Eigentlich muessten einer modernen Frau beim Lesen dieses Buches die Haare zu Berge stehen.
Ilse ist nicht mädchenhaft genug, sie muss ihre Stiefmutter lieben, obwohl sie allein mit dem Vater gluecklich war, sie muss um Verzeihung bitten, obwohl ihre Lehrerin sie vor der ganzen Klasse blamiert hat, sie muss etwas lernen, aber nicht, um ihr Können beruflich zu verwenden, sondern nur, um eine präsentable Ehefrau zu werden, sie ist entsetzt bei dem Gedanken, selbst arbeiten zu muessen, und auf der Heimreise aus der Pension trifft sie einen jungen Mann, bei dem man gleich weiß: Der wird's...
Die Sache mit der Entschuldigung bei Fräulein Raimar hat mich lange Zeit verwirrt - Fräulein Guessow (Ilses Lieblingslehrerin) ist nämlich selbst der Meinung, dass Fräulein Raimar "ihren berechtigten Tadel in einer anderen Weise" hätte aussprechen sollen - und trotzdem besteht sie darauf, dass Ilse die Vorsteherin um Verzeihung bittet! Habe erst Jahre später kapiert, was Fräulein Guessow meint: Dass nämlich Fräulein Raimar schon deshalb im Recht ist, weil sie die Lehrerin und die Erwachsene ist - ebenso wie später Ilses Verlobter bei ihrem Streit im Recht sein soll, weil er der Mann ist und folglich das Sagen haben muss.
Vieles in dem Buch wirkt heute einfach nur komisch und unbegreiflich - z. B., daß Ilse im Pensionat urplötzlich von der Geburt ihres kleinen Bruders erfährt - offenbar hatte sie keine Ahnung, daß ihre Stiefmutter schwanger war! Ich habe kürzlich eine Ausgabe des Buches von ca. 1900 gekauft, und da ist neben der entsprechenden Textstelle tatsächlich ein Storch abgebildet - bin fast umgekippt bei dem Anblick!
Aus heutiger Sicht schockierend ist auch, wie schnell sich Ilse mit Leo verlobt - bei der zweiten Begegnung, und zwar noch VOR dem ersten Kuß! Da denkt man mit Grauen an die Hochzeitsnacht - die dürfte ein ziemlicher Schock für Ilse werden, wenn sie noch an den Storch glaubt...
Als "Erziehungsleitfaden" ist der "Trotzkopf" also aus heutiger Sicht denkbar untauglich.
Also weg mit diesem Buch, posthum Schimpf und Schande ueber die Autorin? Nein! Hier einige Argumente zur Verteidigung:
1. Emmy von Rhoden wurde 1829 geboren, das Buch ist 1885 erschienen - es mit heutigen Masstäben zu messen, ist unfair.
2. Das Buch ist historisch interessant.
3. Es ist gut geschrieben und leicht zu lesen.
4. Die Charaktere sind -wenn auch sehr typisiert - liebenswert und witzig.
5. Und Ilse? Nun ja, sie gibt nach - leider! Aber dennoch: Sie ist beliebt nicht wegen der neuerworbenen Bravheit, sondern wegen ihrer Natuerlichkeit, ihrer Fröhlichkeit, ihrer Ehrlichkeit und weil sie "ohne jede Ziererei" ist. Sie bleibt das ganze Buch hinterdurch lebhaft und temperamentvoll. Mit anderen Worten, Ilse verbiegt sich nicht ganz, sie ist auch in der Ehe (Band 3) durchaus keine perfekte Hausfrau nicht so unterwuerfig wie ihre Freundin Nellie (einfach schrecklich - welcher Mann hält so eine gehorsame Frau aus?) und meint sogar, dass ihrem Leo eine Frau, "die zu allem Ja und Amen" sagt, langweilig werden wuerde. Und auch als Grossmutter hat sie noch eine Menge Temperament!
Das ist aus heutiger Sicht nicht viel, aber es sind immerhin erste Ansätze - dass ein Mädchen ueberhaupt rebelliert, dass der Vater feststellt, sein wildes Kind habe ihm VOR der Internatszeit besser gefallen, dass sich Ilse nicht vollkommen umwandelt - das sind die Gruende, weshalb der "Trotzkopf" heute noch sympathisch ist und sicher noch lange blieben wird.