Jeden Tag liest man irgendwo einen Beitrag über islamistischen Terror, Al Qaida, Moscheenbau, Minarettverbote, Kopftuchverbote; bei Sarrazin wird schon mal eine ganze abendländische Nation abgeschafft, allein über die Geburtenquotendifferenz - und quasi über Nacht kam nun auch noch die arabische Revolution - und dann das:
der Islam soll untergehen?
Das zumindest behauptet der Autor allen Ernstes. Er ist Ägypter und weiß, wovon er redet - weil er selbst als Muslim aufgewachsen ist. Er lebt inzwischen in Deutschland und ist Politikwissenschaftler - sein Beurteilungshorizont liegt daher weit über dem Durchschnitt eines "Otto Normalverbrauchers".
Er identifiziert den Islam grundsätzlich als eine antike, monotheistische Religion, die dazu angelegt sei, die Menschen in Passivität und Autoritätshörigkeit zu halten. Für die Probleme der modernen Welt hätte diese Religion keine Lösungen mehr anzubieten. Daher seien auch schon seit mehreren Jahrhunderten keine nennenswerten Beiträge mehr aus muslimisch geprägten Ländern gekommen, egal, ob es sich um Philosophie, Wissenschaft oder Technik handelt. Gegenüber dem Westen seien diese Länder daher hoffnungslos ins Hintertreffen geraten - und das kreative Potential in diesen Ländern werde dadurch immer noch blockiert.
Die Muslime würden dies spüren, könnten die Ursachen dafür aber meist nicht festmachen. Und so entwickelten sie eine geradezu schizophrene Haltung gegenüber dem Westen: einerseits würden sie oftmals hemmungslos auf alles Westliche einprügeln, weil der zwar als überlegen, aber gleichzeitig als verantwortlich für ihre Misere wahrgenommen würde; andererseits würden sie sich völlig kritiklos dem hemmungslosen Konsum westlicher Güter hingeben.
Modernisierung auf der Grundlage der Aufklärung, wie ihn der Westen durchlaufen hat, sei der muslimischen Welt fremd. Ergo würden alle Modernisierungsversuche höchstens oberflächlicher Natur sein können - der Muslim würde immer der Auffassung sein, dass alles Geschehen von außen käme - in erster Linie von Allah als Prüfung, oder wenigstens von einer säkularen Instanz, die ihm sagt, wo es langgehen soll. Diese Haltung beschränke sich nun keineswegs auf die ärmeren Schichten - sie sei überall in der muslimischen Welt verbreitet.
Der Autor folgert daraus, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die jungen Muslime nicht mehr auf diese archaische Weise gängeln lassen wollten. Und dann würde es im weiteren Verlauf rapide mit dem Islam bergab gehen. Aber er zeigt auch das Konfliktpotential auf, das sich hieraus ergeben könnte.
Das Buch wurde bereits geraume Zeit vor der arabischen Revolution geschrieben - und liest sich im Nachhinein tatsächlich wie eine Prognose! Diese Revolution ereignet sich inzwischen, vielleicht für manche überraschend - und niemand weiß genau, worauf sie hinauslaufen wird.
Zu ergänzen bliebe noch, dass diese Prognose keineswegs auf die muslimisch geprägte Welt beschränkt ist. Man kann durchaus auf die Idee kommen, dass sich dieses prognostizierte Schicksal alle ähnlich gestrickten Religionen und Machtstrukturen teilen dürften - evangelikale Fundis oder erzkonservative Katholiken seien hier stellvertretend für alle anderen genannt.
Dieses Buch sollte jeder lesen, der unsere Zeit ein bisschen besser verstehen will! Es ist flüssig geschrieben, die Argumentationen sind schlüssig und rational - und häufig auch durch Beispiele untermauert von Geschehnissen, die der Autor selbst erlebt hat.
Unbedingt empfehlenswert!