Neue Zürcher Zeitung
Versuche über das Unbegreifliche
Zwei Jugendbücher auf den Spuren von Liebe und Hass
Auf dem Marktplatz der Jugendliteratur sind Themen gefragt, die Jugendliche bewegen oder zumindest betreffen: zunehmende Gewaltbereitschaft, Magersucht, Rechtsradikalismus usw. Um der schwierigen Aufgabe, sich in heutige Jugendliche zu versetzen, zu entgehen, orientieren sich Autorinnen und Autoren zunehmend an den literarischen Standards der allgemeinen Belletristik, um dann, quasi durch die Hintertür, doch noch Identifikationsforen für Jugendliche zu schaffen. Der Schwede Mats Wahl und der Holländer Bart Moeyaert sind zwei für ihr literarisches Gespür bekannte Spezialisten auf diesem Gebiet. In ihren neuesten Jugendromanen findet jeweils eine Entwicklung im Sinne einer (Auf-)Klärung statt, und doch bleibt am Ende das Unbegreifliche unbegreiflich. Es werden also keine konkreten Lösungsansätze aufgezeigt.
Mats Wahl hätte eigentlich einen klassischen Kriminalroman für Erwachsene geschrieben, mit einem Kommissar als Protagonisten, der sich um das Verschwinden eines Jugendlichen zu kümmern hat wenn da nicht noch der titelgebende «Unsichtbare» wäre: Hilmar Eriksson, der Vermisste. Die Geschichte wird unter anderem auch aus dessen Sicht erzählt, vor allem im ersten Teil des Buches. Zu Beginn ist sich Hilmar seines Unsichtbarseins noch gar nicht bewusst. Mit zunehmender Erkenntnis nimmt dann aber sein Bezug zur Realität zu den von Kommissar Fors geführten Ermittlungen hinsichtlich seines Verschwindens ab, und nach und nach wird es auch für die Leser(innen) zur Gewissheit, dass Hilmar etwas Schreckliches zugestossen sein muss. Je näher Kommissar Fors der Wahrheit kommt, je stärker er eine rechtsradikal orientierte Gruppe von Jugendlichen einkreist, desto mehr verwirrt sich der Geist des «Unsichtbaren». Bis er, als er noch lebend und gleichzeitig sterbend gefunden wird, für sich selbst auch nur noch jenes blutende Bündel ist, das die Jugendlichen, allen voran eine junge Frau als Hauptaggressorin, nach den Misshandlungen in einem Laubhaufen vergraben haben. Der Autor versucht einerseits, über seinen Kommissar den Motivationen der gewalttätigen Jugendlichen näherzukommen, was nach den Gesetzen des sozialkritischen Kriminalromans ja gar nicht gelingen darf. Andererseits bemüht er sich aber doch, den Tod Hilmars durch pseudoreligiöse Erklärungen erträglicher zu gestalten.
«Es ist die Liebe, die wir nicht begreifen» nennt Bart Moeyaert seinen Kurzroman. Es ist in erster Linie seine jugendliche Protagonistin (sie befindet sich wohl in einem frühpubertären Stadium), die nicht begreift: die eigentümliche Liebe ihrer Mutter vor allem, welche sich ständig mit neuen und immer völlig unmöglichen Männern einlässt und dabei ihre Kinder vernachlässigt. In Gewalt ausartende Streitereien sind die Folge. Denn nicht nur der fast schon erwachsene Bruder, auch die Ich-Erzählerin und die grosse Schwester fühlen sich verantwortlich und sind dieser Verantwortung kaum gewachsen, ist da doch noch die kleine Schwester Edie, ein bisschen autistisch und voller Urvertrauen. Zumindest sie soll vor der Realität der grausamen Erwachsenenliebe geschützt werden. Moeyaert hat seine Geschichte in einer seltsam schwerelosen Umgebung angesiedelt. An einem nicht näher bezeichneten Ort, der deutlich Züge der sechziger Jahre trägt, also wohl auch vom Autor erlebte Kindheit verarbeitet. Das schafft eine irritierende Fremdheit, die sich von Beschränkungen der Jugendliteratur völlig gelöst zu haben scheint. Und dann doch, über die extreme Kürze des Buches und ein Gefühl der Unvollständigkeit, wieder darauf zurückweist.
Gerda Wurzenberger
Pressestimmen
"Wahls Buch ist ein Muss." Henning Mankell "Der großartige Erzähler Mats Wahl scheut in dieser Anklage der brutalen Gewalt und Gleichgültigkeit der Gesellschaft die leisen Töne nicht. Dicht bleibt er an seinen Figuren, diesem Sog entzieht sich niemand." Sybil Gräfin Schönfeld, Hits für Kids "Mats Wahls eigenwillige Dramaturgie aus realistischen und transzendenten Elementen sträubt sich dagegen, in Schubladen gesteckt zu werden.(...) Die Geschichte gibt keine Antworten. Sie spürt nur aufmerksam dem Geflecht nach, in dem Gewalt gedeihen kann, und sie schärft das Gehör für die Stimmen der Unsichtbaren." Siggi Seuss, Die Zeit, 08.11.01 "Mats Wahl ... hat mit "Der Unsichtbare" ein einfühlsames Buch geschrieben, das sich zwischen Fiktion und realistischer Schilderung souverän bewegt." Margit Lesemann, Der Tagesspiegel, 10.10.01 "Ein psychologischer Kriminalroman - der ebenso spannend wie beklemmend ist ... Er ist ein Wallander im Jugendbuch. " Monika Klutzny, Die Welt, 10.11.01 "Es gibt wenige Schriftsteller, die große Dramen und Gefühle in so sachlicher Weise, zurückgenommen, genau beobachtet, brillant darstellen können wie der Schwede Mats Wahl. Ein großartiges Buch, das jeder lesen sollte, der älter als vierzehn ist, nicht nur Jugendliche." Eselsohr, 10/02 "Ein spannender Krimi vor aktuellem Hintergrund." Focus, Die besten Sieben für junge Leser, 6.08.02