Schon zum 5 Jahres-Jubiläum der 9/11 Anschläge veröffentliche Lawrence Wright 2006 "The Looming Tower. Al-Qaeda and the Road to 9/11" und gewann mit diesem Bestseller den renommierten Pulitzerpreis. Dadurch ist der Journalist und Autor als Mitglied des Council on Foreign Relations, der auch kurze Zeit an der American University in Kairo lehrte kein Unbekannter mehr. Was den Erfolg Wrights Buch ausmachte war es dass er als einer der ersten die Vorgeschichte 9/11 erfassen und den Aufstieg Bin Ladens nachzuzeichnen vermochte. Dabei standen ihm mit dem ehemaligen "counter-terrorism czar" Richard A. Clarke und dem zweifachen Pulitzerpreisträger Steve Coll (den ersten 2004 für 'Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001', den zweiten 2008 für 'The Bin Ladens') wertvolle Quellen zur Verfügung, auf die er ebenso wie die erste große Welle von 9/11 Büchern elegant aufbauen konnte.
Wright beginnt seine Reise zu den Wurzeln Al Qaidas zunächst mit einem denkwürdigen St. Patricks Day 1996 als es den Agenten der "Alec" Station der CIA (zuständig für die Ermittlung in der Finanzierung von Terrororganisationen) gelang die Strafverfolgung, des damals noch als Terror-Finanzier aktenkundigen Osama Bin Ladens einzuleiten, nachdem dieser eine Fatwa gegen die USA veröffentlicht hatte. Doch noch stand die Jagd auf Bin Laden auf tönernen Füßen, der Mann erschien eher unbedeutend angesichts größerer Bedrohungen und auch die rechtliche Grundlage der Strafverfolgung des späteren Staatsfeinds Nr. 1 ruhte noch auf einem Gesetz aus der Bürgerkriegsära.
Der Weg nach 9/11 begann jedoch schon weit früher, man kann ihn gar, wie Lawrence Wright auf die Radikalisierung des Chefideologen der Muslimbrüder zurückführen, Sajid Qutb. Entsprechend beginnt Wright nach dem Prolog sein erstes Kapitel mit der USA-Reise des "Märtyrers" Qutb im November 1948. Der sich bereits in seinen 40ern befindende Beamte des ägyptischen Bildungsministeriums und ausgebildete Lehrer hatte gewissermaßen aus seiner Heimat fliehen müssen, da seine Schriften ihn beim ungeliebten König in Ungnade haben fallen lassen. Mit der Unterstützung von Freunden sollte Qutb auf "Studienreise" in die USA gehen, wohl auch in der Hoffnung der zornig-flammende Autor möge dort etwas abkühlen und liberaler werden. Doch genau das Gegenteil sollte eintreten. Zwischen Kairo und New York lagen Welten, der Kulturschock und Affronte wie der Kinsey-Report (den Qutb aufmerksam studierte und auf den er sich in späteren Schriften bezog, um die moralische Verkommenheit der Amerikaner zu geißeln) sorgten dafür dass Qutb bei seiner Rückkehr am 20. August 1950 einen noch radikaleren Weg beschritt. Seine Unnachgiebigkeit sollte ihm nach einem islamistisch motivierten Anschlag auf Präsident Nasser jedoch den Strang einbringen, der Tod machte aus Qutb jedoch umso mehr einen Märtyrer.
Das Erbe des Märtyrers Sajid Qutb sollte schließlich auch eine Generation von Männern beeinflussen, der auch Aiman al-Sawhiri angehörte. Osamas künftiger Stellvertreter nimmt die Hauptrolle in Kapitel 2 ein. Wright stellt seine "Protagonisten" also zunächst einmal getrennt vor. Sawahiri entstammte einer Ärztedynastie und wuchs in einer weltoffenen gutbürgerlichen Gegend auf, ähnlich wie Osama Bin Laden. Bin Laden und dessen Vater (womit Lawrence Wright ein wenig die gleiche Richtung einschlägt wie Steve Coll, der in seiner Familienbiografie 'The Bin Ladens' die Geschichte des Clans seit Mohammed Bin Ladens Ankunft im künftigen Saudi-Arabien aufarbeitete) gehörten zur Elite Saudi-Arabiens, doch zwischen den beiden Männer herrschte doch ein grober Unterschied, den Wright ausstellt. Während der Aufsteiger und erste Baumeister des Königs zwar auch bescheiden lebte und stark religiös geprägt schien, sein 17. Sohn sollte sich in Teenager-Jahren politisch und religiös schlichtweg radikalisieren. Wie dieser Prozess vonstatten ging ist das große Rätsel, dem auch Lawrence Wright nicht näher kommen kann. Dafür zeichnet er den weiteren Lebensweg Bin Landes nach.
Wie sich die politische Lage in Osamas Heimat Saudi-Arabien gestaltete erforscht Wright anhand des Schicksals Prinz Turki bin Faisal Al Sauds, dem Sohn König Faisals und langjährigen Chef des saudischen Auslandsgeheimdienstes. Er sollte zu einer zentralen Figur in der saudisch-amerikanischen Kooperation im sowjetischen Afghanistankrieg werden und damit auch in Kontakt zum Afghanistan-Kämpfer Bin Laden treten. Nach seinem Afghanistanerlebnis fand der treue Untertan des Königshauses dann auch nichts daran Prinz Turki 1989 vorzuschlagen mit einer Gruppe arabischer Freischärler in den marxistischen Südjemen einzufallen. Noch ehe sich Bin Laden über die Ablehnung dieses Plans Gedanken machen konnte vereinigten sich Süd- und Nordjemen jedoch überraschend und Bin Laden erkannte in Saddam Hussein eine noch drängendere Bedrohung für das Königreich. Zwar befand sich Saudi-Arabien technisch auf dem Stand sich selbst zu verteidigen, doch dem Königreich fehlte ein entsprechend ausgebildetes Heer, um im Falle eines weiteren Vordringen Saddams etwas entgegenzusetzen. Schon von Beginn der expansionistischen Phase Saddams drängt Bin Laden darauf nicht die Amerikaner ins Land zu holen, sondern eine eigene Armee zu schaffen, die den säkularen Diktator in die Schranken weisen sollte. Bin Laden bat sich an mit einer Gruppe von Afghanistanveteranen aus arbeitslosen arabischen Jugendlichen in kürzester ein Heer 100.000 Mann starkes Heer aufstellen zu können, doch schlussendlich setzte das Königshaus auf eine internationale Koalition unter der Führung der USA. Und Bin Laden hatte in der letzten verbliebenen Weltmacht ein neues Objekt für seine Obsession gefunden.
Bis wirklich die amerikanischen "Helden" Wrights Geschichtsexkurses in Erscheinung treten dauert es über die Hälfte des Buchs, doch dann sind es mit Richard A. Clarke in seiner Funktion als Chefkoordinator für Terrorismusbekämpfung im Weißen Haus und FBI Special Agent John O'Neill, dem Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des Bureaus gleich die zwei "Lichtgestalten". Unterstützung erhalten beide durch einen "Supporting Cast" der neben Dan Coleman auch den Leiter der Alec Station Michael Scheuer umfasst. Bekannte Namen, wenn man sich mit einigen amerikanischen Werken über 9/11 und dem War on Terror bereits auseinandergesetzt. Vor allem O'Neill, der beim Einsturz der Twin Towers ums Leben kam und gewissermaßen den amerikanischen Märtyrer-Helden-Tod starb, nimmt in der zweiten Hälfte des Buchs neben Bin Laden die entscheidende Rolle ein, auch weil ihn Clarke sich nach Amtsantritt Bushs als Nachfolger gewünscht hätte. O'Neills präsente Rolle kommt auch daher, dass er als FBI-Agent die Ermittlung im Fall Al Qaida führte und damit die Anschläge in Al-Chubar und die USS Cole zu untersuchen hatte. Weil er beim FBI allerdings trotz seines Engagements nicht die Karriereleiter weiter hinaufsteigen und zum Leiter der bedeutenden New Yorker Außenstelle (womit er gar zum Assistant Director geworden wäre) trat er knapp vor 9/11 eine neue Arbeitsstelle als Sicherheitschef des World Trade Center an, welch bittere Ironie.
- Resümee -
Den Pulitzerpreis hat sich Lawrence Wrights Pulitzerpreis-gekröntes Werk vor allem verdient weil er es verstanden hat den First-Mover Advantage zu nutzen und sich eben als erster an eine durchgehende Geschichte über die Entwicklung Osama Bin Ladens, die Entstehung Al Qaidas und den Auftakt zu 9/11 zu verfassen. Dennoch liegt die große Stärke des Buchs darin welche Geschichte es da (gut aber nicht überragend) erzählt. Wright erzählt durchaus plastisch, bei den Beziehungsgeflechten und Charakterbildern bleibt er allerdings oft doch eher oberflächlich, allzu feinsinnig ist jedenfalls nicht unterwegs. Wrights Beschäftigung mit O'Neill wirkt zudem oft schon ein wenig zu sehr um Heroisierung bemüht, was vielleicht eine Geschmacksache sein mag, doch gerade Richard A. Clarke, der mit Against All Enemies eine Autobiografie über die Jagd nach Al Qaida verfasst hat tritt in den Hintergrund, ebenso wie auch Aiman al-Sawahiri auf die Rolle eines Nebendarstellers reduziert bleibt.
Fazit:
Unterm Strich ein durchaus lesenswertes Buch darüber wie Bin Laden die Al Qaida gründete und schon vor 9/11 von John O'Neill gejagt wurde, das aber auch seine Schwächen vorzuweisen hat und vor allem davon lebt dass erste und umfangreichste Buch über diese Geschichte gewesen zu sein.