Unverkennbar Hollywood, also jetzt nicht der Herstellungsort, sondern auch der Schauplatz des Filmes. Das Auto von Philip Marlowe (Elliot Gould) und der running gag, dass ein Parkwächter Filmstars der 40er und 50er nachmacht, deuten für einen Moment auf ein period picture hin, einen Film aus dem Jahre 1973, der vielleicht in den Vierzigern spielt, in denen Raymond Chandler seine Marlowe-Romane ja auch geschrieben hat. Doch Marlowes wuselige Lockenfrisur, seine breiten Kragen, die anderen Autos und mehr oder minder zweckfreie halbnackte dauerzugedröhnte esoterische Nachbarinnen Marlowes weisen diesen Film als Produkt der Siebziger und in den Siebzigern spielend aus. Wird es etwa um einen Mann gehen, der in der Vergangenheit lebt, um einen Schwanengesang auf verlorene Welten des film noir, will uns Regisseur Altman zeigen, dass die Welt der Siebziger nach anderen Gesetzen funktioniert, unter denen der private eye der schmuddeligen alten Zeit hoffnungslos verloren ist?
Leider nein! Aber dennoch ist der Marlowe, der uns hier präsentiert wird, hoffnungslos verloren. Dass er ein loser ist, wird schon in der Anfangssequenz klar, da wacht er mitten in der Nacht auf, hatte in seinen Klamotten geschlafen, raucht Kette und scheitert gnadenlos an der Aufgabe, seiner Katze was zu Fressen zuzubereiten bzw. einzukaufen, was das Biest akzeptiert. Dann bittet ihn sein zwielichtiger Freund Terry Lennox, über die Grenze nach Mexiko gefahren zu werden, was Marlowe tut, Terry hat einen Geldkoffer dabei. Dann heißt es, Terrys Frau sei ermordet worden, mutmaßlich von Terry, Marlowe habe ihm irgendwie geholfen. Schließlich erfahren wir, dass Terry selbst tot ist, angeblich Selbstmord, aber Marlowe glaubt das nicht. Bis dahin, immerhin nach 25 Minuten: Eine unglaubliche Passivität, was sich durch den ganzen Film ziehen wird. Die Ereignisse werden Marlowe und uns immer nur mitgeteilt. Bisschen langatmig, das Ganze. Dabei gibt es jede Menge schöner Bilder, einen passenden Smooth-jazz-Titelsong in allerlei Variationen, die ganze Film-noir-Ikonographie satt, knallige Primärfarben, rote Monochromie in einer schummrigen Bar, krasse arm-reich-Gegensätze, einen sehr einsamen Marlowe und viele sehr dunkle Nächte. Aber es passiert wenig. Dies allein spricht noch nicht gegen einen Film. Die Frage ist nur, ob sich dieser hier mit dem Aushängeschild "Chandler-Verfilmung" schmücken musste. Es kommt dann noch zu der scheinbar unzusammenhängenden Detektivhandlung, bei der sich aber irgendwie doch alles mit allem zusammenfügt, insoweit echt Chandler, aber der Marlowe, der durch die ganzen Ereignisse stakst, den haben wie noch nie so passiv gesehen wie hier. Und da denke ich, der Altman hat seine Vorlage doch ein bißchen zu sehr gegen den Strich gebürstet. Sein Marlowe ist, das sagte ich schon und das stellt der Film durchaus gut dar, sowas von einem loser, völlig kaputt, aber dabei überhaupt nicht tough, passiv statt aktiv, reagierend statt agierend, schlicht statt zynisch. Will der Altman einen solchen Menschen porträtieren, kann er dann nicht besser ne eigene Geschichte schreiben (lassen) statt Chandlers Vorlage zu missbrauchen? Also das kostet offen gesagt schon einen Stern.
Einen weiteren kostet, dass aus diesem Loserporträt irgendwie nix wird - diese meine Wertung mag ein bißchen subjektiv sein, aber ich versuche einmal, sie so zu erklären, dass sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann. Es hat nämlich mit einem Paradox zu tun. Stil und Inhalt sind kongenial aufeinander abgestimmt, und das ist ja eigentlich gut. Ich mutmaße, der Film sieht genauso aus, wie er aussehen sollte, wie der Altman ihn haben wollte, und man merkt, der macht nichts beiläufig, auch das scheinbar Beiläufige am Rande nicht. Altman kann das, was er sagen will, in optisch und erzählerisch genialen Ideen zum Ausdruck bringen. Die Frage ist nur, ob das fertige Endprodukt etwas ist, was wirklich wert ist, gezeigt und erzählt zu werden:
Altmans stilistisches Können ist gleichzeitig (hier, nicht immer) sein größtes Problem. Ein paar Ideen, um dieses Losermäßige Marlowes zu zeigen, sind wirklich gut, ein bißchen lustig auch, so zB. die Tatsache, dass er immer wieder Schwierigkeiten mit Tieren, vor allem seiner Katze und diversen Hunden hat - der Typ schafft es nicht einmal, mit seiner Autohupe einen Hund zu verscheuchen, der sich auf der Straße breit macht. Doch wenn es dann um diese erschreckende Passivität Marlowes geht, dann gibt sich der Film alle nur erdenkliche Mühe, selbst passiv und beiläufig zu werden. Marlowe stakst durch den Film und muss sich andauernd die Augen reiben, was um ihn herum so passiert. Marlowe steht die ganze Zeit neben dem Geschehen, ein bißchen auch neben sich. Und die Kamera tut es ihm gleich. Nun ist Viloms Zsigmond ein wirklich guter und großer Kameramann, der schon visuell beeindruckende Filme von Brian De Palma veredelt hat, und zwar diejenigen, die einige für De Palmas allerbeste halten. Sein Markenzeichen ist eine ruhige, aber fast nie statische Kamera, fließende Eleganz, auch einmal bei einem Dialog ein langsames Hin- und Herschwenken anstatt der üblichen Schuss-Gegenschuss-Technik. Bei De Palmas "Schwarzer Engel" verdeutlicht dies zB. Distanz zwischen zwei vorgeblichen Freunden und Geschäftspartnern, und bei "Der Tod kennt keine Wiederkehr"? Hier baut er die Distanz in einer anderen Beziehung auf, in der sie meines Erachtens nicht sein sollte: Es gibt Distanz zwischen dem Film und dem Zuschauer, vor allem zwischen Marlowe und dem Zuschauer. Es gelingen Zsigmond auch hier einige Bilder von sagenhafter Schönheit, Kunstfertigkeit und Eleganz, aber zu welchem Behufe? Die Kamera scheint sich für Marlowe und das Geschehen genauso wenig zu interessieren wie Marlowe irgendwas schnallt, sie ist wirklich fast nie still, es wirkt zwar nie hektisch, aber sie schwenkt schon ganz gerne einmal weg, blendet auf etwas anderes über, verliert den Polt und die Protagonisten aus dem Blick, verweilt lieber bei zwei kopulierenden Hunden, als Marlowe zu folgen, zeigt uns in einer (wirklich gelungenen) Überblendung den tragischen Selbstmord eines Schriftstellers (der große und im fortgesetzten Alter auch etwas füllige Sterling Hayden als gelungener Hemingwayverschnitt), um gleichzeitig zu zeigen, dass Marlowe mal wieder neben der Spur ist und nichts mitbekommt. Das alles, jajajaja, das ist gekonnt, aber diese Kamera, diese ganze Erzähltechnik, die streift die Dinge nur, sie verharrt nicht auf ihnen, taucht nicht in sie ein, rüttelt sie auch nicht stürmisch durch, sondern fliegt langsam an ihnen vorbei wie ein zarter Windhauch, und sie scheint bei dem Gezeigten nichts zu finden, an dem sich festzuhaken und einzubrennen einmal lohnen würde. Marlowe ist passiv und streift das ganze Geschehen nur beiläufig, ohne irgendwas von ihm mitzukriegen, okay, darf ein Film erzählen, aber hier gilt: Der Film, insbesondere die Kamera IST dieser Marlowe, und das finde ich tödlich: WIR ZUSCHAUER sind Marlowe, wir sind es, die das ganze Geschehen nur beiläufig streifen, ohne in es einzutauchen. Wir werden beim Betrachten des Filmes genauso teilnahmslos wie der Marlowe, den Altman uns zeigt. Jammerschade!
Wen das nicht stört, okay, mich hat es schon gestört. Man kann natürlich lustvoll Filmanalyse betreiben, es gibt noch viele andere Punkte, die diesen Marlowe zu einem "man who wasn't there" machen. Eine der wenigen Gewaltszenen beispielsweise besteht darin, dass ein Gangster Marlowe einschüchtern will, aber stattdessen seiner Freundin brutal das Gesicht mit einer abgebrochenen Colaflasche aufschlitzt. Es passt irgendwie alles schon zusammen, aber fraglich ist dabei immer, ob man das sehen will. Es lässt sich analysieren, aber (für mich wenigstens) nicht empfinden, von lieben ganz zu schweigen.
Schließlich und endlich hat mich auch die Geschichte nicht so wahnsinnig begeistert, wenngleich hiervon das wirklich originelle Ende ausgenommen sei. Ich verrate nur, dass sich am Ende das ganze "wer will was von wem warum" auf die existenziellen Themen Freundschaft und Verrat reduziert hat, dass Marlowe erstmals agieren statt reagieren muss und es auch tut. Die Frage ist, ob es für dieses zugegebenermaßen immer wieder interessante Grundproblem den ganzen Rest des Filmes gebraucht hätte. Wenn der Altman einfach nur eine alte Geschichte neu und originell erzählen will, warum mixt er dann Dinge zusammen, aus denen er nichts macht? Das halte ich bei einem Film, der im weitesten Sinne als "Neo-Noir" bezeichnet werden kann, schon für sehr wichtig. Ja, ich mag die alten Filme der 40er auch, aber wenn einer das Jahrzehnte später nochmal macht, so sollte er dem etwas hinzufügen. Man kann etwa ein gezieltes period picture machen, also es in der Vergangenheit spielen lassen, aber die Noir-Welt so zeigen, wie es in den Vierzigern unmöglich zu zeigen gewesen wäre (Chinatown, L.A. Confidential, Black Dahlia, The Good German - ich weiß, ich werfe viel in einen Topf). Man kann die Kunstwelt des Kinos der 40er noch einmal aufleben lassen, ein bißchen bunter, ein bißchen brutaler, sehr selbstreferenziell, sehr künstlich, so wie dies 1975 in "Fahr zur Hölle, Liebling" gelungen ist, Farben wie von Edward Hopper und mit Mitchum einer der alten Garde als Marlowe, wunderbar.
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