Ich habe Familie in Bethlehem und möchte ein paar Anmerkungen zu dem Buch machen, die dem auswärtigen Leser vielleicht entgehen.
Das Buch spielt während der Intifada und spiegelt die Stimmung der Christen wieder die einmal die Mehrheit in Bethlehem stellten, bis durch die Vertreibung durch die Israelis sich immer mehr Moslems in der Stadt ansiedelten. Auch die Hauptfigur Omar Yussif ist aus einem Dorf vertrieben worden, welches jetzt zu Israel gehört. Aber anders als die muslimischen "Unruhestifter", die die friedliche Ruhe der Christen durch ihren Kampf gegen Israel stören, hat Omar Yussif keine Sympathie für die Intifada.
Die Sympathien des Autors wiederum sind auch klar auf der christlichen Seite. Geschickter Weise übermittelt er sie aber durch einen Moslem - seine Hauptfigur. Omar Yussif ist also Muslim, aber einer der eine Karriere als Alkoholiker hinter sich hat, keinen Ramadan hält, nicht betet und als er seine Frau kennen lernte, dass tollste an ihr fand, dass sie kein Kopftuch trug. (Also ein Muslim wie man ihn im Westen toll findet). Yussif schwärmt von seiner Lehrzeit an der christlichen Schule während er die muslimischen Kinder aus dem Flüchtlingslager kaum ausstehen kann. Der vermeintliche Kollaborateur George Saba ist ein ehemaliger christlicher Schüler und guter Freund von ihm. Er verdiente sein Geld mit dem Verkauf antiker Möbel an israelische Siedler(!). (Dies wird aber nur so nebenbei erwähnt und hat nichts mit der Anschuldigung als Kollaborateur zu tun, ich persönlich habe mich nur gefragt, warum ein Mann der in diesem Buch als überaus tapfer und heldenhaft dargestellt wird, ausgerechnet so einen Beruf hat.)
Generell geht es in dem Buch auch oft um Jesus, den unsere muslimische Hauptperson als "Messias" bezeichnet und nicht etwa als einen Propheten, wie es Muslime tun.
Positiv fand ich an dem Buch, dass Bethlehem sehr gut geschildert wird - wer die Stadt kennt, kann die Schauplätze beim Lesen genau sehen. Auch das Verhalten der Männer ist sehr genau beobachtet (z.B. wie sie Sonnenblumenkerne essen). Beim Verhalten der Frauen kennt sich Rees aber offenbar nicht besonders gut aus. Das ist ihm einerseits zu verzeihen - immerhin ist er ein Mann - aber andererseits ist es doch komisch, dass sich eines der Mordopfer noch mal ihren Schleier zurechtbindet während sie zu Hause auf ihren Mann wartet. (In der Familie wird das Kopftuch nämlich nicht getragen und schon gar nicht wenn man auf seinen Ehemann wartet.)
Solche Kleinigkeiten haben mich an dem Buch gestört. Ich habe nichts gegen ein Buch aus christlicher Sichtweise, aber diese in den Kopf eines Moslems zu stecken, finde ich irgendwie unangebracht.