Auf Wurmhöhe
Arnold Stadlers Roman «Der Tod und ich, wir zwei»
Von Bruno Steiger
«Wie ich nach Rom gekommen bin, so ging ich: trostlos, im Grunde unbelehrt, ins Ungewisse. Und ausserdem: nun dick, nun grauhaarig, ein Trinker.» In diesem Bild sah sich der Erzähler gegen Ende des Romans «Mein Hund, meine Sau, mein Leben», mit dem sich der 1954 in Messkirch geborene, heute in Freiburg lebende Arnold Stadler vor zwei Jahren als einer der originellsten zeitgenössischen Autoren endgültig etablierte. Im neuen Buch, seinem vierten Roman (Stadler ist auch mit Gedichten hervorgetreten), ist der Protagonist möglicherweise im Ungewissen, sicher aber unten angelangt; «so weit unten, dass es mein Ziel war, ebenerdig zu leben, im Souterrain».
«Auf Ameisen-, auf Wurmhöhe, praktisch schon auf Höhe der Toten» haust er; schreibt er. Schön geworden ist er, «du bist so schön wie Freddy Quinn», sagt sein Onkel zu ihm. Und, als wäre Schön- und Untensein nicht genug, ist er jetzt klein, ein Bodennaher, der die Welt definiert als das, was ihn nie wahrgenommen hat.
Als «Zwerg» bezeichnet er sich stolz. Der Stolz trotz «Urangst vor Zwergen, vor dem Zwerg » scheint begründet: «Wir stammten alle von der spanischen Zwergenlinie ab, wie sie Velazquez gemalt hat.» Die phantastische Genealogie ragt weit, schräg in die Gegenwart:
«Ich (1,59) war also etwas kleiner als Heidegger, unwesentliche zwei Zentimeter, aber gute zehn grösser als Schliemann, sieben mehr als Onassis, vier grösser als Picasso, und gerade lumpige zwei Zentimeter kleiner als Humphrey Bogart. Ich schöpfte Hoffnung, meine Liste gab mir Boden unter den Füssen, auch den Frauen gegenüber, von denen ich die grössten Kleinen ebenfalls eintrug: Königin Elizabeth II. von Grossbritannien (1,40), Soraja (1,43), die Frau von Ionesco (1,32), deren Vornamen ich im Augenblick nicht weiss, Rita Pavone (1,35), Rita Süssmuth (1,44), eine deutsche Politikerin.»
Aus dieser doppelten, gelebten wie bewohnten Untrigkeit heraus startet er seine Bekanntschaftsanzeigen; oder träumt sich zu Heideggers Enkelin hoch, die er heiraten will, «um ihm einen Urenkel zu schenken». Den wenig noblen Hintergedanken dabei verhehlt er nicht.
Von Verwandten handelten alle bisherigen Bücher Stadlers; Urgrossonkel und Grossmütter, Tanten und Nichten und Cousins und Angeheiratete bilden den engen, vom Badischen bis ins ferne Patagonien verfransten Kreis seines Personals. Auffallend selten, fast nie werden Allernächste, nämlich Vater und Mutter genannt; und auch der durch alle Romane geisternde Heidegger spielt seine wichtige, stets leise und seltsam unfroh belächelte Rolle immer nur am Rand.
Ein Onkel ist es diesmal, dem das Gedenken des Erzählers gilt. Geschildert werden Henry von Nullmeyers letzte Lebensjahre vom siebzigsten Geburtstag bis zu seinem Ableben mit neunzig und die Zeit danach, in welcher der Erzähler, gegen Ende nicht nur zum Vormund des alten Mannes, sondern schliesslich auch zusammen mit Cousine Irma zum «Universalerben» geworden, die Briefsammlung des Verblichenen verscherbelt und an seinem «Onkelbuch» schreibt.
Aber nicht um das Leben des Verwandten, nicht um Schicksale geht es in erster Linie. Des Erzählers Interesse gilt dem Verwandtsein als solchem, dem Sich-verwandt-Fühlen als Bedingung von Einsicht, von Erinnerung und Begreifen generell. Nicht über Bekanntwerden erschliesst sich Welt, sondern über Verwandtschaft und das ist nicht allein die fatale, immer liebevoll-spöttisch apostrophierte «Geistesverwandtschaft», in der etwa ein Kafka zu «meinem lungenkranken Grossvater» sich ernannt sieht, sondern die buchstäbliche leibliche das heisst in Stadlers Werk ebenso diffus wie hohnvoll-verquält immer wieder auch: homosexuell getönte Verwandtschaft.
«Erinnerung: zweite Gegenwart» heisst ein Kapitel. Wie Erinnerung durch Erfindung in Gegenwart (Kunst) verwandelt wird, ist das Projekt Arnold Stadlers. Wo seine früheren Bücher in einer ebenso komplexen wie äusserst kunstvoll herabgekühlten Inszenierung dieses «Zweite» das, nach Valéry, das «Austauschbare» ist heraus- bzw. herstellten, scheint hier das Programm nur bedingt eingelöst. Der Kolportageverdacht ist etwa im Buchmittelteil, wo ganz offensichtlich Erinnerungsmüll aus seiner, des Autors eigener Vergangenheit ungefiltert aneinandergeschoben wird, nur knapp abzuwehren.
Um so interessanter deshalb der auch dieses Buch flankierende para-erzählerische Apparat, in den Stadler seine Geschichten einzubetten pflegt. In diesen mehrfach verdrehten, schief geschichteten Staffeln von erbarmungslos augenzwinkernden Vor- und Nachbemerkungen hievt sich seine Prosa aus dem Betroffenheitsrahmen heraus und immer weit diesseits jeder biederen Unterhaltungsrealistik hinüber in das, was ganz wörtlich Literatur der Gegenwart genannt werden darf.
In der letzten, tollsten Zugabe wird nachgetragen, auf welche Weise dieser «Neffe» gerade mit diesem «Onkel» verwandt geworden ist: über eine Annonce natürlich, auf die sich nicht nur «viele Menschen, gerade auch Frauen» meldeten, sondern eben auch Herr von Nullmeyer. Als Erkennungsbelege beim Rendez-vous dienten Photos: «Das Heideggerfoto hat den Ausschlag gegeben, dass ich auf Henry hereingefallen bin.»
Dass er seine eigenen Erkennungsmerkmale «Witz und melancholische Selbstironie» (Verlagswerbung) streckenweise nicht als Medium, sondern als Mittel (um nicht Zweck zu sagen) zum Einsatz bringt, mag der Grund sein, dass der Leser diesmal etwas zögerlicher als sonst auf Stadler hereinfällt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.