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Unsterbliche Träume
Ende vorletzten Jahres schien es wieder einmal soweit zu sein. "Todesgen gefunden!", titelten Boulevardzeitungen, und dabei klangen hoffnungsvolle Fragen mit: Wann wird es endlich abgeschaltet? Gibt es bald Unsterblichkeit auf Krankenschein?
Wenn etwas unsterblich ist, dann der Traum, das Leben beliebig zu verlängern. Während früher Fragen von Tod und Unsterblichkeit allein den Religionen überlassen blieben, die eine Fortsetzung des Lebens im Jenseits oder gar die Reinkarnation der Seele in immer neuen Körpern versprachen, so richten sich heute die Hoffnungen auf die Wissenschaft.
Tatsächlich hat die Alternsforschung in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte erzielt. Die Details zahlreicher Alterungsvorgänge auf organismischer, zellulärer und molekularer Ebene wurden weitgehend aufgeklärt. So ist beispielsweise bekannt, daß bestimmte Gene, werden sie aktiviert, die Zelle zum Selbstmord veranlassen. Andere Gene steuern Alterungsprozesse.
Und außerdem wird bei jeder Zellteilung ein wenig von den Rändern der DNS abgezwackt, so daß sich unsere Körperzellen maximal 50mal teilen können. Das reicht nun zwar für ein normales Menschenleben aus, begrenzt jedoch prinzipiell die maximal - auch bei bester Ernährung und Gesundheit - erreichbare Lebensspanne. Manche Körperzellen indes halten sich nicht an die Fünfziger-Regel und teilen sich beliebig oft. Sie werden so (als Zelle) unsterblich: Wir nennen sie Krebszellen.
Diese und ähnliche Erkenntnisse stellt Mark Benecke, Biologe am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln, in seinem Buch so sachkundig wie anschaulich dar. Bei aller Detailfreude erhält sich Benecke einen kritischen Blick für das Ganze - muß er doch feststellen, daß sich Alterns-forscher nur zu gern in eine sehr spezifische Theorie "verlieben". Linus Pauling etwa hielt Vitamin C für das Wundermittel gegen das Altern, immerhin lebte er bei enormen Vitamindosen über neunzig Jahre; Roy Walford setzte sich auf Magerkost von 1500 Kalorien täglich, als erwiesen schien, daß hungernde Ratten länger leben; Gabriell Simonoff warnt vor Selenmangel und freien Radikalen, wiederum andere schwören auf Melatonin oder ein Gläschen Rotwein am Abend.
Trotz gelegentlicher Skurrilitäten sind sich die Alternsforscher in einem einig: Eine maßvolle und gesunde Lebens- und Ernährungsweise ist auch heute noch das beste Rezept für ein langes Leben.
Benecke beschränkt sich nicht auf die rein biomedizinischen Fragen. Er diskutiert den aktuellen Forschungsstand zur Entstehung des Lebens, fragt danach, ob die Menschheit ewig existieren könne (Antwort: jedenfalls nicht ohne eine einigermaßen intakte natürliche Umwelt). Nebenbei erhält man Aufklärung darüber, welche historischen Umstände zu den Vampirlegenden führten und welche Rolle dabei die Krankheit Porphyrie spielte: Die Oberlippe tritt zurück, die Haut wird rissig und blutet, besonders wenn sie dem Sonnenlicht ausgesetzt wird. Die Ärz te des Mittelalters rieten erkrankten Adligen, viel frisches Tierblut zu trinken.
Immer wieder tauchen neue Konzepte auf, wie sich der Mensch ewiges Leben sichern könne. Beispielsweise durch Klonen, durch Ersatzkörper, die für den Fall eines Falles zur Verfügung stehen müßten. Oder dadurch, daß man, wenn der Körper stirbt, das Gehirn schnellstens tieffriert: Künftige Mediziner, so hoffen die Anhänger dieses "Kryonik" genannten Verfahrens, werden das Denkorgan auftauen und dank ihrer überlegenen Technik in einen neuen Leib verpflanzen können. Oder man läßt das Gehirn gleich in einen perfekteren mechanischen Leib einbauen.
Auch auf solcherart bizarre Spekulationen geht Benecke ein. Immerhin bieten sie einen guten Ausgangspunkt für tiefere Fragestellungen: An ihnen läßt sich diskutieren, was den Menschen ausmacht und wann eine Person als tot zu betrachten ist. Sie bieten, so gesehen, einen guten Einstieg in aktuelle bioethische Kontroversen um Beginn und Ende des menschlichen Lebens und die Demarkationslinien, die wir wohl oder übel ziehen müssen.
Benecke kann nicht alle Fragen erschöpfend beantworten (und bisweilen schneidet er auch aus Sicht des Rezensenten zu viele Nebenthemen an), aber er versteht es, auf eine angenehm unpolemische Art einen Eindruck von den schwerwiegenden ethischen Problemen zu vermitteln, die der biomedizinische Fortschritt speziell in der Gentechnik, der Reproduktionsmedizin und bei Organtransplantationen mit sich bringt.
Es gibt nicht das eine große Geheimnis des Alterns, wie der Untertitel melodramatisch andeutet. Außer vielleicht jenes: Aus der Sicht des Biologen ist der Tod etwas Naturgegebenes, ja Sinnvolles. Er erst ermöglicht die Evolution, ist Voraussetzung für Veränderung und Entwicklung und -wenn man den Gedanken weiterführt - auch für unsere Individualität.
Karlheinz Steinmüller
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