Barbara Bongartz Der Tote von Passy Dittrich Verlag
Barbara Bongartz hat in einer überraschenden und mystisch verklausulierten Autobiografie ihre Lebensgeschichte erzählt.
In frühester Kindheit schon hat sie bemerkt, dass ihre Eltern nicht glücklich sind. Spät erst versteht sie, was in der Ehe der Eltern nicht stimmte.
Ihre Unsicherheit mit spürbaren Selbstzweifeln verlässt sie nicht, als sie eines Tages aus Frankreich den Brief einer oder eines Unbekannten erhält: ihr Vater Alphonse Steiner sei gestorben, und sicher möchte sich doch darüber Bescheid wissen! Sie wird über den Termin zur Trauerfeier informiert,--und nimmt ihn auch wahr!
Woher kommt dieser neue Vater?
Während der Reise zu dem Treffen einer ihr unbekannten Familie kommen ihr die unwahrscheinlichsten Erinnerungen an früh vergangene Zeiten. Sie war stets den Launen ihrer Eltern ausgesetzt, besonders der Mutter, die eine tiefe Unzufriedenheit erkennen ließ. Das kleine Mädchen wünschte sich häufig, dass die Eltern tot wären, weil dann vielleicht alle glücklicher wären!
Eine frühe eigene Ehe hat die Icherzählerin beendet, als sie sich als Irrtum herausstellte. Der Ehemann war ein fauler und unzuverlässiger Taugenichts.
Nun hat sie Viktor, um den sie bangt, als er zu einem Afghanistaneinsatz herangezogen wird. Wir haben schon den 11.September hinter uns, und der Terrorismus macht sich überall in seinen grausigsten Auswüschen bemerkbar.
Die realen Momente der Gegenwart werden nur kurz angedeutet. Wichtigstes Element der Erzählung bleibt die Erinnerung, die Assoziationen an vergangene Ereignisse und eine wachsende Neugier, der eigenen Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen.
So erinnert sie sich ihres Studiums in Frankreich, und dass man sie häufig für eine Französin aus dem Süden hielt.
In ihren Träumen, Phantasien und Gedanken gerät die Icherzählerin in heftige Turbulenzen, als sie sich ausmalt, dass die Mutter womöglich ein Verhältnis mit Herrn Steiner gehabt haben könnte, und sie die Frucht dieser Verbindung wäre.
Die Spurensuche nach ihren Ursprüngen wird immer komplizierter. Städte und Namen wechseln, Menschen kommen und gehen. Sie bleibt auf der Suche, fühlt sich verwirrt und niemals verlässt sie ein Gefühl der Verlorenheit.
Die Erzählweise bewegt sich in verschiedenen Zeitebenen, so dass man sich einmal im Heute, dann in der Vergangenheit und im Wechsel dazu in den Träumen von Vergangenheit und Gegenwart wieder findet.
Was ist nun wirklich geschehen?
Verschachtelt, verwirrend und höchst kunstvoll wird den Spuren der eigenen Kindheit bis zum heutigen Tage gefolgt. Diese Spurensuche fördert überraschende Ergebnisse zutage.
Bongartz schreibt mit anhaltender Spannung, sensibel, eindringlich, psychologisch nachvollziehbar und bleibt am Thema. Der Leser muss sich gedulden und möchte doch alles wissen!
So entsteht ein Lebensbild, das individuell und einmalig ist.
B. Bongartz ist angeblich ein Geheimtipp, da sie noch immer nicht allzu bekannt ist. Darüber allerdings wundert man sich, denn sie ist eine ausgezeichnete, feine und außergewöhnliche Erzählerin.
Diesem Buch wünscht man viele Leser!