Krebstherapie und Krimi- passt das wirklich zusammen? Ja, die Diskussion über medizinische alternative Behandlungsmethoden, der Konflikt zwischen "Schul-" und "Alternativ"medizin drückt sich schon im Cover aus, das kein Aeskulapstab (mit einer Schlange), sondern der Hermesstab (mit zwei Schlangen) ziert.
Als Nichtstuttgarter schwanke ich zwischen Freude darüber welche Perlen es unter den Regionalkrimis so alles gibt und Zweifel, ob es richtig ist solch gute Krimis unter solch einengenden Regionalbezeichnungen zu vermarkten. Sicher, der Lokalkolorit kommt bei Britt Reißmann nicht zu kurz, die Stadt Stuttgart und auch der gesprochene Dialekt kommen vor, sind aber keinesfalls das was als Motiv herhalten sollte dieses Buch zu lesen.
Besonders erfreulich ist, dass die Arbeit der Ermittler sehr realitätsnah geschildert wird- die Ermitlerin Thea Engel ist nicht der wildschiesende Superbulle oder die clevere Frau in böser Männerwelt, die mit Intuition und Frechheit die Fälle löst- nein, sie ist Teil einer Soko, eines Teams, das Ermittlungsarbeit so darstellt, wie sie auch in der Realität abläuft und dabei auch die typischen Sorgfaltsfehler der Krimiautoren im Umgang mit Beschreibungen vermeidet. Es ist für mich als Leser mit juristischem Hintergrund schon eine Wohltat in einem Krimi zu lesen, in dem nicht der Polizist so einfach mal jemand einsperrt, sondern in dem vor der beabsichtigten Verhaftung der Hinweis ergeht es müsse jemand den Bereitschaftsermittlungsrichter vorbereiten, das noch Arbeit auf ihn zukommt.
Gefunden wird im Eckensee im Zentrum von Stuttgart die Leiche einer jungen Frau, die mit einem Armband mit den Buchstaben GNM die Hauptstränge der Romanhandlung schon andeutet. Die Tote war begeisterte Mitspielerin bei sogenannten LARPS,Live Action Role Playing. Rollenspiele aus dem Bereich der Fantasy oder Mittelalterspiele in denen sie als Heilerin auftrat, Genna Nova Medica oder, wie sich später herausstellt GNM auch für Germanische neue Medizin.
In diese Milieus taucht die Ermittlungsgruppe nun ein, zur Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt und einer praktizierenden Heilpraktikerin, in Arztpraxen und zum Kostümschneider führt die Autorin ihre Leser und obwohl es sich nicht um einen Haudrauf- Knall- Actionkrimi, sondern um einen langsamen Entwicklungskrimi handelt kommt die Spannung nicht zu kurz.
Wesentlicher Bestandteil ist auch die Spannung in der Entwicklung der Protagonistin Thea Engel, die mit sich und ihrer Vergangenheit ringt. Daher ist es eigentlich auch ratsam die beiden Vorgängerbände von Britt Reißmann zuerst zu lesen, da die Bezüge zu den vergangenen Bänden zwar kurz erklärt werden, wenn aber jemand mit diesem Band einsteigt und anschliessend (was recht zwangsläufig der Fall sein dürfte)durch die Lektüre angeregt wird die Vorgängerbände zu lesen, könnte dieses Lesevergnügen geschmälert werden.
Auch im Lebensumfeld von Thea Engel schlägt der Krebs zu- und greift damit in das Leben der Ermittlerin ein. Ihre Position bei der Polizei, ihre aufkeimende Liebe zu einem Kollegen geraten in große Gefahr, auch dieser Spannungsstrang wird mit großer Liebe zu den Figuren entwickelt und trägt zur großen Qualität des Buches bei.
Als Fazit kann ich mich eigentlich nur der Rezension des Nichtrauchers aus Hamburg anschliessen: Ein Buch, das nach dem Zuschlagen nachwirkt. Unbedingt empfehlenswert.