"Nachts, wenn alles dunkel ist und ruhig, wenn du entspannt bist, kommen ihre Strahlen bei dir an wie das Licht der toten Sterne. Das sind die Gespenster."
Als couragierter Polizist, der sich im von der Willkür der Militärherrschaft gebeutelten Argentinien für Gerechtigkeit einsetzt, ist Lascano einigen Ärger gewohnt. Doch in "Der Tote von der Plaza Once" wird der Comisario auf die Probe gestellt. Denn als ihn die Ermittlungen im Mord an dem Geldverleiher Biterman im Zentrum der jüdischen Gemeinde von Buenos Aires auf eine Spur bringen, die in die Abgründe der argentinischen Staatsstrukturen führt, sind nicht nur seine kriminalistischen Fähigkeiten gefragt. Schnell wird klar, dass die Regimeverfechter vor nichts zurückschrecken, um den Nachforschungen des scharfzüngigen Comisario ein Ende zu setzen. Lascano muss sich entscheiden: Will er weiterhin verbotene Fragen stellen und das Risiko eingehen, im Kampf gegen das System sein Leben zu verlieren? Oder ist er bereit, Moralvorstellungen und Gerechtigkeitssinn über Bord zu werfen, um die Menschen in seinem Umfeld zu schützen? Denn mit seinen Ermittlungen gefährdet er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen besten Freund, den Gerichtsmediziner Fuseli, der ihm beruflich und privat zur Seite steht, und die Widerstandkämpferin Eva, dank derer er sich endlich von den Gespenstern befreien kann, die ihn seit dem Tod seiner Frau Marisa verfolgen...
Die Stärken des Romans liegen für mich vor allem in der geschickten Verknüpfung der unterschiedlichen Handlungsstränge, durch die der Leser trotz der häufigen Perspektivwechsel nicht den Überblick verliert. Neben der Krimihandlung, die einen eindrucksvollen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Buenos Aires zu Zeiten der Militärdiktatur liefert, schildert Mallo Lascanos besondere Freundschaft mit Fuseli und seine Beziehung zu Eva, die ihm die Möglichkeit gibt, endlich mit der Vergangenheit abzuschließen und wieder in die Zukunft zu blicken. Fasziniert haben mich auch die nachdenkliche Stimmung und die schonungslose Erzählweise, die auf eine Mischung aus düsterer Spannung und leisen, poetischen Tönen setzt, und den Leser immer wieder schaudern lässt. Ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legt, und von dem ich gerne noch ein paar Seiten mehr gelesen hätte!