Silvia und Patricio, ein langjähriges Ehepaar - Exilchilenen in Paris, Er gute dreißig Jahre älter als Sie - sehen im Musée d'Orsay das Gemälde "Der Ursprung der Welt" von Courbet, auf dem ein gesichtsloser Frauentorso mit geöffneten Schenkeln zu sehen ist.
Die eher scherzhafte Bemerkung Patricios, das Bild sähe seiner Frau ähnlich, führt bei dieser zu einer unerwartet heftigen Reaktion: sofort setzt sich das Gift der Eifersucht in dem Mann fest. Hat seine Frau in betrogen? Ist es möglich, dass tatsächlich sie es ist, die auf diesem Gemälde abgebildet ist?
Der Verdacht fällt auf seinen ältesten Freund Felipe, einen manischen Frauenhelden mit der Angewohnheit, Aktfotos seiner ungezählten Geliebten zu erstellen. Als Felipe kurz darauf Selbstmord begeht, lässt der bittere Verdacht den Mann nicht mehr ruhen; er stellt Nachforschungen an, findet verdächtige Fotos, nimmt Kontakt zu früheren Freunden auf, von denen er sich vor Jahren im Streit getrennt hat, fragt und forscht. Am Ende steht eine (zweifelhafte) Gewissheit...
Jorge Edwards Roman hinterlässt bei mir ein sehr ambivalentes Gefühl: er ist zweifellos handwerklich ordentlich gemacht (auch wenn ich einen Perspektivwechsel nicht verstehe) und ansatzweise spannend. Allerdings erscheint mir die Seelenqual des Protagonisten angesichts des dürftigen Verdachts doch sehr von Altherrenängsten und dem südamerikanischen Machismo geprägt zu sein. Bei allem fehlt das gewisse Etwas, das einen zum Weiterlesen zwingt, die Tiefe, die dafür sorgt, dass eine Geschichte in Erinnerung bleibt.
Ein routiniertes kleines Buch, das man lesen kann, aber nicht lesen muss. Knappe drei Sterne, weil man hier nicht zweieinhalb vergeben kann (und zwei wären wirklich ungerecht).
Aber überlegen Sie sich, ob sie die hier besprochene Hardcover-Ausgabe (ohne Schutzumschlag) im Bus oder der U-Bahn lesen; da das titelgebende Gemälde auf der Vorderseite abgebildet ist, wird Ihnen dies zumindest einige abschätzige Blicke oder entsprechende Bemerkungen der Mitreisenden eintragen und da gibt es meiner Meinung nach deutlich lohnendere Bücher oder Bildbände für die man sich die entsprechenden Kommentare gerne einhandelt.