"Der Ursprung des Kunstwerkes" ist ein schmales Büchlein und doch ein kräftiger Anstoss zum Denken. Heidegger fragt nach dem Werkhaften des Werkes und stellt das Werk dem Ding und dem Zeug gegenüber. Die bloss daseienden Dinge werden auf ihre Nutzbarkeit hin befragt, zu Zeug umgeschaffen, dessen Wesen in seiner Verlässlichkeit liegt.
Wenn das Werkhafte des Werkes verstanden werden will, muss es aus dessen Dinghaftigkeit (seiner Materialgebundenheit) und seiner Zeughaftigkeit (dem Kunstbetrieb) herausgelöst werden. Das Kunstwerk ist so nichts innerweltlich Vorfindliches, sondern es stiftet eine Welt, indem es der Benutzung widersteht und die Dinge als solche in die Unverborgenheit bringt.
Diese Lichtung als Streit der verschliessend-hervorbringenden Erde und der Offenheit der Welt ist nicht nur der Ort der Schönheit, sondern zugleich der der Wahrheit.
Die Kunst ist für Heidegger ihrem Wesen nach Dichtung, denn erst mit der Sprache eröffnet sich die Welt und somit jene Unverborgenheit, in der sich das Kunstwerk ereignen kann.
So weit, so gut. Die Abhandlung ist in der Mitte zwischen dem Früh- und dem Spätwerk des Philosophen. Wir finden hier noch die mächtige Sprache von "Sein und Zeit", doch leider auch schon die verquaste Wortakrobatik des Seinsmystikers.
Heidegger verbannt entschieden den Künstler aus dem Wesen des Kunstwerkes. Das wesentliche Kunstwerk ist in sich ständig, es hat sich ereignet. Diese Abkehr vom romantischen Geniebegriff leitet auch Heideggers Abkehr vom Subjekt ein, aus dem Sein wird das Seyn.
Insofern wird Heideggers Begriff der Erde, der nicht die stoffliche Erde des Ackers und auch nicht die planetarische Erde meint, aber mit beiden Bedeutungen spielt und sie metaphysisch auflädt, ein Schlüsselbegriff. Die Argumentation wird nicht unsinnig, doch krude, gerät in ein Fahrwasser, das nur noch für die Jünger des Meisters geschaffen ist.
Auch wie er zwischenzeitlich die Wahrheit und die Schönheit in eins zu setzen scheint, mutet übermässig kühn, wenn nicht verantwortungslos an. Später erfahren wir immerhin, dass es auch andere Modi gibt wie Wahrheit west, doch warum etwa die 'staatsgründende Tat' als etwas zu deuten ist, wo Wahrheit west, doch nicht die Wissenschaft, erfährt nicht einmal die Andeutung eines Nachweises.
Heidegger, dessen Heroen in der Kunst Hölderlin und van Gogh und nicht Joyce und Picasso heissen konnte eigener Aussage nach "das Wegweisende der modernen Kunst nicht sehen."
Er arbeitet geschickt mit Beispielen. Den Begriff der Erde leitet er mit Ausführungen über einen griechischen Tempel ein, der den Menschen ein Gesicht gibt, indem der die Götter anwesend sein lässt und indem er einen Stand hat, aus etwas aufragt, was dessen Grund ist.
Die Zeughaftigkeit legt er an einem van Gogh-Bild dar, das Bauerschuhe datstellt. Jedoch handelt es sich nicht um die Schuhe einer Bäuerin, noch wahrscheinlich überhaupt um ein paar Schuhe. Genaues Hinsehen war Heideggers Sache nicht.