Alasdair MacIntyre diagnostiziert in seinem Hauptwerk einen seit der Aufklärung statt findenden 'Der Verlust der Tugend', der sowohl in den Diskursen der Philosophie, als auch in den westlichen Gesellschaften stattfindet. Demnach findet seit der Neuzeit ein Diskurs statt, der die Frage nach dem guten Leben und dem Telos (Ziel) des Menschen von Fragen nach dem moralisch gesollten abgrenzt. Den Höhepunkt dieser Bewegung bietet die Moralphilosophie Kants, welche diese Trennung von Ethik und Moral am striktesten durchführte, indem die Frage nach dem moralisch gesollten kategorisch von der Frage, was ein gutes Leben ausmacht, getrennt und im kategorischen Imperativ formalisiert wurde. Die Frage nach dem Letztbegründungsanspruch der Moral wird im Weiteren auch von Kierkegaard aufgenommen, um dann im Relativismus von Nietzsche zu enden. Nach MacIntyre ist Nietzsche insofern 'der Moralphilosoph der Gegenwart', als dass er die Versuche der vorherigen Autoren, Moral absolut zu begründen, in einen Relativismus laufen lässt, der dann zu der berüchtigten Lehre vom so genannten 'Übermenschen' führt. Im 20. Jahrhundert sind es dann vor allem die analytischen Philosophen, welche die Moralphilosophie vollständig vom Menschen trennen.
Um den moralischen Relativismus zu verhindern, ist für MacIntyre eine Ethik, die Fragen des guten Lebens nicht von Fragen des moralisch gesollten abkapselt, die einzige Alternative. Der zentrale Referenzautor ist für MacIntyre somit Aristoteles, der durch die Ausformulierung einer Tugendethik, die in der Aufklärung getrennten Sphären miteinander verbindet. Da für MacIntyre, wie für andere NeoaristotelikerInnen seit den 1970er Jahren, Tugenden konstitutiv für ein gutes Leben sind, ist jede Moralphilosophie, die Fragen nach dem moralisch gesollten unabhängig vom Wesen des Menschen, seinen Zielen und seinen Bedürfnissen beantwortet, verfehlt. Als Beispiel stellt der Autor die Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und Robert Nozick nebeneinander, welche seiner Meinung nach scheitern, da beide den Begriff der Gerechtigkeit ohne Rekurrierung auf das Telos und die Praxis des Menschen bestimmen. Beide versuchen Gerechtigkeit formal zu bestimmen, aber die Frage, wer mit seiner Lösung Recht hat, ist nicht zu beantworten, da die oberste Prämisse beider Autoren angezweifelt werden kann. So sind Fragen der Gerechtigkeit für MacIntyre, und hier stimmt er mit Charles Taylor und Michael Walzer überein, nur innerhalb einer spezifischen Gesellschaft und nicht in einem luftleeren Raum zu bestimmen.
MacIntyres Werk liest sich auch heute noch als eine erfrischende Alternative zu dem in den letzten Jahren vor allem im angelsächsischen Sprachraum, aber auch in Deutschland verbreiteten Liberalismus, der sich festgefahren hat. Die zentrale These des Buches, die Diagnose des moralischen Verfalls seit dem Beginn der Aufklärung, trägt starke Parallelen zu Adornos Werk, auch wenn der Begriff der instrumentellen Vernunft bei MacIntyre nicht vorkommt. Das Buch besitzt eine hohe Originalität, auch wenn sich in der Argumentation zum Teil größere Schwächen finden. So ist die Kritik an den Moraltheorien von Hume und Kant zum Teil inkonsistent, auch wenn MacIntyre verdeutlicht, warum beide Theorien abzulehnen sind. Die These, es gebe während der gesamten Zeit der Aufklärung eine analytische Trennung zwischen Ethik und Moral erweist sich auch als nicht ganz korrekt, wenn man Hegels Rechtsphilosophie bedenkt. Es ist dann auch eine interessante Frage warum MacIntyre den Namen Hegel in seinem gesamten Buch nicht erwähnt, wo dieser doch durchaus auch als Neoaristoteliker bezeichnet werden kann, und für MacIntyres Argumentation nützlich sein könnte.
Die Tatsache, dass mit starken relativistischen Argumenten gearbeitet wird, birgt die Gefahr, dass MacIntyre seine eigene Theorie mit wegspült. Denn so sehr er recht dabei hat, dass es kein absolutes Kriterium gibt, dass die Moralphilosophie Humes, Kants oder des Utilitarismus als unumstößlich beweist, so gibt es auch kein Kriterium, welches dies für Aristoteles leistet. Das Argument, wir müssten uns auf Grund unserer Tugenden, die unser Wesen ausmachen, für ein tugendhaftes Leben entscheiden, ist zwar kein naturalistischer Fehlschluss, MacIntyre kann aber nicht zeigen, dass ein Mensch nicht auch die Möglichkeit haben könnte, z.B. nach der Ethik Kants zu leben. Es gibt eben kein Kriterium, das die aristotelische Tugendethik als die einzig 'wahre' Ethik festschreibt, auch wenn es sehr gute Gründe dafür gibt.
Trotz dieser Mängel ist 'Der Verlust der Tugend' ein großer Wurf und für jeden empfehlenswert, welcher der Langeweile in der liberalen politischen Theorie der letzten Jahre überdrüssig geworden ist.