Ein außergewöhnliches Buch ist hier zu besprechen, ein Buch aus der Mitte eines der längsten und historisch tief reichendsten Konflikte dieser Welt. Ein Buch, dessen Hauptfigur lebt in einem Ort, der vor 2000 Jahren Geschichte schrieb, als dort der Überlieferung des Lukasevangeliums zufolge Jesus von Nazareth in einem Stall geboren wurde. Jenes von einem kleinen Teil der Juden damals als Messias verehrten Menschen, den sie bald als Gottessohn verehrten und der zur Gründungsfigur einer Weltreligion wurde.
Bethlehem ist aber auch ein Ort, der von den Muslimen hochgeschätzt wird und liegt heute mitten in palästinensischem Gebiet.
Matt Beynon Rees, der Autor dieses außergewöhnlichen Kriminalromans, ist in Wales geboren und lebt seit langem in Jerusalem, wo er bis vor kurzen als Bürochef der "Time" gearbeitet hat. Er kennt sich also nicht nur mit der Geschichte des Konfliktes aus , der sich dort abspielt, sondern auch mit seinen aktuellen Ausformungen, Höhepunkten und all seinen Irrationalitäten.
Mit Omar Jussuf hat er einen Protagonisten erfunden, der auf mutige und sympathische Weise versucht, mitten in einem Strudel von Gewalt, Ideologie, Fanatismus und Korruption als Lehrer einer von den UNO unterhaltenen Schule seinen palästinensischen Schülern etwas beizubringen von der Geschichte des Konflikts, in dem sie aufgewachsen sind, wobei er immer bestrebt ist, die platten Freund-Feind-Bilder aufzubrechen und sich vehement gegen die Parole zur Wehr setzt, die Juden einfach ins Meer zu treiben.
In seinem neuen Buch führt Matt Beynon Rees seinen sympathischen Protagonisten nach Nablus. Zusammen mit seiner Frau ist er eingeladen zur Hochzeit eines Freundes namens Sami Dschaffari, der in Nablus bei der Polizei arbeitet. Diue Hochzeit wird zusammen mit der Feier Dutzender anderer junger und mitteloser Männer von der Hamas finanziert, in deren Dunstkreis sich Omar Jussuf bei seinem neuen Fall über das ganze Buch hinweg bewegt.
Kaum angekommen, erfährt er von Sami, dass eine alte und wertvolle Schriftrolle der Samaritaner, die in Nablus mit einem Rest von 600 Getreuen ihre jahrtausendealte jüdische Spezialgeschichte verwalten, gestohlen worden ist. Sami nimmt Omar Jussuf mit auf seine Ermittlungen, weil der als Geschichtslehrer natürlich an der Rolle interessiert ist und an der Geschichte der Samaritaner, von der er viel, Sami allerdings, obwohl sie in direkter Nachbarschaft leben, wenig weiß.
Genauso schnell, wie sie verschwunden war taucht die Schriftrolle auch wieder auf, dafür findet man kurze Zeit später auf dem Berg Garizim, auf dem früher der Tempel der Samaritaner gestanden haben soll, die Leiche eines jungen Mannes. Er ist der Sohn des alten Priesters der Samaritaner, der im Verlauf des Buches noch eine besondere Rolle spielen wird, und war bis zu dessen Tod der Finanzberater des "Alten" also Jassir Arafat, dem Führer der PLO, der selnbst nach dem Tod der Hamas verhasst ist.
Auch Omars aus den ersten beiden Büchern dem Leser bekannter Kollege Chamis Sejdan, ein mit allen Wassern der Kriminalität und Korruption gewaschener Polizist mit einer bewegten Vergangenheit, von der wir im vorliegenden Band wieder etwas mehr erfahren, ist mit von der Partie, die mitten hinein führt in dien innerpalästinensischen Auseinandersetzungen über 300 Millionen Dollar, die Arafat von der Weltbank bekam und in seine Privatschatulle gesteckt hat, von der der Tote junge Mann Kenntnis hatte.
Es geht weiters um eine Liste von schmutzigen Geschichten über PLO-Mitglieder, auf der auch Chamis Sejdan zu finden ist, es geht um den Verdacht, Jassir Arafat sei homosexuell gewesen und an Aids gestorben.
Matt Beynon Rees nimmt bei der Beschreibung der Zustände auf die sein Ermittler wider Willen dort in Nablus trifft, genauso wenig ein Blatt vor den Mund, wie bei der Schilderung der Zustände im Westjordanland, in Bethlehem und in Gaza in seinen ersten beiden Büchern.
Das spannend erzählte Buch ist ein Dokument des verzweifelten Kampfes Einzelner um Gerechtigkeit in einer von Gewalt und Korruption verseuchten Umwelt. Es sind literarische Zeugnisse wie das vorliegende, die mich neben den aktuellen Nachrichten erheblich zweifeln lassen, ob es für dieses Gebiet und für den Konflikt dort überhaupt jemals eine Lösung geben wird.
Omar Jussuf jedenfalls wäre in der Realität schon längst einem Attentat irgendeiner seiner Glaubensbrüder zum Opfer gefallen.