Ein düsterer, unfreundlicher Winterabend. Laut heulend peitscht der Wind dicke Schneeflocken vor sich her, die Straße ist menschenleer bis auf die vermummte Gestalt, die sich mühsam ihren Weg durch den frischgefallenen Schnee bahnt. Das ist eine teure Kindheitserinnerung, ein mit wohligem Schauder besetztes Déjà-vu. So beginnt der Gruselklassiker "The Invisible Man" (1933) von James Whaler, der auch den klassichen Frankenstein-Film (1931) mit Boris Karloff sowie die etwas skurrilere Fortsetzung "Bride of Frankenstein" (1935) in Szene gesetzt hat. Ganz klar, dieser Film hat mir als kleinem Jungen Ende der 70er manche schlaflose Nacht beschert, auch wenn er auf den modernen Zuschauer von heute kaum mehr wirklich bedrohlich wirken dürfte.
"The Invisible Man" erzählt die Geschichte eines jungen Wissenschaftlers namens Griffin (Claude Rains in seiner ersten Tonfilmrolle - was für eine beeindruckende Stimme, auf die er bei seiner Darbietung freilich auch in besonderem Maße angewiesen ist!), der mittels eines unter die Haut gespritzten Serums unsichtbar wird und nun - ein wenig spät - auf der Suche nach einem Gegenmittel ist. Eine ihm nicht, aber dafür seinem Doktorvater (Henry Travers) bekannte Nebenwirkung eines der Bestandteile dieses Serums besteht darin, daß Aggressionen gefördert werden. Und schon bald ergibt sich Griffin dem Größenwahn und zwingt seinen ehemaligen Kollegen Kemp (William Harrigan), ihm bei der Verfolgung des Plans, die Weltherrschaft zu ergreifen, zu helfen. Einzig die Liebe zu seiner Verlobten Flora (Gloria Stuart) scheint seine Aggressionen dämpfen zu können, aber leider hat er schon einen Menschen getötet, so daß ihm die Polizei auf den Fersen ist.
James Whaler ist mit diesem Gruselklassiker ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der auch mit Tricks aufwarten kann, die für die damalige Zeit erstaunlich realistisch anmuten. Um den Effekt der Unsichtbarkeit hinzubekommen, mußte sich Rains von Kopf bis Fuß in schwarzen Samt hüllen und wurde dann vor einem schwarzen Hintergrund gefilmt, wobei er sich seiner Vermummung entledigte (vgl. imdb). Einfache Mittel, verblüffende Wirkung. Da fallen dann kleinere Fehler nicht mehr ins Gewicht, wie die Tatsache, daß wir im Schnee Spuren von Schuhsohlen sehen, wo der Unsichtbare doch eigentlich nackt sein sollte.
Der Film scheint eine Warnung vor den unüberschaubaren Konsequenzen zu sein, die entstehen können, wenn Wissenschaftler sich zu sehr von ihrem Ehrgeiz treiben lassen und schließlich an sich selbst - oder anderen Menschen - experimentieren. Das Verhängnis einer solchen Einstellung bringt Kemp, allerdings wahrscheinlich aus selbstsüchtigen Motiven, zum Ausdruck, wenn er an einer Stelle des Filmes zu Flora über seinen Kollegen sagt: "He meddled in things that man must leave alone." Schon am Anfang setzt der Film die Einsamkeit des von Hybris getriebenen Wissenschaftlers visuell in Szene, wenn der Unsichtbare von Kopf bis Fuß eingehüllt durch die Winternacht stapft, während in der Gastwirtschaft munteres und geselliges Treiben herrscht - komisch veredelt durch die überdrehte, in Überdosis freilich etwas nervige Una O'Connor als Gastwirtin, die wir auch aus "Bride of Frankenstein" kennen. Im Film wird Griffins Wahnsinn durch eine ihm unbekannte Nebenwirkung seines Serums hervorgerufen, während die literarische Vorlage aus der Feder H.G. Wells' hier noch radikaler ist, läßt Wells seinen Protagonisten doch einzig durch die mit seiner Unsichtbarkeit verbundene Macht dem Größenwahn verfallen. Es bedarf bei Wells keines biochemischen Einflusses, damit der Mensch korrumpiert wird, sondern nur der Lockung der vermeintlichen Überlegenheit, die ihm die Wissenschaft verleiht.
Wells' Vorlage wurde auch in einigen anderen Punkten verändert: So ist der literarische Kemp ein ziemlich beherzter und rationaler Mann, während sein filmisches Pendant ein leisetreterischer Feigling ist. Demgegenüber ist Wells' Griffin schon vor seinem Experiment in der Wahl seiner Mittel nicht gerade skrupelhaft, bestiehlt er doch seinen eigenen Vater, um seine Forschungen zu finanzieren. Auch die Liebesgeschichte zwischen Griffin und Flora ist ein dramaturgisches Zugeständnis an den Geschmack des Kinopublikums und könnte aus Mary Shelleys "Frankenstein" entlehnt sein, in der der Protagonist durch die Folgen seiner Wissenschaft um seine Liebe gebracht wird.
Die DVD enthält sehr interessantes Bonusmaterial, zum einen einen Audiokommentar durch den Filmhistoriker Rudy Behlmer. Zum anderen - dies finde ich noch interessanter - ein von Behlmer moderiertes Feature (circa 20 Minuten, ich habe vergessen, auf die Dauer zu achten) über "The Invisible Man", in dem auf die Inszenierung, die Tricks und auch auf Wells' und Whalers Bemühungen, die Botschaft der Vorlage möglichst unbeschadet zu transportieren, eingegangen wird. Insgesamt wird dem filminteressierten Zuschauer wirklich viel auf dieser DVD geboten.