren qualvoller Haft begnadigt und auf sein Gut entlassen, allerdings stets unter der Kontrolle verschiedener Aufseher stehend, die ebenfalls dort leben. Sein Sohn Jüri wird den Eltern früh entzogen und in der Kadettenschule des neuen Zaren Nikolaus erzogen, wo er sich zu einem besonders tüchtigen jungen Mann und schließlich hohem Offizier in den Diensten des Zaren entwickelt. Timo stirbt indessen unter zweifelhaften Umständen, am wahrscheinlichsten ist, dass er von einem Spitzel erschossen wurde, als Timo ihn dabei überraschte, wie er in seinem Zimmer nach bestimmten Schriftstücken suchte.
Das Buch ist zu lesen als eine Studie des Lebens unter russischer Vorherrschaft, sprich: dessen, was Kross in Estland selbst erlebt hat: Welche Chance hat die Wahrheit in der Diktatur, wie kann man die Wahrheit äußern, wie reagieren die Menschen auf den großen Einzelnen, der die menschlichen, historischen und politischen Zusammenhänge tief erkennt, wie verbringt dieser Mensch sein Leben unter den Bedingungen der lebenslangen Entmündigung?
Um diese Studien anzustellen, ist der Tagebuchschreiber Jakob der ideale Mann. Er ist gebildet genug, um die Erkenntnisse des Timo von Bock würdigen zu können, und steht ihm als angeheirateter Verwandter nah genug, um ihn als Menschen verstehen zu können. Andererseits ist Jakob als jemand von ganz unten frei genug, um eben an diesem Timo von Bock zu zweifeln und sein Verhalten in Frage zu stellen.
Dazu kommt die Situation des Tagebuchschreibens. Schon ganz am Anfang überlegt Jakob: "Verdammt! Diese Blätter hier haben nur dann einen Sinn (und selbst dann kaum!), wenn ich mir selbst gegenüber ... ehrlich bin.." (46). Konsequenterweise kommen auch allerhand Chrakterzüge zum Vorschein, die nicht unbedingt sympathisch sind, z.B. verstößt er die geliebte Jette, weil ihr Vater als auf dem Gut Spitzeldienste leistete. Allerdings ist er ehrlich genug, um sich über sein verlogenes Verhalten, als er sie ziehen lässt, klarzuwerden. Auch seiner herrlichen Schwester Eeva gegenüber ist er nicht nur solidarisch, sondern er mag vieles nicht an ihr und sieht manches hämisch. Er heiratet Anna, die ihn an Jette erinnert, wird Landvermesser (symbolisch!) und führt "ein ruhiges, leeres, nutzloses Leben." (344). Am Ende übergibt er Jüri, dem Sohn von Timo und Eeva, sein Tagebuch: "Vernichtet Jüri mein Tagebuch, hat die Welt keine Hoffnung mehr. Bewahrt er es auf, besteht noch Hoffnung für die Welt. Es ist gut, dass ich nicht erfahren werde, was er damit tut. Das gibt mir wenigstens die Möglichkeit zu hoffen, auch wenn es keine Hoffnung mehr geben sollte." (346). Fürwahr ein großartiges Schlusswort.Jakob ist kein mustergültiger Mensch, aber eben darum wird er für den Leser interessant, er verbürgt den freien, nüchternen, distanzierten Blick auf die Personen, die ihm gleichzeitig so nahe stehen.
Die Situation des Tagebuchschreibens erweist sich auch für die Darstellung der historischen Ereignisse als vorteilhaft, indem der Schreiber einerseits die Ereignisse je nach ihrem dramatischen Wert aussuchen kann und sie andererseits unmittelbar auf ihren intimen Gehalt hin untersuchen kann, was sie also für den Leser doppelt interessant macht.
Ich selbst fing die Lektüre mit großen Vorbehalten an, weil ich kein Freund historischer Romane bin, jetzt nach der Lektüre bin ich begeistert, weil hier nicht nur der Geist einer Zeit und einer Region vermittelt wurde, sondern weil die Thematik in der menschlichen und ehrlichen Weise, wie sie behandelt wurde, ein überzeitliches und allgemeines Interesse beanspruchen darf, und zwar in jeder Gesellschaftsform.