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Der Tod kommt nur einmal. Roman
 
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Der Tod kommt nur einmal. Roman [Taschenbuch]

Margherita Oggero , Monika Cagliesi
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Als die 18-jährige Tochter eines reichen Geschäftsmannes entführt wird, fehlt der Polizei zunächst jede Spur. Nur die Nachbarin Profia kann etwas über die Turiner Jugendbande, zu der auch Karin gehörte, in Erfahrung bringen. An der Seite des gut aussehenden Kommissars Beriardi wird die temperamentvolle 40-jährige Lehrerin zur Detektivin.

"Margherita Oggero erweckt Turin zum Leben, wie es Fruttero & Lucentini nicht besser gekonnt hätten."
La Repubblica

"Margherita Oggero zieht den Leser in den Bann. Ihre Sprache ist zugleich beherrscht und lebendig, höchst überraschend erfrischend. Der italienische Krimi hat eine neue Vertreterin!"
RAI

Über den Autor

Margherita Oggero ist in Turin geboren und lebt dort. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin hat sie das Schreiben von Romanen für sich entdeckt.

Auszug aus Der Tod kommt nur einmal von Margherita Oggero, Monika Cagliesi. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

An einem x-beliebigen Tag

Sie hatte ihn sofort gewittert, den Geruch nach Leid.
Seitdem nahm sie ihn jedes Mal wahr, wenn sie dem Jungen im Hausflur begegnete, vor der Aufzugtür oder im Treppenhaus. Das Leid, die Angst, die sexuelle Erregung, der Zorn haben eindeutige Gerüche: Hunde können sie mühelos auseinander halten. Genau wie sie, die zwar kein Hund war, ihren wegen ihrer Kurzsichtigkeit verschwommenen Blick und den gänzlich fehlenden Orientierungssinn aber mit einem ausgeprägten Geruchssinn kompensierte. Einem vollkommenen Geruchssinn.
Ich bin ein Relikt, dachte sie unbekümmert, ein lebendes Fossil, ein Seitentrieb, den die natürliche Selektion durch einen plötzlichen Sekundenschlaf zu stutzen versäumt hat. Kurzum, ein Irrtum. Wenn der Irrtum wenigstens zu etwas gut wäre, um Trüffel aufzuspüren etwa, oder Parfüms zu erfinden, aber nein, ich habe andere Wege eingeschlagen, und er nützt mir nichts. Fast nichts. Besser also das Geheimnis für sich behalten und Normalität vortäuschen.
Levrone, mit Nachnamen heißt der Junge Levrone, rief sie sich in Erinnerung, und mit Vornamen Cristian oder vielleicht Christian. Das H adelt und verspricht gesellschaftliche Aufwertung, ebenso wie das J, das Y oder das K – damit stammt man von den Paläologen ab, oder von Karl dem Großen. Sogar Madame Buonpeso, die Schulleiterin, könnte eines Tages dank eines Ypsilons einen illustren Ahnen aufspüren, einen Urururgroßvater des Urgroßvaters ihres Cousins, der an einem Kreuzzug teilgenommen hat, und wäre dieser noch so mickerig und armselig, dass ihn alle Geschichtsbücher unterschlagen. Wenn Madame nur lang genug auf der Computertastatur herumhackt, wird schon irgendetwas dabei herauskommen. Ist sie erst einmal damit beschäftigt, den Stammbaum umzugestalten und sich ein Wappen entwerfen zu lassen, dann werden vielleicht auch die lästigen Nachmittagsversammlungen seltener.
Die von heute trug den Titel Definition von Kriterien zur Homogenisierung der Dozimologie bei der Beurteilung von Kompetenzen in nicht homogenen Bereichen. Das bedeutet – vielleicht –, überlegte sie weiter, dass wir uns darüber einigen sollten, wieso, weshalb und warum wir eine Zwei oder eine Vier in Rechnungswesen oder Italienisch geben. Es gibt auch Leute, die an Ufos glauben, oder dass Esel fliegen können.
Ungefähr siebzehn Jahre alt, hässliches und nach Leid riechendes Pickelgesicht: der ideale Stoff, um daraus insgeheim eine kleine Erzählung oder das Skript zu einem ganz privaten Film zu machen, statt sich wieder dem Spiel der Anagramme hinzugeben, was meine Spezialität ist, um nichts zu hören, nichts zu sehen und um zu überleben.
Als sie ankam, platzte die Aula Magna bereits aus allen Nähten, und es stank fürchterlich. Sie »magna« zu nennen, war eine euphemistische Übertreibung, ganz nach Lehrermanier, eine schlechte Angewohnheit betagter Rechtsverdreher, von der Sorte, die alle fünf Minuten Fasern oder sonstige zwischen den Zähnen hängen gebliebene Reste des humanistischen Gymnasiums ausspucken: absit iniuria verbis, redeamus ad rem, omnia munda mundis. »Stinkend« dagegen passte, das war ein angemessenes Adjektiv. Die Stühle in den hinteren Reihen waren alle besetzt, weil Lehrer sich bei jeder Versammlung benehmen wie Schüler an ihrem ersten Schultag: sich die hinteren und am weitesten entfernten Plätze sichern, in der Hoffung, unsichtbar zu werden und sich so gut wie möglich drücken zu können. Abgesehen von den Speichelleckern, Strebern und Narzissten natürlich, die immer in der ersten Reihe sitzen.
Sie erspähte ein paar freie Plätze in den mittleren Reihen und entschied sich für einen zwischen der Bertola und Campigli – weil Erstere eine schweigsame Zeitgenossin war und Letzterer einen entrückten Gesichtsausdruck hatte, wie jemand, der von Joints in Amsterdam und Goa träumt –, auch wenn beide dem Lehrplan hinterherhinkten. Sie setzte sich, grüßte mit einem Nicken, rutschte auf dem Stuhl etwas tiefer, um nicht von der Autorität anvisiert werden zu können: Schweigen zu ihrer Linken, Mentaler-Trip-Blick zu ihrer Rechten, so konnte auch sie sich im Geiste auf Reisen begeben.
Siebzehn Jahre, dachte sie, der zarte Körperbau eines Jungen, der nicht bis tief in die Nacht im Fitnessstudio herumhängt, hier und da ein von wütenden Fingernägeln massakrierter Pickel, unförmige Klamotten – nicht die gewollt unförmigen Klamotten irgendwelcher internationalen Designer, sondern wirklich unförmig: Jeans vom Wühltisch, ebenso Hemd und Jacke. Alles in allem jemand, der nicht auf sein Äußeres achtet, weil er sich selbst nicht mag und ungeliebt fühlt, weil das Mädchen aus der 11c oder die Schwester eines Klassenkameraden ihn an der Nase herumgeführt oder gar nicht erst beachtet hat. Einer, der nicht gerade leidenschaftlich gern auf der Welt ist, ihr aber auch nicht den Krieg erklärt hat. Im Gegenteil: Er grüßt zuerst (eine Seltenheit), hält einem die Tür auf, statt sie einem vor der Nase zuzuschlagen, und einmal, als irgendein kleiner Idiot den Aufzug absichtlich blockiert hat, hat er meine beiden dicken Einkaufstaschen in den zweiten Stock hochgeschleppt und ist sogar rot angelaufen, als ich mich vielleicht ein bisschen zu herzlich bei ihm bedankt habe. Seine Augen aber sind schön, nachdenklich und ausdrucksstark, wie bei einem romantischen Helden, dem Prinzen von Homburg etwa oder Jacopo Ortis mit seinem Pflaster auf dem Mund; er sollte sie mehr zur Geltung bringen, anstatt sie unter seinem schuppen geplagten Schopf zu verstecken.(Da war sie wieder, diese pädagogische Neigung, die man ebenso wenig unterdrücken kann wie Mordlust.) Ganz anders als seine Schwester, die zudem noch Karin heißt, mit K nehme ich an, die ich kaum beschnuppert habe, weil sie sich windet wie eine Schlange, und deren Geruch außerdem so komplex ist, dass ich Pottis Rat bräuchte, um ihn zu analysieren. Nur dass Potti sich nicht in einer artikulierten Sprache ausdrücken kann und es, laut Zoologen und Ethologen, auch niemals können wird, weder er noch seine Artgenossen, denn Hunde haben einen zu kleinen Schädel, als dass ihr Gehirn sich noch ausdehnen könnte. Diese Augen aber – die von Karin, nicht die von Potti – funkeln vor Hass, es ist jedoch nicht der übliche vorübergehende Hass einer Pubertätskrise, in der man auf der Suche nach sich selbst ist, sich von anderen abgrenzen will, dies hier ist reiner Hass, rein wie ein Diamant, kalt wie der von Anhängern der Apokalypse. Stimmt schon, im Gegensatz zu ihrem Bruder ist sie ziemlich hübsch, mit ihrem zierlichen und gelenkigen Körper einer Hip-Hop-Tänzerin, dem wohl geformten Kopf, der ebenen Haut und dem schönen Gesicht: Dennoch möchte ich mir kein Zimmer mit ihr teilen müssen, ich habe schon zu viele Horrorfilme im Freilichtkino gesehen.
Arme schossen in die Höhe, und Madame zählte einunddreißig, zweiunddreißig, dreiunddreißig, offensichtlich stimmten sie gerade über irgendetwas ab.
Sie wandte sich an Campigli. »Worüber stimmen wir ab?«
»Woher soll ich das wissen? Ich hab nicht zugehört.«
Sie versuchte es bei der Bertola. »Worum geht’s?«
»Irgendeinen Schwachsinn. Wie immer. Nicht der Mühe wert.«
Sie mühte sich also nicht, ließ den Arm auch beim zweiten Durchgang unten (dem für Nein) und wurde zusammen mit ihren Banknachbarn unter den Stimmenthaltungen ins Protokoll aufgenommen. Die Bertola schien vertrauenswürdig, weil sie einen nicht voll quatschte und nicht gleich bei der ersten Begegnung ins Herz geschlossen werden wollte.
Vor ihrem geistigen Auge lief eine Privatvorstellung ab: Karin mit der Axt aus Shining, den Klingen aus Nightmare, dem Messer aus Scream, dem Eispickel aus Basic Instinct, als Campigli sich zu ihr rüberbeugte.
»Warst du schon mal in Indien?«
»Ja. Warum fragst du?«
»Wegen der Nuss. Die du um den Hals trägst.«
»Ah …«
Tatsächlich trug sie um den Hals an einer dünnen Kette eine getrocknete Nuss des Gottes Rudra, ihren Glücksbringer. Dass der Anhänger wirklich Glück brachte, glaubte sie weniger, aber ihr gefiel die Maserung der Schale, die von den Launen der Erde und der Hitze der Sonne mit verblüffender Kunstfertigkeit verziert worden war.
»Die Bertola muss auch schon mal da gewesen sein. Guck mal, die Tasche.«
Sie wandte sich nach links: Die Tasche war mit Sicherheit made in India, doch sie konnte auch gut vom berühmt-berüchtigten Balon-Markt stammen. Außerdem war sie mit ihren grellen, tropischen Farben, ihren Spiegelchen, Muscheln, Bommeln und Schellen mehr für einen römischen August als für einen Turiner Januar geeignet: Dass die Bertola darauf pfiff, machte sie noch vertrauenswürdiger.
»Frag sie.«
»Was?«
»Ob sie schon mal in Indien war.«
»Campigli will wissen, ob du schon mal in Indien warst.«
»Ja. Warum?«
»Sie sagt Ja und will wissen warum.«
»Warum was?«
»Warum du sie gefragt hast.«
Wie schön, dachte sie, wieder zu Schülern zu werden. Die Hand vor dem Mund, damit die Lehrerin nicht mitbekommt, dass wir reden.
»Ein bisschen mehr Ruhe, bitte!«
Die Lehrerin hatte es mitbekommen. Aber Campiglis Erfindungsreichtum war unerschöpflich: Er holte einen Notizblock aus seinem Rucksack und setzte die Befragung schriftlich fort.
»In welcher Gegend warst du?«
»Süden. Karnataka, Tamil-Nadu und Kerala.«
Block zurück: Auch Campigli musste kurzsichtig sein.
»Schön?«
(Block hin.)
»Sehr.«
(Block her.)
»Und die Bertola?«
(Block hin.)
»Keine Ahnung.«
(Block her.)
»Frag sie.«
(Block hin.)
»Campigli fragt, in welcher Gegend du in Indien warst.«
(Block nach links.)
»Orissa.«
(Block nach rechts.)
Das Hin- und Hergeschiebe machte die Lehrerin nervös, sie schlug drei-, viermal kräftig mit dem Stock auf ihr Pult. »Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, bitte!«
Nicht, dass sie völlig Unrecht gehabt hätte. Sie schenkten ihr zwar keine Aufmerksamkeit, hörten aber auf, mit dem Block herumzuhantieren und zogen (sie und Campigli) ein Gesicht wie Sitzenbleiber. Die Bertola behielt ihren gleichgültigen Ausdruck von vorher.
Eine halbe Stunde später war die Definition von Kriterien etc. zu Ende, die Stühle rutschten über den Boden, alle standen auf, und auch der Gestank nach schweißdurchlässigen Schuhen und allerlei Menschlichem belebte sich neu. Ein Anflug von Gemeinschaftsgefühl überkam sie.
»Warum trinken wir Inder nicht einen Aperitif in der Bar? Ich gebe einen aus.«
Sie nahmen an.
In der Bar taute die Bertola – vielleicht dank des Gläschens Prosecco – auf und wurde neugierig.
»Warum hast du nach Indien gefragt?«, wollte sie von Campigli wissen.
»Ich plane eine Reise.«
»Wann?«
»Diesen Sommer, im August.«
»Furchtbare Jahreszeit. Heiß und Monsunregen. Außer im Kaschmir, aber da bringen sie sich gegenseitig um.«
»Wann warst du da?«
»In den Weihnachtsferien, letztes Jahr.«
»Und du?« (Diesmal war die Frage an sie gerichtet.)
»Im Oktober. Vor ungefähr zwanzig Jahren.«
»Mit einer Reisegruppe?«
»Nein. Mit dem Rucksack und meinem damaligen Freund.«
»Hast du viel ausgegeben?«
»Es ist schon zwanzig Jahre her. Aber eher nicht. Ich habe vorher als Babysitterin gearbeitet, alle möglichen Jobs angenommen und jeden Cent gespart. Im Juli habe ich Abitur gemacht, und im Oktober sind wir dann losgefahren, bevor die Uni anfing.«
»War’s schön?«
»Für mich schon, für ihn weniger.«
»Wieso?«
»Er hat den Dreck, den Staub, die Gerüche, den Kuhmist und die Kühe nicht ertragen. Ich glaube, im Grunde seines Herzens hat er von der Schweiz geträumt. Und du, Bertola, wie bist du nach Orissa gefahren?«
»Ich heiße Gemma. Mit einer Gruppe vom Cesmeo, dem Institut für Asienstudien. Die Reise war nicht gerade geschenkt, aber dafür haben die Teilnehmer nicht rumgenörgelt.«
»Mit wem willst du eigentlich fahren?«, fragte sie Campigli.
»Mit meiner Freundin.«
»Ist sie auch Lehrerin?«
»Nein, nein. Sie arbeitet in einer Diskothek, gehört zum Security-Personal. Sie hat den zweiten schwarzen Gürtel in Judo und ist Kampfsportexpertin. Wenn sie will, wirft sie dich mit dem kleinen Finger zu Boden.«
»Das würde mir auch gefallen, und wie.«
»Mich zu Boden zu werfen?«
»Nein, ich bitte dich. Mich verteidigen zu können, im Notfall allein klarzukommen.«
»Meine Verlobte kann das. Vor einem Monat waren wir an einem ihrer freien Abende an den Muri, und auf dem Rückweg, so gegen drei Uhr nachts, haben uns zwei Albaner überfallen und verlangten unsere Brieftaschen, Armbanduhren, Handys: einfach alles. Allerdings haben sie den Fehler gemacht, das Messer auf mich zu richten, und so hat sie alle beide niedergestreckt, erst den einen, dann den anderen, und das Messer ist drei Meter weit weggeflogen. Ich hab ihnen noch ein paar Tritte in die Weichteile verpasst, aber den Hauptteil der Arbeit hat sie erledigt, innerhalb von Sekunden und ohne ein Wort zu verlieren. Früher oder später werden wir heiraten, vielleicht sogar schon nächstes Jahr. Hast du deinen Freund aus Indien geheiratet?«
»Nein, es lief nicht mehr zwischen uns. Jeder ist seiner Wege gegangen. Ich habe sehr viel später geheiratet. Und du, Gemma?«
»Ich lebe allein. Single. Meine Familie ist aus Bra. Meine Eltern haben dort eine Konditorei. Meinem Bruder haben sie eine Wohnung gekauft, und als ich an die Reihe kam, war mir eine in

Turin lieber. So musste ich nicht mehr jeden Nachmittag und sonntagmorgens Kuchen verkaufen. Aber ich bin ja nicht undankbar höchstens ein bisschen –, an Feiertagen oder wenn irgendwas Besonderes ansteht, helfe ich immer aus.«
»Gefällt dir Turin?«
»Mir hat auch Bra gefallen. Es ist ein außergewöhnlicher Ort, voller Verrückter. Unsere Straßen haben Namen, von denen ihr hier nur träumen könnt: Straße des Goldpokals, Straße der gebildeten Bettler, das ist doch was anderes als Via Roma oder Via Garibaldi oder Via Santo Dingsdabumsda.«
»Bei uns gibt es die Straße der Waisenmädchen und der Töchter der Militärs.«
»Meinst du, die gibt es noch lange?«
»Ich weiß nicht. Politisch korrekt sind sie nicht und sexistisch obendrein, schlimmer geht’s kaum.«
Der Prosecco war zur Neige gegangen, ebenso der Nachmittag. Und das nicht auf die übelste Weise.

Am selben Tag

»Was soll das heißen, ich muss da hin?«
»Ich habe nicht gesagt, dass du musst, ich habe gesagt, dass es besser wäre.«
»Besser für dich mit Sicherheit, aber nicht für mich.«
»Besser für den Ausgang der Angelegenheit. Wenn sie wirklich was Kriminelles mit der Eiche vorhaben, kannst du sie eher davon abhalten als ich. Du hast rhetorisch und dialektisch einfach mehr drauf, schließlich ist das dein Fachgebiet.«
Deins auch, dachte sie. Erst kommst du mit einem Strauß Freesien nach Hause, der selbst Schneewittchens böse Stiefmutter rühren würde, und jetzt noch das Süßholzgeraspel, ich sei gewandter darin, Intrigen und Komplotte abzuwenden. Schmeichelei als unfaire, aber wirksame Waffe. Dabei weißt du ganz genau, dass ich deine Spielchen durchschaue und nur so tue, als ließe ich mich erweichen; und so verliere ich den Überblick, wer gewinnt und wer verliert, ob du es bist, weil du letztlich bekommst, was du willst, oder ich, weil ich dir seufzend zugestehe, was ich sowieso schon für mich entschieden hatte. Wir sind zu spitzfindig geworden, oder vielleicht kennen wir uns zu gut, zwölf Jahre Zusammenleben haben jede Grauzone verschwimmen lassen.
(Der Rest der Familie nahm nicht an der Diskussion teil: Die Tochter kratzte mit dem Löffel auf dem Teller herum und verleibte sich schweigend abwechselnd Suppe und Wortgefecht ein, der Hund stellte ein wohl erzogenes Desinteresse zur Schau, weil Gemüsesuppe ihm nicht zusagte und die Fehde, die im Gange war, nach der üblichen Bürokratie roch.)
So kam nach der Versammlung in der Schule ein weiteres Sahnehäubchen auf die Torte eines ganz gewöhnlichen Tages in einem trostlosen Leben: die Eigentümerversammlung, und somit ein weiterer Schritt in Richtung Schlaganfall, Herzinfarkt und all der anderen möglichen Herz-Kreislauf-Katastrophen. Der wahre Gegenstand des Streites war diesmal – verborgen hinter der Wieder- oder Abwahl des Verwalters, der geplanten Installation von Parabolantennen, der Abänderung der Schließungszeiten für das Hoftor – die Eiche im Hof. Die Eiche war noch nicht umgefallen und machte auch keine derartigen Anstalten, und dennoch konnten fast alle Eigentümer es kaum erwarten, sie fallen zu sehen, und mit ihr die kleinen Nester des Frühlings. Mit immer neuen Auswüchsen ihrer Fantasie hatten sie alle Argumente durchexerziert: Sie wirft zu viel Schatten, bringt Feuchtigkeit, die herunterfallenden Eicheln machen die Autodächer kaputt und so weiter und so fort. Alles Schwachsinn, natürlich, oder zumindest lachhafte Vorwände, denn die beiden wahren Gründe, die Eiche fällen zu lassen, waren andere, und aus Heuchelei sprach niemand sie aus: das Gejammer der Pförtnerin, die sich ärgerte, das Laub aufsammeln zu müssen, und die sich dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr beklagte (dreihundertsechsundsechzig in den Schaltjahren: ein steter Tropfen, der selbst den Mount Everest auf Dauer dem Erdboden gleichmachen würde), und das zusätzliche kleine Manöver, das man beim Einparken machen musste, bis man in einem der durch weiße Linien abgegrenzten Rechtecke stand. Ein kleines Manöver heute, eines morgen, dachte sie, womöglich hat man dann nach Ablauf eines Jahres zwei oder drei Stunden Lebenszeit vertan, zwei oder drei Stunden, die man gemütlich im Sessel hätte verbringen können, um sich im Fernsehen eine Schlägerei im Fußballstadion oder ein Millionenquiz anzusehen.
Wenn die Dinge so stehen, sinnierte sie weiter, und leider stehen sie so, nützt es nichts, die Lehrerin rauszukehren und erhabene Geistesgrößen ins Spiel zu bringen (Tasso und Pascoli, beispielsweise), vergebliche Liebesmüh. Genauso unnütz, wie die Eigentümer aufzufordern, sich diesen wundervollen Baum, der über zweihundert Jahre alt war und das fünfte Stockwerk überragte, nur ein Mal wirklich anzusehen, diesen Baum, der schon Wurzeln und Stamm hatte, als Napoleon nach dem Sieg über die Savoyer die Stadt einnahm, diesen Baum, der die Ausdehnungen der Städte im neunzehnten Jahrhundert und den Mangel an Brennholz in den Kriegswintern des zwanzigsten Jahrhunderts überlebt hatte, ebenso wie den Smog und den sauren Regen.

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