"Dieser Bericht will nichts sein als die Einleitung zu der großen Symphonie des Todes, die einmal von berufeneren Händen geschrieben werden wird. Ich habe nur am Tor gestanden und auf die dunkle Bühne geblickt, und ich habe aufgeschrieben, nicht so sehr, was meine Augen gesehen haben, sondern was die Seele gesehen hat. Der Vorhang hatte sich erst zum Teil gehoben, die Lampen brannten noch matt, die großen Schauspieler standen noch im Dunklen. Aber die Speichen des schrecklichen Rades begannen sich schon zu drehen, und Blut und Grauen tropften schon aus ihrem düster blitzenden Kreis. Meine Stimme wurde aufgerufen, und sie erzählt. Andere werden aufgerufen werden und erzählen, und hinter ihnen wird die große, jenseitige Stimme sich erheben und sprechen: "Es werde Nacht!"
Was soll man angesichts dieser einleitenden Worte Ernst Wiecherts noch sagen über ein Buch, welches so einzigartig das Unaussprechliche, das Grauen und das Unmenschliche zu beschreiben versteht, das Menschen Menschen anzutun vermögen? Ernst Wiechert, geboren 1887, war als Schriftsteller und bis 1933 als Pädagoge tätig. Aufgrund seiner Solidarisierung mit Pfarrer Martin Niemöller, der in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen wurde, verhafteten die "Nationalsozialisten" auch Wiechert und brachten ihn in das Lager Buchenwald - den "TOTENWALD". Seine Erlebnisse dort mit der Grausamkeit von Menschen gegen Menschen, davon handelt dieser Bericht in einer geradezu einzigartig tiefsinnigen und zugleich erstaunlich humanen Weise, selbst gegen die ehemaligen Peiniger. "Im zweiten Kriegsmonat schreibe ich den Bericht über den Totenwald nieder, wir vergraben ihn nachts im Garten zwischen Johannisbeerbüschen, die ihre Ernte schon getragen haben. Er liegt sechs Jahre in der Erde..." Davon, von all den Eindrücken, dem Leid und dem Unrecht, das ihm und anderen von anderen angetan worden ist, lebt sein ergreifender Tatsachenbericht, der ohne Polemik oder nur zu verständlichen Haß auskommt, und deshalb noch mehr den Leser zu beteiligen vermag, fassungslos vor dem Schicksal eines Einzelnen - der jeder von uns sein könnte. So ist es auch ein Buch wider das Vergessen, ein Mahnmal gegen jede Art der Unmenschlichkeit, auch gegen die Wiederholung. Dennoch hebt es sich ab von manch anderen Erzählungen, die ähnliches beschreiben, vor allem durch den wundervoll poetischen Stil und die überwiegend doch sachliche Erzählform, und beides zusammen vermag es, den Leser erzittern zu lassen, ihm Tränen in die Augen zu treiben angesichts des unfaßbaren Unrechts, das wir einander anzutun fähig sind. Ein Buch, das nicht nur aufgrund der Vorkommnisse in Ex-Jugoslawien vielleicht aktueller denn je ist. Ein Buch, das jeder gelesen haben sollte.
[Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.] (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)