Über die Handlung wurde schon in den anderen Rezensionen ausführlich berichtet. Diese (Thriller-) Handlung ist jedoch nur vordergründig und absichtlich(!) nicht schlüssig.
Schlüssig wird sie erst, wenn man den Roman in seiner wirklichen Konzeption nämlich als Psychogramm eines Beziehungsgeflechts liest. Genauer gesagt, Ian McEwan schildert, wie Mary mittels Traumgebilde langsam erkennt, dass ihre Beziehung zu Colin gescheitert ist. Mary wird sich dessen aber erst im Verlauf des Aufenthalts bewusst, indem das Unterbewusstsein diese "Hirn-gespinste" in ihre Tag- und Schlafträume einwebt und sie Colin psychologisch gesehen "tötet" also in der "Realität" die Beziehung beendet. Der Roman ist wie ein Spinnennetz gewebt, in dessen Zentrum diese psychologische Tötung Colins steht also das (Beziehungs-) Netz zerschnitten wird.
Ein englisches Paar verbringt den Sommerurlaub in Venedig. Ihre Beziehung ist nach 7 Jahren nicht mehr frisch und es kriselt. Sie gestalten ihre Tage mit sightseeing, schlafen, Alkohol und dem rauchen von Marihuana. Durch diesen fatalen Mix verlieren sie sich immer wieder in heftige Alpträume und Phantasien, die sie sich anfänglich noch gegenseitig erzählen und mit denen sie in ihrer eingefahrenen Beziehung sogar für kurze Zeit neuen Schwung bringen. Anfänglich ist es noch möglich, den Moment des Wachzustandes und den Übergang in den Traumzustand zu unterscheiden indem der Autor dies benennt. (S23; Sie schlafwandelte von einem Augenblick zum nächsten, und ganze Monate glitten erinnerungslos vorüber, ohne die mindeste Spur ihres bewussten Willens zu tragen.)
Jedoch wird es im Verlauf des Romans immer schwieriger zwischen "Realität" und Traum zu unterscheiden. Dem Leser ergeht es hierbei wie Mary. Genau aus dieser Situation bezieht der Roman dann auch seine Spannung und aus der Psychologie, die sich wie ein roter Faden (Spinnfäden, die Mary webt) durch den ganzen Plot ziehen.
In der Phantasie tauchen die Alter Ego von Mary und Colin auf nämlich Caroline und Robert. Es vermengen sich tatsächlich erlebtes mit dem geträumten und auch zeitliche Abläufe kommen durcheinander. Verknüpfen sich mit Kindheitserinnerungen, Schuldgefühlen, Ängsten, Erwartungen usw. Das ist dann auch die große Stärke des Romans. Jedes Detail spiegelt sich irgendwo im bereits vorigen Kapitel oder danach oder anders gesagt, es werden Spinnfäden vom Traumzustand in den Wachzustand/ Wirklichkeit und umgekehrt gezogen, die das Geschehen des Tages, in einem Traum verarbeiten, dabei allerdings verzerrt und abstrahieren. Z.B. der "reale" Duschvorhang des Hotelzimmers taucht dann als "vergilbter Streifen eines Plastikvorhangs" im Eingang von Roberts Bar auf und der süßliche Geruch des Marihuana-Rauchs als süßliches Parfüm von Robert. Auch die wichtigen Schlüsselszenen S59 ; ein kleines Mädchen, das beim spielen auf der Straße Colin einen Tennisball in die Magengrube wirft, wird umgewandelt in einen Faustschlag, den Robert Colin unvermittelt und grundlos in den Magen drischt. (Hier wird die Unschlüssigkeit der vordergründigen Handlung sehr deutlich)
Die Metaphern sind in gewohnter Ian McEwan Manier treffend und zahlreich eingearbeitet. So z.B. Mary, die Plätze diagonal überquert, die Arme verschränkt, langsam u. stetig (wie eine Spinne, die ihre Fäden zieht;S26). Die Koffer, die am Anfang im Hotelzimmer rumstehen und vom Autor als Belastung definiert werden, sind am Ende nach Colins Tod verschwunden, dennoch packt sie ihr Gepäck in ihre Reisetaschen usw.
Es lohnt sich, den Roman mehrmals zu lesen und es ist ein Vergnügen zu sehen, wie sich der Roman dabei immer wieder in einer neuen Variante interpretieren lässt und wie viele Details der Autor miteinander verwebt. Dadurch wird der Leser angeregt, selbst immer wieder Fährten aufzunehmen, die sich dann aber in dem Komplexitätsgeflecht verlieren. Dem Leser ergeht es hier wie Mary in ihrem Beziehungsgeflecht.