In einem Waldstück werden sechs linke Arme gefunden. Sie gehören zu fünf kleinen Mädchen, die alle vor kurzem entführt wurden - doch zu wem gehört Nr. 6? Ein sechstes Entführungsopfer ist nämlich nicht bekannt.
Das ist bei weitem nicht die einzige Frage, mit der sich das Ermittlerteam konfrontiert sieht, denn sehr schnell wird klar, dass der Täter ein überaus perfides Spiel treibt. Die erste Leiche taucht auf und von da an müssen die Ermittler ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd die gut versteckten Hinweise entschlüsseln, die zum nächsten Fundort führen.
Interessant dabei ist, dass jeder neue Leichenfund neue Verbrechen - und neue Täter - ans Tageslicht befördert.
Nicht nur die Ermittler fragen sich immer ratloser, woher ,ihr Serienkiller' so viel über die Taten anderer weiß, die allesamt nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.
So nach und nach wird allerdings klar, dass in diesem Buch wirklich alles miteinander in Zusammenhang steht. Nicht nur die ganzen Verbrechen, auch die persönlichen Probleme und die Vorgeschichte der Protagonisten spielen eine sehr wichtige Rolle.
Der allmähliche Aufbau dieser ganzen Verkettungen ist intelligent und vor allem sehr, sehr spannend gestaltet. Auch der Schreibstil liest sich flüssig und fesselnd.
Die Charaktere, die im Lauf der Geschichte von ihren jeweiligen Problemen nicht nur ein, sondern sogar überholt werden, sind ausführlich gezeichnet und haben Tiefgang, man kann sich sehr gut in sie hineindenken.
Doch wenn Goran Gavila, Profiler und Chefermittler, sagt: "Wir sind mit Menschen zusammen, die wir zu kennen glauben, dabei haben wir keine Ahnung ..." sollte man diesen Satz besser glauben.
Man erfährt auch einiges über forensische Untersuchungen, was allerdings für den erfahrenen Krimileser nicht viel Neues sein dürfte. Egal, es macht sich trotzdem gut und wird an keiner Stelle langweilig.
Eine echte Besonderheit stellt das völlige Fehlen von Ortsbezeichnungen dar. Man weiß weder, in welcher Stadt sich das alles abspielt, noch in welchem Land wir uns überhaupt befinden. Auch die Namen der Personen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu, da diese aus ganz Europa zusammengewürfelt scheinen.
Diese ,Handlung im Nirgendwo' hat mich zwar nicht direkt gestört, dazu passiert zu viel und sind die Charaktere zu gewichtig angelegt. Ich hatte dadurch beim Lesen aber ständig ein Gefühl von Unwirklichkeit.
Vielleicht war genau das ja auch beabsichtigt, denn auf diese Weise fangen die logischen Unstimmigkeiten nicht so schnell an, aufzufallen. Früher oder später merkt man sie aber doch.
Das beginnt beim Täter, der ein derartig kompliziertes System an Spuren ausgelegt hat, dass nur eine einzige Abweichung genügt hätte und das Ermittlerteam wäre nicht mehr weiter gekommen. Soll heißen, er hat zuviel im Voraus als gegeben betrachtet, was man unmöglich hätte vorhersehen können.
Genauso bei den Ermittlungsschritten, da werden dann oft Schlüsse gezogen bzw. Methoden angewandt, die weder so richtig glaubwürdig noch nachvollziehbar sind.
An einer Stelle (die Sache mit der Nonne) hatte ich sogar den Eindruck, daß sich der Autor dermaßen in eine Sackgasse geschrieben hatte, daß die Story ohne eine leichte Anleihe aus dem Übersinnlichen die Kurve nicht mehr gekriegt hätte. Deswegen wird das Buch nicht zum Fantasythriller und die Sache ist auch noch *irgendwie* nachvollziehbar (es soll sowas ja tatsächlich geben), aber ohne diesen Kniff wäre der Plot an dieser Stelle stecken geblieben.
War es anfangs noch völlig logisch und in sich stimmig angelegt, fragt man sich im weiteren Verlauf immer häufiger, was das jetzt soll oder wie jemand genau diesen Zusammenhang hat wissen können.
Diese Stolperstellen häufen sich immer mehr, wodurch der Plot dann ab ca. dem letzten Drittel zu stark konstruiert wirkt.
Genauso der Schluß, der mit mehreren Knalleffekten aufwartet. Zum Teil ist es passend, anderes halte ich aber für völlig überzogen und damit unglaubwürdig. (Ich möchte hier nicht zuviel verraten, deshalb keine genaueren Beispiele).
Bei der Tätersuche geht es nicht nur um das ,wer', sondern auch mindestens genauso stark um das ,warum'. Und genau da bleibt der Autor am Ende leider ein paar wichtige Antworten schuldig.
Trotz der Kritik fand ich das Buch nicht schlecht und es liest sich wirklich mörderisch spannend. Nur für einen absoluten Spitzenwert hat es in meinen Augen eben ein paar Schwächen zuviel.