Amazon.de-Hörbuchrezension
Der Untertan, die Geschichte Diederich Heßlings, in jungen Jahren von einem drakonisch strafenden Vater und einer saumseligen Mutter großgezogen, anschließend weiter zurechtgeschliffen im Schul- und Militärdrill der wilhelminischen Ära, gerät bei Heinrich Mann zum Fallbeispiel deutscher Katzbuckelei und Tyrannenmentalität, die sich Macht und Gewaltstrukturen unterwirft, um letztlich an ihnen teilhaben zu dürfen. Heßling, vordergründig als Aufsteiger gefeiert, übernimmt die väterliche Papierfabrik und wird zum mächtigsten Bürger der fiktiven Kleinstadt Netzig. In seiner Mimikri geht er dabei soweit, neben der chauvinistischen Phrasendrescherei der Deutschnationalen auch noch das äußere Erscheinungsbild des Kaisers zu imitieren. Eine "Bilderbuchkarriere", wie sie nur durch "ein Sinken der Menschenwürde unter jedes bekannte Maß" zustande kommen konnte, wie Heinrich Mann in einem Brief von 1906 festhielt.
Verkörperte in einem der gelungensten deutschen Spielfilme der Nachkriegszeit noch der grandiose Werner Peters den ölig-feisten Heßling, so übernimmt in dieser Hörspielfassung von 1971 Heinz Drache den Part. Zusammen mit ihm ist eine halbe Hundertschaft der gesamten damaligen deutschen Schauspielerelite angetreten -- Namen wie E.O. Fürbringer, Karl Lieffen, Hans Caninenberg, Hans Quest oder Lore Lorentz bürgen für die absolute Qualität dieses fast sechsstündigen Lesemarathons.
Ein hochpolitisches, hochmoralisches Lehrstück und -- beinahe ein Jahrhundert nach seinem Erscheinen -- noch immer hochgültig. Spieldauer ca. 350 min., 5 CDs. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Der Untertan
OA 1916 (Privatdruck; Vorabdruck in Zeit im Bild 1914)Form Roman Epoche Moderne
Der Untertan von Heinrich Mann gilt als die schärfste Satire auf die machtverherrlichende, nationalistische Gesellschaft unter der Regierung von Kaiser Wilhelm II. (18591941).
Entstehung: Erste Notizen gehen bis auf 1906 zurück. Die kontinuierliche Arbeit am Roman fällt in die Zeit 1911/1214. Abgeschlossen war er bereits Anfang Juli 1914, zwei Monate vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Ein Vorabdruck in der Illustrierten Zeit im Bild (ab 1. Januar 1914) musste vorzeitig abgebrochen werden, da, wie der Herausgeber an Mann schrieb, »im gegenwärtigen Moment nicht in satirischer Form an den deutschen Verhältnissen Kritik geübt werden könne«. 1916 erschien Der Untertan als Privatdruck; erst unmittelbar nach Kriegsende wurde der Roman veröffentlicht.
Inhalt: In sechs Großkapiteln wird die Aufstiegsgeschichte des Kleinstadtpotentaten Diederich Heßling erzählt, der um 1870 geboren wird: ein symbolträchtiges Datum, das den Protagonisten als Repräsentanten der spätgründerzeitlichen Epoche erscheinen lässt. Im Zentrum der Lebensgeschichte Heßlings stehen die Jahre 189097. Diederich erfährt seine frühe Prägung als empfindsames Kind eines Kleinunternehmers, das in seiner Individualität gebrochen wird durch die als schrankenlos erfahrene Macht des Vaters und anderer »furchtbarer Gewalten« vom »lieben Gott« bis zum Schullehrer, denen das Kind Gehorsam leisten muss. Der Heranwachsende entwickelt gegenüber Machtpersonen autoritäre Unterwürfigkeit, gegenüber Schwächeren hält er sich aggressiv schadlos der Untertan als sadomasochistischer Sozialtyp wird erzogen, nicht geboren. Mit seinem Studium der Chemie in der Reichshauptstadt Berlin vollendet sich das Untertanen-Profil Diederichs: Er wird Mitglied der Studentenverbindung der »Neuteutonen«, die ihn lehrt, sein Individual-Ich an das »große Ganze« von Wissenschaft, Korporation, Militär, Bürokratie, deutschnationaler Partei, Staatskirche und Monarchie abzutreten. Als glühender Monarchist kehrt Heßling aus Berlin in seine Heimatstadt Netzig zurück. Die Geschäftsübernahme der kleinen Papierfabrik seines verstorbenen Vaters gestaltet sich als bewusste Imitation des Regierungsantritts von Kaiser Wil- helm II. Es gelingt Heßling, durch Anpassung an den nationalen Zeitgeist, durch Intrigen, Denunziation und Betrug nicht nur seine Konkurrenten auszuschalten und die Papierfabrik hochzubringen, sondern auch politisch und ökonomisch die Macht in Netzig an sich zu reißen. Er wird Großaktionär einer Papier-Aktiengesellschaft und deren Generaldirektor, er schafft es, durch Manipulationen die Aktienmehrheit an sich zu bringen und seine eigene Fabrik ertragreich zu verkaufen, er kontrolliert die städtische Presse sowie die lokale Verwaltung und er wird so zur politisch einflussreichsten Person von Netzig. Sein sozialer Aufstieg vollendet sich auf der familialen Ebene. Er heiratet gezielt die begüterte Guste Daimchen und hat mit ihr drei Kinder, deren weitere Lebensgeschichte unschwer zu prognostizieren ist der Weg des Untertanen wiederholt sich.
Aufbau: Der negativen »Bildungs«- und Aufstiegsgeschichte des Deutschnationalen Heßling entspricht eine Abstiegsgeschichte der Niedergang und die gesellschaftlich-ökonomische Deklassierung der durch die Tradition des bürgerlichen Liberalismus geprägten Honoratiorenfamilie Buck. Deren Seniorchef verkörpert als überlebender Achtundvierziger die politische Vorstellungswelt des revolutionären Bürgertums, während für seinen Sohn Wolfgang das altliberale Ethos der Volkssouveränität und der Sorge um das öffentliche Wohl nur noch Rhetorik darstellt. Als Gegenspieler Heßlings verachtet Wolfgang Buck eine Bourgeoisie, die ihre freiheitlichen Ursprünge verraten hat und reagiert darauf aber als Ästhet und Intellektueller. Er durchschaut, wo der stramm-nationale Bourgeois-Bürger Diederich »blitzend, gesträubt und blond gedunsen« agiert.
Der Roman arrangiert in analytischer Absicht Wirklichkeitsmaterial zu satirischen Wirklichkeitsbildern. Dabei geht es nicht um einen naturalistischen Abbildrealismus, sondern um eine Typisierung von Mentalitaten und sozialen Mechanismen, welche die Realität zur Kenntlichkeit entstellen.
Wirkung: Der Roman wurde ein überwältigender Erfolg. Bis heute ist die Kritik an diesem satirischen »Bürgerspiegel« von konservativer Seite nicht abgerissen. Unter der Regie von Wolfgang Staudte wurde Der Untertan 1951 verfilmt. R. W.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
ab 1893 Heinrich Mann unternimmt nach abgebrochenen Versuchen im Buchhandel, Verlagswesen und an der Berliner Universität Reisen durch Frankreich und vor allem durch Italien.
1897 Erscheinen der ersten Erzählungssammlung Das Wunderbare.
1898 Erzählungssammlung Das Verbrechen.
1900 Erscheinen des ersten Romans Im Schlaraffenland.
1903 Romantrilogie mit dem Titel Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy.
1904 Niederschrift und Erscheinen des Romans Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen.
1909 Der Roman Die kleine Stadt erscheint. Ort der Handlung ist Palestrina, wo sich Heinrich Mann um die Jahrhundertwende einige Monate mit seinem Bruder Thomas aufgehalten hatte.
1910 Erscheinen des für die Begründung des politischen Expressionismus wichtigen Essays Geist und Tat.
1914 Ab 1. Januar Vorabdruck des Romans Der Untertan in der Münchner Zeitschrift »Zeit im Bild. Moderne illustrierte Wochenschrift«, im August 1914 wegen Ausbruch des 1. Weltkriegs eingestellt.
1915 In den »Weißen Blättern« erscheint der Essay Zola; der programmatische Text führt zum jahrelangen Streit mit seinem Bruder Thomas, der 1918 in Betrachtungen eines Unpolitischen eine extreme Gegenposition bezieht.
1917 Erscheinen des Romans Die Armen.
1918 Erscheinen des Romans Der Untertan als Buch; der Roman wird als Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland aufgenommen und macht Mann schlagartig berühmt.
1931 Mann vereinigt die Romane Die Armen, Der Untertan und Der Kopf in der Trilogie Das Kaiserreich.
1919-1931 Veröffentlichung zahlreicher Essay-Sammlungen, die Mann als überzeugten Republikaner und scharfen Kritiker des wiedererstarkenden Nationalismus zeigen.
1927-1932 Erscheinen der Romane Mutter Marie (1927), Eugénie oder Die Bürgerzeit (1928), Die große Sache (1930) und Ein ernstes Leben (1932).
1933 Der auch von Käthe Kollwitz unterzeichnete Aufruf mit der Aufforderung an SPD und KPD zu einem einigen Kampf gegen den Nationalsozialismus dient als Vorwand, Manns Austritt aus der Akademie zu erzwingen.
21.2.1933 Flucht nach Frankreich, wo sich Mann in Nizza niederläßt.
ab 1935 Versuch, eine breite politsche Sammlung der Emigranten zu organisieren.
1935/1938 Erscheinen des monumentalen zweibändigen Romans Die Jugend des Königs Henri Quatre / Die Vollendung des Königs Henri Quatre.
1940 Im August Flucht über Spanien und Portugal in die USA; Einjahresvertrag mit dem Studio Warner Brothers.
bis 1945 Mann verfaßt sein Memoirenwerk Ein Zeitalter wird besichtigt.
1949 Erscheinen des Romans Der Atem.
12.3.1950 Mann stirbt in Santa Monica/Kalifornien kurz vor einer geplanten Rückkehr nach Ost-Berlin, wo die Präsidentschaft der neugegründeten Akademie der Künste antreten sollte. Postum erscheinen die Fragment gebliebenen Szenen Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen (1960) und der Altersroman Empfang der Welt (1956).