Wie muss ein Mensch ticken, um ein Konzentrationslager zu führen, um seine Tage damit zu verbringen, die Tötungsmaschinerie immer weiter zu optimieren? Wie wird aus einem niedlichen Baby ein Massenmörder?
Robert Merle hat in einer hervorragend gelungenen Mischung aus fiktiven und historischen Elementen die Geschichte des Lagerkommandanten Rudolf Höß, im Buch Rudolf Lang genannt, nachgezeichnet.
Gleich die erste Szene ist beklemmend und macht die Angst, die Rudolf vor seinem offensichtlich psychisch kranken Vater hat, fast greifbar. Der Vater ist einmal fremdgegangen, deshalb vor Schuldgefühlen völlig durchgedreht und terrorisiert seine Familie auf unfassbare Weise.
Mit dem Jungen Rudolf kann man noch Mitleid haben, er hat ja noch keine Verbrechen begangen. Und dass er es später tut, hängt sicherlich auch damit zusammen, wie er von seinem Vater behandelt, ja, geradezu gefoltert wurde.
Von klein auf an ist Rudolf fasziniert vom Militär, was sicherlich nicht nur mit der Familientradition zusammenhängt, sondern auch mit dem extremen Gehorsam und dem zwanghaften Ordnungssinn, von den Eigenschaften, die ihm von seinem Vater abverlangt wurden, und die ihm ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.
Sein Vater allerdings hat andere Pläne. Sein Sohn soll Priester werden, um die Sünden des Vaters zu sühnen. Als der Vater stirbt, ist das auf den ersten Blick eine Befreiung für Rudolf, der nun von zu Hause wegläuft und sich trotz seines zu geringen Alters freiwillig zum Militär meldet, um in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.
Das Militär ist allerdings nicht gerade der richtige Ort, um die Folgen der Erziehungsmethoden des Vaters zu überwinden, im Gegenteil, sie werden noch verstärkt.
So entsteht eine Persönlichkeitsstruktur, die leider nur allzu oft fatale Konsequenzen zeitigt. Denn eine solch angstvolle, duckmäuserische, gehorsame Person ist in Behörden und beim Militär nur allzu gut aufgehoben. Gehorchen, sich einordnen, nicht hinterfragen, das sind die Eigenschaften, mit denen man in hochhierarchischen Strukturen Karriere machen kann. Übrigens nicht nur im Nationalsozialismus.
Dass Rudolf Lang, i.e. Höß, in der Hierarchie der Nationalsozialisten schnell aufsteigt, ist daher nicht verwunderlich. Auch die Aufgabe, das Konzentrationslager Auschwitz zu leiten und die Tötungsfabrik zu perfektionieren, erfüllt er vorbildlich. Er steigert die Tötungsrate durch den Einsatz von Zyklon B und baut riesige Öfen, um die vielen Toten effektiv beseitigen zu können.
Dabei hat er nicht das geringste Unrechtsbewusstsein, fehlen ihm doch jegliche Empathie, jegliche Fähigkeit zu menschlicher Wärme und Zuneigung. Seine Kälte und Distanz lassen einen frösteln. Lediglich für seine Pferde entwickelt er Gefühle, mehr jedenfalls als für seine Frau.
Höß fühlte sich bis zuletzt nicht schuldig, er hatte doch nur seine Pflicht getan und die Befehle seiner Vorgesetzten ausgeführt. Er machte eben nur so gründlich wie möglich seine Arbeit. Wie so viele seiner Zeitgenossen.
Dieses Buch beschreibt auf sehr eindringliche und lange nachwirkende Weise die Banalität des Bösen. Unbedingt lesen!