Hans Fallada (Rudolf Ditzen): Der Trinker
Hans Fallada (1893 - 1947), in Greifswald geborener Sohn des Landgerichtsrats und späteren Reichsgerichtsrats Wilhelm Ditzen, hat in seinem vergleichsweise kurzen Leben ca. 36 Bücher verfasst. Ob es Trotz gegen das gutbürgerliche Elternhaus war, dass er zeitlebens immer wieder mit der Justiz in Konflikt geriet? Schon mit 18 Jahren zog er sich in einem als Doppelselbstmord stilisierten Duell, in dem er nur verletzt, sein 'Kontrahent' und Schulkamerad Hans Dietrich von Necker jedoch getötet wurde, sein erstes Delikt zu. 'König Alkohol' (vgl. den gleichnamigen Titel von Jack London) und andere Drogen führten dazu, dass sich Hans Ditzen 1917 und 1919 Entziehungskuren unterzog.
Wieso ausgerechnet der Sohn eines Reichsgerichtsrates zu dem Schriftsteller des 'Kleinen Mannes' werden konnte, wieso er nicht auf der abgehobenen Höhe des Romans 'Der junge Goedeschal' blieb, ist ein Geheimnis, das diese Rezension wohl kaum wird lüften können.
Hans Fallada hat die Erlebnisse und Erfahrungen deutscher Kleinbürger mit Alkohol, Strafvollzug und Psychiatrie aber nicht nur erlebt. Sein besonderes, an Dostojewski'sche Darstellungskunst gemahnendes literarisches Talent hat es ihm ermöglicht, diese schwierigen Erfahrungen intellektuell zu verarbeiten und sprachlich so darzustellen, dass sie der sprichwörtliche 'Kleine Mann' verstehen und nachvollziehen kann. Der Roman liest sich leicht und wird zunehmend spannend, der Leser ist auf die Steigerungen im 'Abstiegskampf' von Herrn Sommer gespannt. Allerdings ' die zunehmende Spannung und Steigerung des Lebensgefühls weicht einer Depression sicher auch bei manchem Leser, wenn der triste Alltag im Justizvollzug bzw. in der Psychiatrie beschrieben wird. 'Ihr die hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren', möchte man mit Dante ausrufen.
Die Schilderungen innerer, seelischer Prozesse des Ich-Erzählers Erwin Sommer im Roman 'Der Trinker' machen deutlich, dass das Trinken und der Genuss der alkoholisieren Stimmung nicht in erster Linie die Steigerung der Lebensfreude dient, wie es etwa Jack London in 'König Alkohol' zu Grunde legt oder wenigstens andeutet, sondern der Bewältigung von seelischem Leiden, dem Hinwegschwemmen unangenehmer emotionaler Wertungen, Gefühlen. Der eigentliche Grund für die sehr schnell zunehmende Trunksucht des kleinen Unternehmers Sommer scheint, wenn man Falladas Darstellung ernst nimmt, nicht gleichsam in der Freude am Trinken, am Rausch zu liegen. Vielmehr erlebt Sommer immer stärker die ' zumindest teilweise ' Überlegenheit seiner Frau im Geschäftsleben. Sie ist disziplinierter, organisierter, teils auch elegant-kreativer als ihr Mann, mit dem sie gut 14 Jahre, wenn auch kinderlos, verheiratet war, und scheint mit diesem klein-klein-Leben auch zufrieden zu sein. Erwin Sommer flüchtet sich in den Alkohol, auch um diesem langweiligen, unaufgeregten, gleichförmigen kleinbürgerlichen Leben zu entkommen. Aber anstatt den Alkoholgenuss diszipliniert in seine klein-klein 'Welt zu integrieren, indem etwa feste Trinksitten etabliert oder wenigstens eingehalten werden, stürzt er sich, fast möchte man sagen, mit selbstzerstörerischer Lust, in den Trunk und genießt die Unalltäglichkeit, Abenteuerlichkeit, Rauschhaftigkeit seiner neuen Situation. Dass ihn dieses Abenteuer dann durch viele ungeschickte Handlungen, die meist dem Einfluss des allgegenwärtigen Alkohols geschuldet sind, zum Verlust von Geld und anderen Wertgegenständen, ja durch den 'Mordversuch' an seiner Frau zum Verlust der Freiheit führt, so dass er in der 'Endstation Psychiatrie' ein noch viel tristeres Lebens als als kleiner Händler führt, ist die eigentliche Tragik dieses einst so gut geordneten Kleinbürgerlebens.
Wenn man Falladas Buch 'Der Trinker' liest, entsteht zunächst der Eindruck, dass der Titel nicht ganz zutreffend gewählt ist. Gewiss, Erwin Sommer hat sich nach einem Streitgespräch mit seiner Frau ein Gläschen Rotwein gegönnt und ist dann sehr schnell ' für seine 41 Jahre aus statistischer Sicht viel zu schnell ' in die Trunksucht abgeglitten. Aber handelt es sich nicht viel mehr um einen ' Ehekonflikt? Ehekonflikt ist eigentlich das richtige Wort nicht, denn die typischen Eheprobleme ' ein Partner geht z.B. fremd ' treten hier nicht einmal andeutungsweise auf. Mann ' Frau ' Konflikt wäre zutreffender, aber der eigentlich Konflikt dreht sich nicht einmal darum, welcher Partner / Partnerin welche Stellung einnimmt, ob man auf 'Augenhöhe' miteinander verkehrt oder nicht, sondern es geht um berufliche Kompetenzen, besonders um die oft zitieren soft skills, in denen Frau Sommer ihrem Gatten zumindest teilweise überlegen ist. Ihre Disziplin, Ordentlichkeit, Leistungsbereitschaft, Leistungsfähigkeit reizen den angehenden Trinker zum Zorn. Er will aus dieser langweiligen, in vieler Hinsicht unfruchtbaren Beziehung, die zeitweise vor allem auch eine Arbeitsbeziehung war, ausbrechen.
Es wären auch andere Varianten für dieses Ausbrechen als die Trunksucht denkbar, etwa die Trennung, die Suche nach einer anderen Partnerin. Dass Erwin Sommer nicht darauf kommt, das innere Scheitern seiner Ehe als sein eigentliches Problem anzusehen und Auswege in anderen personellen Konstellationen zu suchen, berührt merkwürdig. Gibt es denn nur die Flucht in die alkoholisierte Stimmung oder gar in 'härtere' Drogen? Sind nicht andere Alternativen denkbar, gangbar? Dass der mit einem hohen Grad von Reflexionsvermögen ausgestattete Autor hier nicht einmal theoretisch Alternativen erwägt, gibt zu denken. Doch resultiert diese deprimierende Alternativlosigkeit wohl aus Rudolf Ditzens Biographie. 'Der Trinker' schildert zweilfelsohne partiell selbst erlebte Situationen. Überhaupt fällt ein Unterschied zwischen Dostojewski (Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, Der Spieler) und Rudolf Ditzen auf: Ditzen oder Fallada bleiben ganz eng in der Situation, der Autor will sich nicht über diese erheben, für ihn scheinen philosophische oder gar theologische Dimensionen des Menschseins nicht zu existieren. Selbst ein bewusster, selbstkritischer Umgang mit den eigenen Gefühlen und Befindlichkeiten wird zwar reflexiv und aus verschiedenen Zeitdimensionen unternommen, aber die Verhaftung an die konkrete Situation, gewiss als Stilmittel seine literarische Stärke, lässt die existentielle Situation doch etwas eindimensional erscheinen. Dies ist insoweit arg realistisch, als Alkoholiker nicht selten zu einer solchen Verengung der Perspektive neigen.
Ein zentrales Problem der Alkoholkrankheit, in die sich Erwin Sommer mit Leidenschaft stürzt ' Saufen ' Kotzen ' Saufen ' was hat das noch mit Genuss zu tun? ' ist die Veränderung des menschlichen Wertzentrums. Der Gesunde hat in seinem Wertzentrum viele Werte ' Freude am Leben, Freude an der Partnerschaft, an der Liebe, an der Sexualität, am Reflektieren der Lebenssituation (mit Brecht zu reden 'das Denken ist das größte Vergnügen der menschlichen Race'), doch beim Alkoholiker rückt das Erleben des Rausches ganz in den Mittelpunkt des Wertzentrums, ja der alkoholisierte Zustand verdrängt schließlich alle anderen Werte. Auch unserem Herrn Sommer scheint die Liebe ' sei sie nun emotional (im Sinne von mittelbaren und unmittelbaren Gefühlen) oder körperlich ' zu seiner Frau kaum noch etwas zu bedeuten. Er such zwar unter Alkoholeinfluss auch erotische Abenteuer, aber das Abenteuer Alkohol rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt.
Da heute in Deutschland ca. ein Drittel der männlichen und ein Zehntel der weiblichen Einwohner/innen von der Alkoholkrankheit bedroht sind, ist dieses Buch, das in den Vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verfasst wurde, heute kaum weniger aktuell als zum Zeitpunkt seines Erscheinens. Seine Stärke ist die teils minutiöse Beschreibung des 'Handelns auf der Abbildebene', des inneren Erlebens aller Situationen unseres 'Unhelden' Sommer. Für alle Alkoholfreunde bietet es die Möglichkeit, sich von der Beschreibungs- und Reflexionskunst des Autors ein Stück gleichsam abzuschneiden, um eigenes Erleben bewusster wahrzunehmen und Handlungen selbstkritischer zu konzipieren und zu steuern. Ein hohes Maß an Sensibilität und ein nicht geringeres Maß an Sprachbeherrschung sind wesentliche Voraussetzungen, die neben den dramaturgischen Fähigkeiten des Autors lebendige Menschen ' z.B. die realistische Beschreibung der 'Knastbrüder' ' entstehen lassen, Menschen des Alltags, die auf verschiedene Weise auf Abwege geraten sind. Der Leser / die Leserin kann mit Hilfe dieses externen Erfahrungsgutes vielleicht besser entscheiden, welche Werte er / sie in den Mittelpunkt des Lebens stellen will. Die vergnügliche Lektüre der ersten Hälfte und die eher Depressionen auslösende Lektüre der zweiten Hälfte dieses letzten Romans von Hans Fallada kann dazu beitragen, mit Gefühlen und Rauschmitteln bewusster, kritischer, vielleicht auch vergnüglicher umzugehen.