Das Buch ist die Geschichte der Herrschaft des Winston Spencer Churchill als britischer Premierminister. Daran, so sollte man meinen, herrscht kein Mangel, doch das Besondere am Buch von Charmley ist es, dass es aus britischer Sicht, das Missverhältnis von Kriegführung und Kriegszielpolitik untersucht. Zudem wird das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA vertieft thematisiert.
Mit ersterem zu beginnen: Nach den Thesen von Charmley verfolgte der britische Kriegspremier das Ziel, das Deutsche Reich militärisch zu schlagen und zwar in einer Weise vernichtend, dass es sich hiervon nicht wieder erholen und somit nie wieder eine Bedrohung für Großbritannien werden könnte. Demgegenüber, so Charmley weiter, habe es dem britischen Premier an einer klaren Ausprägung einer Kriegszielpolitik gemangelt. Die gesamte Nachkriegsordnung sei auf die lange Bank geschoben worden, so dass sie schließlich und endlich von den US Amerikanern und der Sowjetunion Stalins allein bestimmt worden sei. Die britischen einstigen Weltmachtinteressen mussten sich dem unterordnen. Der Zerfall des Empires war die notwendige Folge.
Die zweite These des Autors betrifft das britisch-amerikanische Verhältnis und sie besagt, dass die von Churchill stets im Munde geführte Sonderbeziehung zwischen den beiden Staaten ein Phantom gewesen sei. Folgt man Churchill, so beruhte diese Sonderbeziehung auf sprachlicher und vermeintlich kultureller Übereinstimmung und angeblicher rassischer Überlegenheit. In der politischen Realität war die Beziehung, so Charmley, bestenfalls ein einseitiges Liebeswerben von der britischen Seite, das von Amerika nicht erwidert wurde. Großbritannien, noch von den an die USA zurückzuzahlenden Kriegskosten des Ersten Weltkriegs belastet, habe sich in einen Krieg gegen das Deutsche Reich gestürzt, der erneut schwerste materielle Opfer gefordert habe, die nur durch Kreditfinanzierung aus den USA zu bewältigen waren. Die britischen Hoffnungen, dass die USA sich solidarisch an diesen Kosten beteiligen würden, hätten sich nicht erfüllt, im Gegenteil, Großbritannien wurde während des Krieges gezwungen, die Haupteinnahmequellen aus den kolonialen Besitzungen auf Nimmerwiedersehen an die USA zu verpfänden. Auch aus diesem Grunde war der Zerfall des Empires nicht mehr zu bremsen.
Charmley erklärt die Beziehungen zwischen Großbritannien und den USA so, dass die auswärtige Politik beider Staaten, in unüberbrückbarem Gegensatz gestanden habe. Großbritannien habe nach Jahrhunderte altem Strickmustern die Welt in Einflussgebiete einteilen wollen, womit es sich partiell mit Stalin auf einer Ebene traf, während die USA dies aus langandauernder kolonialer Aversion abgelehnt habe, woraus die offene und verdeckte Unterstützung von nationalistischen Befreiungsbewegungen in aller Welt gefolgt sei. Hierdurch wurden die Kolonialreiche Frankreichs, Großbritanniens und der Niederlande in Asien und Afrika zerstört. Und so wurde Großbritanniens Abstieg von der Weltmacht zur Mittelmacht in Insellage am Nordostrand von Europa besiegelt, einem Europa, das zur Jahrtausendwende vom Wirtschaftskoloss Deutschland erneut dominiert wird.
Man muss die Thesen von Charmley nicht teilen, doch bedenkenswert sind sie schon. Sie setzen sich dezidiert in Widerspruch zu den gängigen Deutungen der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die darauf fußen, dass Großbritannien dem deutschen Tyrannen getrotzt und ihn so letztlich besiegt habe. Das war und ist in Großbritannien und in Deutschland für Jahrzehnte ein wohlfeiles Deutungsmuster, doch es stimmt in dieser Schärfe nicht. Nicht Großbritannien besiegte die Wehrmacht, sondern es war die Rote Armee, der in den kriegsentscheidenden Jahren 1941 bis 1943 dieses Verdienst zukommt, und man könnte hinzufügen, nur ihr kommt es zu.
Kritiker mögen zudem einwenden, dass das Ende des britischen Empires ohnedies auf der Agenda der Weltgeschichte gestanden habe. Das mag sein, beweisen kann es niemand. Doch steht fest, dass die Kriegsteilnahme und der Kriegsverlauf den Verfall der britischen Herrschaft in ein rasendes Tempo verwandelt haben. Die USA nahmen die freigeräumten Positionen ein, oder sie bildeten es sich zumindest ein. Am amerikanischen Wesen sollte fortan die Welt genesen. Manche Länder taten dies freiwillig, bei anderen wurde nicht nur mit Dollars, sondern auch mit Waffengewalt nachgeholfen. Die augenblickliche Lage im Nahen und Mittleren Osten lässt nicht erkennen, dass dieses Rezept besonders erfolgreich gewirkt hätte. Insofern ist nahezu hellsichtig, was Charmley über die in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Ägypten stattgefundene Wachablösung zwischen Großbritannien und den USA zu Papier gebracht hat.
Will man Kritik an dem Buch üben, so ist wohl am ersten angezeigt, darauf hinzuweisen, das der Autor nicht scharf genug herausarbeitet, wo denn nach seiner Auffassung die eigentlichen Entscheidungspunkte der britischen Politik gewesen sind. Mit anderen Worten: Wann und wie hätte ein verantwortungsvoller britischer Politiker eine andere Entscheidung, und wenn ja welche Entscheidung fällen müssen, und zu welchem Ergebnis hätte diese mutmaßlich geführt. Doch Geschichte ist keine Frage von Falsch und Richtig. Sie handelt lediglich von Wann und Warum. Wie gesagt, man muss die Thesen von Charmley nicht teilen, lesenswert sind sie allemal.