Zu den Fakten: Weil man dingend Blut-Plasma benötigte, ermunterte die chinesische Regierung in den 90 er Jahren die Menschen Blut zu verkaufen. Viele witterten den großen Profit. Das die hygienischen Bedingungen bei der Blutabnahme desolat waren, infizierten sich Hunderttausende mit HIV und starben, ganze Dörfer sind damals ausgestorben. So ist Aids ein schmerzhaftes Kapitel in der jüngsten chinesischen Geschichte und in chinesischen Regierungskreisen ein unbeliebtes Thema, denn offiziell gehört die Immunschwäche zu den dekadenten Krankheiten des Westens.
Der wunderbare chinesische Autor Yan Lianke, der leider zur Buchmesse, auf der China Gastland war, nicht einreisen durfte hat dieses Thema aufgegriffen, es als seine Aufgabe angesehen darüber eine wunderbare Geschichte zu schreiben, den Roman "Der Traum meines Großvaters", der in China verboten ist, weil er "der Ehre des Landes nicht zuträglich" ist.
Zum Plot: In dem Roman lässt der Autor den unschuldig gestorbenen zwölfjährigen Sohn des dörflichen Blutchefs aus dem Grab seinem gesund gebliebenen Großvater die Geschichte des Dorfes erzählen. Dabei nutzt er den Jungen als allwissendes Medium, um seinem Großvater im Traum die unglaubliche Geschichte zu erzählen, wie das fiktive Dorf Dingzhuan in der Provinz Henan durch die Aids-Epidemie dahingerafft wurde.
Der Vater des Ich-Erzählers, Ding Hui, organisiert als einer er ersten den Bluthandel im Ort, wird Blutchef, verspricht allen ein besseres Leben und auch der Großvater, Lehrer und Patriarch des Dorfes, rät allen gut zu. Die Zeiten des vermeintlichen Wohlstands dauern nicht lange an, denn plötzlich leiden die Blutspender an einer Krankheit die man Fieber" nennt, in Wirklichkeit Aids. Die Dorfbewohner sterben ohne großes öffentliches Aufsehen.
Die Sterbenden ziehen sich, hilflos und krank, in die Dorfschule zurück, um andere nicht anzustecken. Yan Lianke erzählt nun in einer nüchternen Sprache von dieser Schicksalsgemeinschaft, die im Angesicht des baldigen, allgegenwärtigen Sterbens ihren Instinkten freien Lauf lässt. Um überhaupt noch ein Bisschen Leben in die Landschaft zu bringen, kommt man auf die skurrile Idee die Toten miteinander zu verheiraten. Bei den Todgeweihten, die miteinander leben, streiten, lieben, sich den kleinsten Besitz, wenn es denn möglich ist noch stehlen, brechen Gier, Missgunst und Intrigen hemmungslos hervor. Der Versuch eine Gesellschaft der Kranken im Asyl einzurichten misslingt.
Yan Lianke übt besondere Kritik an den Parteikadern, die statt Hilfe zu leisten, am korruptesten sind. Ding Hui wird nicht zur Rechenschaft gezogen, macht vielmehr noch Karriere in der Partei und schlägt aus dem Tod der Menschen Kapital, denn statt den Hinterbliebenen, wie von Regierungsstellen angeordnet einen Sarg kostenlos zur Verfügung zustellen, treibt Ding Hui skrupellos einen einträglichen Sarghandel, das einzige Geschäft das schließlich in dem Dorf noch funktioniert. Ding Hui wird reich, bleibt gesund und da man von seiner Verantwortung für das Unglück überzeugt ist, an Regierungsmitglieder aber nicht einfach Lynchjustiz üben kann, vergiftet man zunächst sein Vieh und dann seinen Sohn, den Ich-Erzähler.
Das Buch ist in der Struktur geradlinig und die Kritik des Autors ist eher moralischer denn politischer Natur, wobei das mit viel Herzblut verfasste Werk unter die Haut geht, weil es doch zeigt wie der Versuch in extremen Situationen menschlich zu bleiben kläglich scheitert.
Da aus der Sicht des Ich-Erzählers vieles, was über die schrecklichen Geschehnisse zu erzählen ist, Fassungslosigkeit in dem kindlichen Ich-Erzähler hervorruft, kommt es zu Redundanzen, die etwas stören.
Ansonsten ist es ein wunderbares Buch, kein Sachbuch, sondern ein fiktionales Buch welches auf literarische Weise die Realität Chinas spiegelt, mit viel naiven Realismus, aber auch Lakonik einer Erzählform die auf gekonnte Art und Weise Widersprüchliches wie Komisches und Grauen Erregendes miteinander verbindet. Ein Buch das ich sehr empfehlen kann.