""So gewöhnte er sich resigniert, den Wert und Reiz der Gegenwart
erst von der Vergangenheit gewordenen zu erwarten."
(Hofmannsthal, Age of Innocence, 1891)
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) schrieb 19 jährig im Jahre 1894 dieses lyrische Kurzdrama, noch eingefangen in die Zeit des Symbolismus, geprägt von Mallarme und sicher auch von Joris-Karl Huysman. Huysmans Stück
Gegen den Strich ist beispielhaft für die übertriebene Dekadenz, in dem das Künstliche über das Natürliche an Herrschaft gewinnt. Hofmannsthal lässt seinen Ästheten Claudio monologisieren, aus dem Studierzimmer die letzte Helligkeit des Tages und die untergehende Sonne betrachtend, wie sinnlos sein bisheriges Leben scheint in dem Künstlichen. Sein Dasein sucht nach Erfüllung im Zukünftigen, nimmt er sich doch nur als Zuschauer seiner selbst wahr. "Was weiß ich vom Menschenleben?" ist seine rückblickende Frage auf sein Leben, mit dem Verstand erreicht, doch dem Gefühl verborgen, "den wahren Trank des Lebens nie gesogen".
"Ich hab mich so an Künstliches verloren" ist seine Einsicht, geblickt aus toten Augen, gehört aus toten Ohren, "künftigen Lebens vorgeliehener Schein" hat nur Schatten geworfen, auf die Zeit, die dem Leben gelten sollte. Horaz lesend vergaß er das Carpe Diem. Hofmannsthal wählte den Namen in der Absicht, in diesem offenbart sich bereits das Verhalten: Claudio; claudere (lat.) = verschließen.
"Unendlich Hoffen scheint's zu sein", was die Gedanken der Wiederkehr des Gefühls begleitet, zurück zu den einfachen Dingen, Glück erleben, "ein lebend Glied im großen Lebensringe!" sein, und ein Genügen spüren, welches das Ich erweitert. In diesem zitternden Zustand tritt der Tod ein, der am Abend, auf die Dunkelheit wartend, vor ihm steht, ihn auffordert, Vergangenes von sich zu werfen und ihn zu erkennen, als Dionysos, als Venus, als großer Gott der Seele, um ihn, Claudio, aus dem Kerker der eigenen Welt zu befreien und in die Welt der großen Reigen einzuführen. Mephistopräsenz bei Claudio, doch kein Pakt für ungeahnte Augenblicke, sondern Rückschau im Augenblick des Todes. Auch wenn Claudio sich nicht reif fühlt, reif für die Änderung, reif für die Notwendigkeit des Todes, bleibt der Tod standhaft, schalt ihn gar: "Du Tor! Du schlimmer Tor, ich will dich lehren, / Das Leben, eh du's endest, einmal ehren."
Die Menschen aus Claudios Umgebung, die Mutter, eine Geliebte und ein Jugendfreund, geben Beispiel seiner Torheit. Claudio will die aus dem Totenreich scheinbar Auferstandenen noch einmal und in neuer Manier ehren. "Laß mir, was mein. Dein war es." sagt der Tod und stellt die Unwiederbringlichkeit von Chancen fest.
Claudio, der Ewigspielende, der Feingeist, der Egoist, der Herr und Gebieter, der, dem das Haus zum Kerker wird, der Gefühllose, der Unnatürliche, der Künstliche, der dem ausschließlich Künstlichen zugewandte, "der keinem etwas war und keiner ihm" spürt in den Vorwürfen seine Versäumnisse. Und Hofmannsthal lässt ihn am Schluss die Erkenntnis aussprechen:
"Da tot mein Leben war, sei du mein Leben, Tod!
Was zwingt mich, der ich beides nicht erkenne,
Dass ich dich Tod und jenes Leben nenne?"
Dieses sterbende Besinnen in diesem kurzen Drama kann man wiederfinden in den Ideen der Bücher von Camus (Der Fremde, 1942), Frisch (Homo Faber, 1957) und Nooteboom (Die folgende Geschichte, 1991). Jeweils eine faszinierende intellektuelle Welt, in der die Todesreise eines bereits im Leben erstarrten Menschen hautnah verfolgt werden kann, der im Moment des erwarteten Todes erinnernd jenes Leben gewinnt, dessen Ebene ihm im Leben verschlossen geblieben ist.
"Erst, da ich sterbe, spür ich, daß ich bin. / Wenn einer träumt, so kann ein Übermaß / Geträumten Fühlens ihn erwachen machen, / So wach ich jetzt, im Fühlensübermaß / Vom Lebenstraum wohl auf im Todeswachen." lesen wir hier bei Hofmannsthal. Nun, darüber schüttelt der Tod den Kopf, tritt ab und lässt den toten Claudio folgen.
"Wie wundervoll sind diese Wesen, / Die, was nicht deutbar, dennoch deuten, / ..." so rätselt der Tod über das Wissen wollen von dem, was Glauben können verheißt.
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