Seit einiger Zeit ist Estland Mitglied der Europäischen Union. Damit kommt uns emotional, intellektuell und wirtschaftlich wieder eine Region näher, die einst mit der Hauptstadt Reval (Tallinn) auch ein Stück deutscher Geschichte und Überlieferung war und ist. Und deshalb sollte auch an einen der größten Dichters des Baltikums, der zugleich eine deutscher und ein europäischer Dichter war, erinnert werden: Werner Bergengruen (1892 - 1964).
Am schönsten lässt sich dies mit einem Band Erzählungen machen, in dem Reval zu einem literarischen Topos geworden ist: "Der Tod von Reval". Für den Dichter Werner Bergengruen war dieses Buch - geschrieben 1939 aus der "liebenden, schwermütigen Erinnerung des Herzens" - eine Liebeserklärung an seine Heimat. Für den Leser (und Wieder-Leser) sind diese Erzählungen Beispiele des eigenwilligen und oft skurrilen baltischen Humors, Geschichten voller Warmherzigkeit und Menschlichkeit. Und von hoher literarischer Qualität.
Da wird ein adliger Tunichgut, Habenichts und begnadeter Säufer zu einem Feldmarschall, dessen späterer Ruf und seine Schulden ihn weit über den Tod hinaus zu einer beliebten Person und selbst als Leiche zu einem Faustpfand für Reval werden lassen. Kurios auch die Geschichte von der Kapitänsfrau, die ihrem Mann und seiner Mannschaft das Trinken verbieten will und sozusagen als Strafe auf hoher See verstirbt und bis zur Bestattung an Land in ein Branntweinfass gesteckt wird, aus dem sich Mann und Mannschaft gütlich tun. Und da gibt es den Doktor Barg, der aus Angst vor dem Scheintod, der testamentarisch eine Herberge für Scheintote errichten lässt. In der sich allerdings dann Dinge tun, die eher etwas mit dem Leben als mit dem Tode zu tun haben. Solcher Art sind die Bergengruenschen Geschichten "aus einer alten Stadt hoch droben im Norden, hoch droben im Osten, einer Stadt am Meer...". Es sind Geschichten von ihren Toten.
"Jeder Tod hat sein eigenes Gelächter". Und so sind auch diese Erzählungen ernst und heiter, melancholisch und manchmal ein bisschen verrückt. Und wunderschön.