Tolstoi, der große russische Erzähler des 19. Jahrhunderts, ist der Nachwelt vor allem durch seine epischen Romane („Krieg und Frieden", „Anna Karenina") bekannt. Doch um die ganze schriftstellerische Meisterschaft dieses Autors zu erfahren, muss man nicht auf lange Romane ausweichen. Denn dafür reicht schon diese Erzählung aus dem Spätwerk Tolstois, „Der Tod des Iwan Iljitsch", von 1886.
Der Anwalt Iwan Iljitsch verlebt sein Leben in Reichtum und gesellschaftlichen Konventionen und beginnt, erkrankt und dem Tode nahe, am Ende seines Lebens über selbiges und sein Ende, den Tod, zu reflektieren. Unangenehm lang und intensiv schildert Tolstoi in seiner sprachgewaltigen Weise den Leidensprozess seiner Hauptfigur. Gesellschaftskritik und privates Scheitern verbinden sich zum Porträt eines gescheiterten Lebens, aber auch einem doppelmoralischen Wertesystem. Iwan Iljitsch erkennt zu spät, dass er sein Leben nicht gelebt, sondern verlebt hat und gerade wegen dieser Erkenntnis kommt er schlussendlich noch zu einer Einsicht. Es ist eine Erzählung über den Tod, aber vor allem auch über das Leben.
Eine Sterbegeschichte, anklagend und appellierend, zynisch und intensiv. „Der Tod des Iwan Iljitsch" stellt Fragen, die heute so aktuell sind wie damals und lässt einen nachdenklichen Leser zurück, der - konfrontiert mit dem Schicksal der Hauptfigur - beginnt, über sich selbst und sein eigenes Leben schonungslos zu reflektieren.