Das tausendjährige Reich hat zumindest für tausend Jahre Stoff für Berichte, Erzählungen, Märchen geliefert. Märchen haben ihre eigene Logik, sie sind für einen Erwachsenen nicht mit der Wirklichkeit verwechselbar, haben aber ein verstecktes Zentrum in wirklicher Erfahrung. Tournier ist fasziniert von einem märchenhaften Deutschland, einem romantischen Ostpreußen, dem gewaltsam-gewaltigen Pomp des Nationalsozialismus, wie er sich in Göring verkörpert hatte, vom Geheimnis der Marienburg und der dort untergebrachten Napola-Knabenzucht. Die Gefahr liegt auf der Hand: mit dem „Erlkönig" hat Tournier ein Werk geschaffen, das aus vielen Facetten einer recherchierten Wirklichkeit und einer kindlichen Imagination besteht - mißt man mit einem nüchternen Maßstab (und man muß es, weil der „Erlkönig" am Ende kein Märchen, sondern ein mit Fakten angereicherter Roman ist) - so wird vieles unerträglich sentimental und damit zynisch. Dies: sentimental und zugleich zynisch werden ist übrigens die ständig drohende Gefahr bei einer erotisch getönten Annäherung an die Kinderwelt. Tournier setzt sich dieser Gefahr immer wieder aus, der Leser fühlt eine Mischung aus Respekt und Unbehagen. Nun macht Schlöndorff daraus einen Babelsberger Film mit amerikanischer Ambition: üppige Ausstattung und Perfektion. Auch wer den Film nicht gesehen hat, nur die im Buch veröffentlichten Bilder sieht, wird sofort verstehen: der Roman wurde nicht gnadenlos von jeder Sentimentalität bereinigt, er wurde weder auf einen nüchternen Realismus reduziert, noch auf ein signifikantes Märchenniveau angehoben, sondern die Schwächen des Romans wurden geradezu auffallend illustriert. „In keinem Augenblick geht es um Wirklichkeit (...) immer nur um Mythen, und doch ist der Film eminent politisch, denn er spielt ja nicht irgendwann und irgendwo" - so entlarvt sich Schlöndorff im Nachwort des Buchs zum Film. „Mythos" bedeutet für Schlöndorff aber nicht Vertiefung, Reduktion - sondern: blind der Sentimentalität nachgeben. „Politisch" heißt bei ihm: inpotent, ein „Irgendwann und Irgendwo" zu erfinden, sondern lieber ein paar Historiker bemühen für eine passable, wenn auch teure Ausstattung - der gewöhnliche Zuschauer mag alles für historisch glaubhaft halten. Man kennt die authentischen Fotos der Zeit, in schwarz-weiß. (Neuerdings tauchen historische Farbfotos auf - man wird etwas unsicher und fragt sich: wurden die nachgefärbt? Was zu denken gäbe.) Mit Sicherheit wird man im Buch die eingestreuten historischen Fotos von Filmfotos auf Anhieb unterscheiden. Dies ist das einzige Vergnügen. Diese weichen Gesichter der Statisten-Soldaten! Diese Friseure, die einem eben Überlebenden ein wundervoll lockeres Haar verleihen, diese kostbaren, unbedingt zu schonenden Uniformen mit vorsichtig angebrachtem Schmutz! Fettiges, Schmieriges - verboten! Wer kennt nicht Film-Besprechungen im Radio, mit zitiertem Film-Originalton ? Wer wußte nicht sofort: so wird nur im Kino gesprochen! Eines Tages sollte unsere hoch künstliche Film-Ikonographie untersucht werden. (Als Schlöndorff mit sparsamen Mitteln den „Törleß" drehte, war noch so etwas wie Kunst entstanden.) Dieses Buch ist dafür ein praktisches Studienobjekt.