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Der Traum meines Großvaters
 
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Der Traum meines Großvaters [Gebundene Ausgabe]

Lianke Yan , Ulrich Kautz
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Ullstein Hardcover (1. August 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3550087497
  • ISBN-13: 978-3550087493
  • Originaltitel: Ding zhuang meng
  • Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 14,6 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 396.908 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Lianke Yan
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Die Lektüre dieses Romans hat eine geradezu magische Wirkung.« Libération »Sein Roman ›Der Traum meines Großvaters‹ über den Aids-Skandal in Henan ist eines der schönsten chinesischen Bücher des Herbstes ... Der Stil des Romans - eine gekonnte Synthese aus naivem Realismus, beißender Groteske und moderner Lakonie - knüpft weder an westlicher noch an traditioneller Poetik an. Es ist ein Buch zwischen den Zeiten und den Welten, einsam und ziemlich traurig, wie sein bewunderungswürdiger Autor.« Zeit Literatur, 08.10.09, Iris Radisch »Das Buch besticht trotz des tragischen Themas durch Spannung, Poesie und eine literarisch ausgefeilte Sprache. Die Lektüre ist ein Vergnügen - der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Yan Lianke kann es einfach.« Handelsblatt, 02.10.09, Regina Krieger »Ergreifende Literatur, mit dicken Tränen geschrieben.« Kurier, 10.10.09 »Es ist ein aufrüttelndes und mit Herzblut verfasstes Werk, erstellt aus einfachsten literarischen Mitteln und daher umso unter die Haut gehender.« hr-online, 24.08.09, Roman Halfmann »Bewegend, aufrüttelnd - und in China verboten!« Der Nord-Berliner, 20.08.09 »Yans Roman setzt den Opfern der chinesischen Aidstragödie ein literarisches Denkmal.« WDR1, 01.09.09, Silke Ballweg »Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.« Librido,14.09.09,Tom Fliri »Yan Lianke verschärft die Lage der Gegenwart mit den Mitteln der Groteske ins unheimlich Desaströse. Ein Buch zum Fürchten und Staunen.« Stuttgarter Zeitung, 13.10.09, Anton Thuswaldner »Der chinesische Schriftsteller Yan Lianke besitzt zwei besondere Eigenschaften: Er verfügt über das literarische Talent, große Romane zu schreiben, und er hat den Mut, in seinen Romanen unbequeme Themen aufzugreifen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.09, Michael Müller »Eine rabenschwarze Utopie, die Beklemmung hinterlässt.« Buchhändler heute, Oktober 09 »Es ist diese allumfassende Ökonomie des Todes, die das eingentliche Skandalon dieses verstörenden Romans ausmacht. Yan Lianke beschreibt Chinas Adaption des Kapitalismus als entgrenzten Irrsinn, der noch den heiligsten Lebenssaft - Blut - zum wachstumstreibenden Rohstoff degradiert.... Es ist ein Befund, den man in dieser abstrahierten Form gewiss nicht zum ersten Mal hört - doch selten wurde er eindringlicher veranschaulicht als hier.« Der Tagesspiegel,13.10.09, Jens Mühling »Das Buch geht nahe, deckt einen wahren Skandal auf und ist in China verboten. Damit hat es wohl alle Voraussetzungen für einen Welterfolg erfüllt.« Welt am Sonntag, 11.10.09 »Realistisch und magisch zugleich inszeniert Yan Lianke den Totentanz einer fiebernden Provinz.« Bücher, 2009/09 »Ein zutiefst bewegender Roman von einem der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart« Österreich Magazin, Oktober 2009

Kurzbeschreibung

Die Sonne geht unter über der chinesischen Provinz Henan und taucht das Tal in Rot. Ein toter zwölfjähriger Junge erscheint seinem Großvater in dessen Träumen und erzählt uns diese unglaubliche Geschichte: Vor vielen Jahren folgten die Bürger im Dorf Dingzhuang einem Aufruf der Regierung und verkauften ihr Blut. Ein besseres Leben wurde ihnen versprochen, und der Großvater, Lehrer und Dorfvorsteher, riet ihnen gut zu. Sein ältester Sohn organisierte den Handel, und für eine Weile zog tatsächlich ein wenig Wohlstand ein. Dann aber kam die Krankheit, die die einstigen „Spender“ schlicht „das Fieber“ nennen und die sie nun aus dem Leben weht wie tote Blätter von den Bäumen. Yan Lianke erzählt von einer Schicksalsgemeinschaft und ihrem zum Scheitern verurteilten Versuch, in einer extremen Situation menschlich zu bleiben. Die Übersetzung aus dem Chinesischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom - Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. Weitere Informationen finden Sie unter www.litprom.de

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Träume, Blut und Totenehen 12. September 2009
Format:Gebundene Ausgabe
Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können: einen Roman mit einem unangenehmen 'True Story'-Beigeschmack oder einen skandalheischenden Thriller nach 'Outbreak'-Stil. Aber nein: Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.

Der junge Erzähler Quiang Ding wird von der Bevölkerung eines kleinen Dorfes in der chinesischen Provinz Henan vergiftet, es ist eine Vergeltungsmaßnahme für die Taten seines Vaters, des 'Blutchefs'. Sein Großvater legt ihm zwei Wörterbücher mit ins Grab, damit der Junge für seine kommende Erzählung immer die richtigen Worte findet. Das ist der Beginn: er findet die richtigen Worte und breitet vor uns die Geschichte seines Dorfes aus, etwa zehn Jahre nach den Blutsammelaktionen. Das groß angelegte, bürokratisch durchorganisierte, aber medizinisch katastrophale Projekt der chinesischen Regierung, um der Bevölkerung in den rückständigen Provinzen zu ein wenig mehr Geld und Kaufkraft durch den Verkauf ihres Blutes zu verhelfen, hatte zur Folge, dass die Hälfte der Dorfbevölkerung am 'Fieber' erkrankt ist. Die Behörden stigmatisieren zunächst den Begriff AIDS, auch um die Schuld am hygienischen Desaster nicht direkt auf sich zu laden, denn Nadeln wurden für Hunderte Blutspender verwendet, das gesammelte und oft infizierte Blut wurde den Bauern 'zurückgeschenkt'.

Lianke lässt den Leser in eine Agrarwelt eintauchen, die von Figuren bevölkert ist, welche selbst in Zeiten des äußersten Elends den eigenen Vorteil auf Kosten der anderen suchen. Das Paradebeispiel ist der Vater des Erzählers, der als großer Organisator der Blutspenden zu Reichtum gekommen ist, aber an diesem Punkt keinerlei Reue für das Geschehene zeigt. Vielmehr macht er auch nach dem Ausbruch des Fiebers Geschäfte mit den Todgeweihten: jeder erkrankte Dorfbewohner hätte Anrecht auf einen Sarg, doch dieser Fakt wird vom 'Blutchef' verheimlicht und er verkauft die Särge in den Nachbardörfern. Auch hier ist noch nicht Schluss: als überaus tüchtiger Geschäftsmann vermittelt er zudem Ehen zwischen bereits ledig Verstorbenen, damit sie zumindest im Paradies einen Partner haben. Der Leser wird auf diese grässlichen Unternehmungen immer wieder vorbereitet, die wohl einzige integere Figur im Roman, der Großvater des Erzählers, träumt die bevorstehenden Vorkommnisse und meist sind dies Albträume, die aber von der Realität einge- und überholt werden.

Doch es gibt sie, die Lichtblicke: mitten im Elend entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erkrankten, die sich über die ruralen Wertevorstellungen (einer Paarung aus Skrupellosigkeit und Obrigkeitsdenken) hinwegsetzen, in den letzten Tagen noch ihr Glück suchen und dieses auch finden.

Wenn Yan Lianke sich im Nachwort für den der Leserin und dem Leser zugefügten Schmerz entschuldigt: am Ende bleibt das Gefühl, ein literarisches Werk gelesen zu haben, das auf leise Weise eigentlich unsagbar Tragisches in schöne Worte kleidet. Trotz der feinen literarischen Klinge und dem Kunstgriff des träumenden Großvaters fiel der Roman der chinesischen Zensur zum Opfer, er durfte nicht erscheinen.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Dorf der Kranken 7. November 2009
Von Carl-heinrich Bock HALL OF FAME REZENSENT TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Zu den Fakten: Weil man dingend Blut-Plasma benötigte, ermunterte die chinesische Regierung in den 90 er Jahren die Menschen Blut zu verkaufen. Viele witterten den großen Profit. Das die hygienischen Bedingungen bei der Blutabnahme desolat waren, infizierten sich Hunderttausende mit HIV und starben, ganze Dörfer sind damals ausgestorben. So ist Aids ein schmerzhaftes Kapitel in der jüngsten chinesischen Geschichte und in chinesischen Regierungskreisen ein unbeliebtes Thema, denn offiziell gehört die Immunschwäche zu den dekadenten Krankheiten des Westens.

Der wunderbare chinesische Autor Yan Lianke, der leider zur Buchmesse, auf der China Gastland war, nicht einreisen durfte hat dieses Thema aufgegriffen, es als seine Aufgabe angesehen darüber eine wunderbare Geschichte zu schreiben, den Roman "Der Traum meines Großvaters", der in China verboten ist, weil er "der Ehre des Landes nicht zuträglich" ist.

Zum Plot: In dem Roman lässt der Autor den unschuldig gestorbenen zwölfjährigen Sohn des dörflichen Blutchefs aus dem Grab seinem gesund gebliebenen Großvater die Geschichte des Dorfes erzählen. Dabei nutzt er den Jungen als allwissendes Medium, um seinem Großvater im Traum die unglaubliche Geschichte zu erzählen, wie das fiktive Dorf Dingzhuan in der Provinz Henan durch die Aids-Epidemie dahingerafft wurde.

Der Vater des Ich-Erzählers, Ding Hui, organisiert als einer er ersten den Bluthandel im Ort, wird Blutchef, verspricht allen ein besseres Leben und auch der Großvater, Lehrer und Patriarch des Dorfes, rät allen gut zu. Die Zeiten des vermeintlichen Wohlstands dauern nicht lange an, denn plötzlich leiden die Blutspender an einer Krankheit die man Fieber" nennt, in Wirklichkeit Aids. Die Dorfbewohner sterben ohne großes öffentliches Aufsehen.

Die Sterbenden ziehen sich, hilflos und krank, in die Dorfschule zurück, um andere nicht anzustecken. Yan Lianke erzählt nun in einer nüchternen Sprache von dieser Schicksalsgemeinschaft, die im Angesicht des baldigen, allgegenwärtigen Sterbens ihren Instinkten freien Lauf lässt. Um überhaupt noch ein Bisschen Leben in die Landschaft zu bringen, kommt man auf die skurrile Idee die Toten miteinander zu verheiraten. Bei den Todgeweihten, die miteinander leben, streiten, lieben, sich den kleinsten Besitz, wenn es denn möglich ist noch stehlen, brechen Gier, Missgunst und Intrigen hemmungslos hervor. Der Versuch eine Gesellschaft der Kranken im Asyl einzurichten misslingt.

Yan Lianke übt besondere Kritik an den Parteikadern, die statt Hilfe zu leisten, am korruptesten sind. Ding Hui wird nicht zur Rechenschaft gezogen, macht vielmehr noch Karriere in der Partei und schlägt aus dem Tod der Menschen Kapital, denn statt den Hinterbliebenen, wie von Regierungsstellen angeordnet einen Sarg kostenlos zur Verfügung zustellen, treibt Ding Hui skrupellos einen einträglichen Sarghandel, das einzige Geschäft das schließlich in dem Dorf noch funktioniert. Ding Hui wird reich, bleibt gesund und da man von seiner Verantwortung für das Unglück überzeugt ist, an Regierungsmitglieder aber nicht einfach Lynchjustiz üben kann, vergiftet man zunächst sein Vieh und dann seinen Sohn, den Ich-Erzähler.

Das Buch ist in der Struktur geradlinig und die Kritik des Autors ist eher moralischer denn politischer Natur, wobei das mit viel Herzblut verfasste Werk unter die Haut geht, weil es doch zeigt wie der Versuch in extremen Situationen menschlich zu bleiben kläglich scheitert.

Da aus der Sicht des Ich-Erzählers vieles, was über die schrecklichen Geschehnisse zu erzählen ist, Fassungslosigkeit in dem kindlichen Ich-Erzähler hervorruft, kommt es zu Redundanzen, die etwas stören.

Ansonsten ist es ein wunderbares Buch, kein Sachbuch, sondern ein fiktionales Buch welches auf literarische Weise die Realität Chinas spiegelt, mit viel naiven Realismus, aber auch Lakonik einer Erzählform die auf gekonnte Art und Weise Widersprüchliches wie Komisches und Grauen Erregendes miteinander verbindet. Ein Buch das ich sehr empfehlen kann.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Dr. M.
Format:Gebundene Ausgabe
Eigentlich sind es zwei Geschichten, die dieser Roman erzählt: die Geschichte eines raffgierigen Epidemie-Gewinnlers und die seines HIV-positiven Bruders, der sich in seinem letzten Lebensjahr in eine verheiratete Frau verliebt und damit für einen Skandal sorgt. Beider Vater (und somit zugleich der Großvater des Ich-Erzählers) ist der alte Schulhausmeister Ding Shuiyang, der schon zu Beginn versucht seinen Sohn, den "Blutchef" Ding Hui, zu erwürgen, da er in ihm den Hauptverantwortlichen der Aids-Epidemie ausgemacht hat, von der sein Dorf Dingzhuang heimgesucht wird. Begonnen hat die Tragödie des Dorfes Dingzhuang damit, dass der Leiter des kommunistischen Amts für Volksbildung den Auftrag bekommt, in fünfzig Gemeinden der Provinz Henan den Handel mit Blutkonserven anzukurbeln. Ding Hui nutzt die Gunst der Stunde, manipuliert und mobilisiert die Leute der 800-Seelen-Gemeinde geschickt und steigt mit einer unhygienischen Blutentnahmestelle in den Handel ein. Er sorgt damit für die massenhafte Übertragung des HI-Virus. Doch Reue ist Huis Sache nicht. Er wird sich auch in der Folgezeit als skrupelloser Stratege des schnell verdienten Geldes erweisen und damit steinreich werden: zunächst durch den Handel mit Särgen, die als Zeichen des guten Willens von amtlicher Seite eigentlich gratis an die Erkrankten ausgeliefert werden sollten, aber von Hui unterschlagen und teuer verkauft werden; schließlich, getreu den Gesetzen des Marktes, die es nahelegen, eine versiegende Geldquelle durch ein Anschlussgeschäft zu ersetzen, damit sich eine Rezession gar nicht erst einstellt, macht er einen Riesenreibach durch Totenehen: Gegen eine Vermittlungsgebühr werden unverheiratet Verblichene - nach traditioneller chinesischer Vorstellung ein schlimmes Defizit - nachträglich verehelicht.

So weit kann es Hui natürlich nur bringen, weil sein Vater zuvor doch noch davon abgesehen hat, ihn zu erwürgen. Der alte Schulhausmeister organisiert stattdessen lieber eine Art Seuchenlager in der geräumten Schule, wo die Todgeweihten ihre verbleibende Lebenszeit entspannt verbringen sollen - ein Akt des Altruismus, der sich alsbald eintrübt, denn es gibt Zank um Zuständigkeiten und Sonderrechte. Diebe machen der Kommune der Sterbenden das Leben schwer. Auch die Romanze zwischen Huis Bruder Liang und Yang Lingling, die im Lager heimlich miteinander schlafen, wird, als sie auffliegt, zur Belastung für die Aids-Kommune. Denn beide sind verheiratet. Am Ende wird der Großvater entmachtet und das Schulmobiliar unter den HIV-Positiven aufgeteilt, damit sie sich daraus Särge zimmern können. Liang und Lingling setzen sich mit Hilfe des Großvaters jedoch gegen alle Widerstände durch und leben nach der Doppelscheidung sogar noch kurz als Ehepaar zusammen, ehe sie kurz nacheinander sterben. Hui lässt seinen Bruder und seine Schwägerin demonstrativ sündhaft teuer bestatten; das Grab wird jedoch geplündert. Morddrohungen gegen Hui werden ausgesprochen für den Fall, dass er es wagen sollte nach Dingzhuang zurückzukehren. Als Hui, davon unbeeindruckt, selbst seinen eigenen Sohn dem skrupellosen Geschäft mit den Totenehen opfern will und ihn in Dingzhuang exhumieren lässt, brennen bei seinem Vater endgültig alle Sicherungen durch...

Zwei Kuriosa hat der Roman zu bieten: Der Ich-Erzähler ist der zwölfjährige Sohn Huis, der aus Rache von der Dorfbevölkerung mit einer Tomate vergiftet wurde und bereits im Grab liegt. (Das muss einen nicht wundern: In der chinesischen Literatur hat es auch schon Männer gegeben, die mal eben schnell im Uterus einer Frau Zuflucht suchten.) Zweitens: Der Großvater, die Hauptfigur des Romans, hat ständig visionäre Träume, die sich auf rätselhafte Weise alle als prophetisch herausstellen. Nicht zufällig stehen die Träume des Pharao aus dem alttestamentlichen Buch Genesis im ersten Teil der Handlung voran.

Mehr noch als solche Kuriosa fällt der Sarkasmus, ja Zynismus ins Gewicht, mit dem der Autor das gewissenlose Gewinnstreben, den blanken, geradezu manischen Egoismus im Wirtschaftswunderland China einerseits und den naiven Traditionalismus und Aberglauben der Landbevölkerung andererseits karikiert und somit demaskiert. Ins Auge stechen außerdem die kunstvolle Komposition des Werks und seine vielen Wendungen, auch wenn dadurch die Handlung am Rande etwas ausfranst: Nebenfiguren wie dem Dorfbarden Ma Xianglin, der gleich zu Anfang stirbt, fehlt die Bindung ans Romanganze. Dafür ist dem Autor mit der Figur des Großvaters Großes gelungen: Der Mann, der einfach nur versucht, in diesem Land, in dem er aufgewachsen ist und so manche historische Wende miterlebt hat, anständig zu bleiben und das Richtige zu tun, wird durch die Art und Weise, wie er sich aufreibt zwischen dem Ehrbegriff, der ihn zwingt seinen Sohn Hui zu verdammen, und dem traditionellen Primat der Familie, das ihn hindert den skrupellosen Sohn der gerechten Strafe zuzuführen, zum Sinnbild einer Nation in der moralischen Zerreißprobe. Am Ende ist es nur folgerichtig, dass sich das Schicksal Huis in dem Moment gegen ihn wendet, als er sich in seinem unsittlichen Geschäftsgebaren auch an der Familienehre vergeht.

Als (verschmerzliches) Manko des Buches empfand ich mitunter ausufernde Detailbeschreibungen (Verzierungen des Sarges bzw. der Gruft) sowie die nicht gerade dezent vorgetragene Natur-Symbolik, insbesondere wenn der Erzähler in gebetsmühlenhafter Repetition die Ebene am Rande des ausgetrockneten Huanghe-Flussbettes in tiefes Blutrot taucht. Selbst Emile Zola, der solchen Natursymbolen bekanntlich schon markant zugeneigt war, hat seinerzeit nicht so dick aufgetragen. Dem Einband dieses lesenswerten Buches hätte - ein weiterer kleiner Kritikpunkt - eine Landkarte der Region, in der die Geschichte spielt, gut zu Gesicht gestanden. Alles in allem aber ist Yan Lianke ein wesentlich reiferes und ernsthafteres Buch gelungen als im Falle der ebenfalls von Ulrich Kautz ins Deutsche übertragenen Satire Dem Volke dienen. Er hat ein Buch vorgelegt, das, wie er selbst in einem Nachwort schreibt, ihn an den Rand des Nervenzusammenbruchs geführt hat, was angesichts der herzzerreißend tragischen Materie nicht erstaunlich ist. Die Thematik und ihre Ausführung wird keinen Leser unberührt lassen. Der Autor gewährt gleichsam nebenbei einen tiefen Einblick in alte chinesische Denkmuster und Bräuche, die natürlich vor allem in der chinesischen Landbevölkerung noch besonders tief verwurzelt sind. Dass Chinas KP an dem Roman Anstoß nahm und ihn auf den Index setzen ließ, betrachte ich als Eigentor: Viel mehr als die Versäumnisse von Ämtern und Behörden oder spezielle Fälle von Korruption steht hier die universelle menschliche Untugend im Blickpunkt, das eigene über das Wohlergehen anderer zu stellen. Und das ist beileibe kein speziell chinesisches Problem, sofern man nicht Grund hat, es als solches zu betrachten.
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