Paul Lendvai - Der Ungarnaufstand 1956 - Eine Revolution und ihre Folgen
Der Ungarnaufstand des Jahres 1956 gehört zu den wichtigsten Ereignissen der europäischen Nachkriegsgeschichte. Das erste Mal kam es zu einem Volksaufstand, einem Aufstand der Arbeiter, gegen eines der Sowjetregime. Erstmals wurde deutlich, dass diese Regime, die sich selbst offiziell als Vertreter der Arbeiterklasse bezeichneten, von den Arbeitern lediglich als fremde Besatzungsmacht und als brutale Unterdrücker angesehen wurden. Dieses ohnehin schon wichtige Ereignis gewinnt noch zusätzlich an Bedeutung durch die Tatsache, dass der Aufstand eine spontane Reaktion der Unterdrückten auf die Unterdrückung war. Es gab keine lange Planung, keine Gruppierung von Staatsfeinden, keine Organisatoren und vor allem auch keine Einmischung von Außen. Und auch wenn die Sowjetische Regierung in Moskau den Aufstand blutig niederschlug, bedeutete er wohl den Anfang des Endes des Sowjetblocks.
Paul Lendvai, ungarischer Journalist, der das Land nach der Niederschlagung des Aufstandes in Richtung Österreich verließ, ist der Autor des Standardwerks "Die Ungarn", in dem er die tausendjährige Geschichte der Magyaren rekapituliert. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Ungarnaufstands veröffentlichte er im Jahr 2006 das hier besprochene Buch.
Der eigentliche Aufstand beginnt mit Studentendemonstrationen am 23. Oktober 1956, und endet blutig mit der zweiten Sowjetischen Intervention am 04./05. November. Diese äußerst turbulente Phase wird in den ersten beiden Dritteln des Buches behandelt. In diesem kurzen Zeitraum überschlugen sich die Ereignisse in Ungarn. Allein auf politischer Ebene kam es zum Sturz des alten Regimes, mehrfachen Regierungsbildungen und Umbildungen und ständig wechselnden Positionen Moskaus zur Lage in Budapest. Dazu kommen die Ereignisse auf den Straßen der großen Städte, allen voran natürlich auf denen Budapests. Im letzten Drittel werden die Folgen der Revolution beschrieben. Die unmittelbaren Folgen, wie die "zweite Revolution", die Entwicklung des Kádárregimes, und die Reaktionen, welche in anderen Ländern der Welt hervorgerufen wurden.
Der Autor geht bei der Schilderung der Ereignisse zwar chronologisch vor, erlaubt sich aber immer wieder Exkurse, die den Hintergründen der wichtigen Personen gewidmet sind, oder in kurzen Rück- oder Vorblenden das Entstehen oder die Folgen von Situationen erläutern. Durch diese Sprünge in der Chronologie gelingt es Paul Lendvai leider nicht ganz, eine Ordnung in die sich überschlagenden Ereignisse der ersten Phase des Aufstandes zu bringen. Inhaltlich überzeugt das Buch hingegen. Der Autor beschränkt sich nie darauf, die Ereignisse einfach nur zu erzählen, er analysiert sie auch. Dafür nutzt er Quellen aus Forschungsinstituten, offiziellen Behörden, den ungarischen und russischen Staatsarchiven, sowie Gespräche mit Überlebenden und indirekt Betroffenen. Hierin liegt die eigentliche Stärke des Buches. Seit dem Aufstand sind viele Jahre vergangen, vor allem ist die Sowjetunion, und mit ihr auch János Kádárs Regime in Ungarn, zusammengebrochen. Dadurch wurden viele ungemein nützliche Informationsquellen über die damalige Zeit zugänglich, und konnten ausgewertet werden. Die Kunst Paul Lendvais liegt nicht allein darin, dass er es geschafft hat, aus den vielen Quellen die wichtigsten Informationen auszuwählen, sondern vor allem darin, wie er sie auswertet und deutet. Die Frage, warum die wichtigsten Personen, wie Imre Nagy oder János Kádár so handelten, wie sie es taten wird ebenso ausführlich diskutiert, wie das "Kádárrätsel", das Verhalten der anderen involvierten sowjetischen Regierungen und der Westmächte, die Ungarn einmal mehr "im Stich ließen". Ebenso gründlich werden Thesen über die Folgen der Revolution für Ungarn, und den gesamten Sowjetblock besprochen.
Insgesamt liefert Paul Lendvai mit "Der Ungarnaufstand 1956 - Eine Revolution und ihre Folgen" ein sehr gutes Buch zu diesem wichtigen Thema ab, dessen Stärke in erster Linie darin liegt, dass die Geschehnisse nicht nur wiedererzählt, sondern gründlich ausgewertet, analysiert und diskutiert werden. Für eine eindringlichere Beschreibung der Ereignisse empfehle ich zudem das Buch "
Die ungarische Tragödie. Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde", vom damaligen budapester Polizeipräsidenten Sándor Kopácsi.