"Wie hängt ein Leben zusammen? Was ist die Geschichte dieses Menschen?" Um diese Fragen kreist der anonyme Erzähler in Jan Kjaerstads neuem Roman "Der Verführer". Das Werk, so lässt uns der Erzähler wissen "ist ein Buch über Jonas Wergelands Siege - über sein Wachsen, nicht über seinen Sturz." Eine Erfolgsstory also. Wer ist dieser Jonas Wergeland, Erfinder der berühmten Fernsehserie "Groß denken", der in Norwegen mit dieser Sendung zum absoluten Medienstar wird? Wergelands Geschichte über sein Wachsen beginnt nicht bei seiner Geburt, sondern mit dem Tod. Es riecht kräftig nach Frühling in Oslo, als Jonas von einer Geschäftsreise nach Hause zurückkehrt, sich freuend über seine Erfolge. Er läutet und stellt fest, dass seine Frau noch nicht zu Hause ist, geht seine Post durch, hört den Anrufbeantworter ab und will nichts als sich bei guter Musik entspannen. Dann entdeckt er im Wohnzimmer eine Leiche. Es ist seine Frau. Diese Entdeckung stürzt ihn in tiefste "Wasserwirbel" der Verzweiflung und ist gleichzeitig der Auslöser, sich über sein bisheriges Leben Rechenschaft abzulegen: Kindheit und Jugend, Studentenzeit, Berufsleben, Begegnungen und Ereignisse. Wergeland erkennt bald, dass er ein ungewöhnlicher Mensch ist. Seine Besonderheit erlebt er vor allem in der Begegnung mit Frauen. Jeder Kontakt mit ihnen wird bedeutsam. Frauen sind seine Lehrmeisterinnen. Er ist ein Mann, der eine magische Anziehungskraft auf sie ausübt, weil er ein "Verführer" ist, einer mit einem "magischen Penis". Kjaerstad ist es gelungen, seine Hauptfigur perfekt zu charakterisieren. Das erreicht er v.a. durch die Figur des Erzählers, der Wergelands Geschichte präsentiert. In einer vornehmen Sprache gelingt es ihm, von dem nur bekannt ist, er sei selber kein Norweger, im Mikrokosmos des Protagonisten den Makrokosmos sichtbar zu machen. Alle Länder enthalten "die ganze Welt" und "die ganze Welt enthält Norwegen". Den "weißen Fleck" auf der Karte, die er selber ist, will Jonas "kartieren". Er ist ein Reisender zu sich selbst. Seine Reise führt ihn durch die halbe Welt sowie durch die Leiber von 23 Frauen. Wergelands Reisetempo ist langsam und genussvoll. Oft hält er inne, denkt nach, führt viele Gespräche und Diskussionen. Seine Raststationen sind immer Innenräume, wie etwa das Wohnzimmer in Tante Lauras Wohnung, die "einem Basar gleicht". Die tiefsten Erkenntnisse gewinnt Jonas im Inneren der Orgel, auf der sein Vater in der Kirche spielt. "Der Verführer" ist ein Reise-, Bildungs- und Gesellschaftsroman, bietet aber zusätzlich eine Darstellung der Politik der letzten dreißig Jahre. Auch liefert Kjaerstad seine Ansichten zum Thema Fernsehen. Ein solch breit angelegter Roman kann nur schwergewichtig im Umfang sein. 616 Seiten Seiten benötigt der Erzähler, um uns zu schildern, wie Jonas Wergelands Leben "zusammenhängt". Dies erzählt er nicht chronologisch, sondern fügt einen Teil an den anderen wie ein Puzzle zum Ganzen zusammen. Dem Autor ist ein außergewöhnliches Werk gelungen, v.a. wegen der subtilen Charakterisierung der Hauptfigur und der reizvollen Schilderungen der erotischen Abenteuer. Die elegante Sprache und die zahlreichen literarischen Anspielungen garantieren höchstes Lesevergnügen. Angesichts solcher Qualitäten mögen dem Roman einige Längen und Manierismen verziehen sein.