Eines vorweg: Wer nach der Lektüre von „Mord auf der Leviathan" gehofft hatte, dass im folgenden Band Fandorins Zeit und Dienst beim russischen Botschafter in Japan gestaltet und erzählt wird, der wird enttäuscht sein. Denn „Der Tod des Achilles" beginnt mit der Rückkehr Fandorins in seine Heimat im Jahre 1882 - Akunin lässt also eine Lücke von vier Jahren. (Der Klappentext, der von sechs Jahren spricht, ist diesbezüglich nicht präzise.)
Doch letztlich ist dies eine kluge Wahl des Autors, kann er uns doch auf diese Weise einen Fandorin mit neuen, ausgereiften Fähigkeiten und Fertigkeiten präsentieren: perfekt eingeübt in japanische Konzentrations- und Kampftechniken, ist er - zusammen mit seinem japanischen Diener Masa - nunmehr vollends unschlagbar.
Derart vervollkommnet, tritt Fandorin selbst - im Unterschied zu Band 2 und 3 - auch wieder entschieden in den Vordergrund der Handlung; er nimmt das Heft in die Hand und bestimmt das Geschehen.
Worum geht es? Der uns aus dem „Türkischen Gambit" bestens bekannte „Weiße General", Michail Sobolew (mit Beinamen „Achilles") kommt unter nicht ganz zweifelsfreien Umständen ums Leben; und natürlich wittert Fandorin sofort das Ungeheuerliche: der kerngesunde General kann im besten Mannesalter unmöglich eines natürlichen Todes gestorben sein.
Wie auch im ersten Fall, haben Fandorins Vorgesetzte (die diesmal natürlich wesentlich hochrangiger sind) nichts dagegen, dass er auf eigene Faust ermittelt - der Status eines „Sonderermittlers" passt eben am besten zu Fandorin. Im Verlauf der Geschichte tauchen viele alte Bekannte wieder auf; so Fandorins alter Chef, Xaveri Gruschin, und vor allem der geheimnisvolle „Weißäugige", der sich als ebenbürtiger Gegner herausstellen wird...
Das Ganze ist unglaublich spannend erzählt, Akunin knüpft ein wunderbares Netz von Intrigen und Täuschungsmanövern - und löst dieses ebenso kunstvoll wieder auf. Besonderer Kniff hierbei: Am Ende des (sehr umfangreichen) ersten Teils, also auf dem Höhepunkt der Spannung und kurz vor dem zu erwartenden showdown („Dann hob er die Hand und klopfte leise an. Zweimal, dreimal und noch zweimal"), bricht Akunin den Erzählstrang abrupt ab und erzählt im zweiten Teil die gesamte Geschichte aus Sicht des gedungenen Täters, einschließlich dessen eigener Vorgeschichte.
Dadurch nimmt Akunin natürlich zunächst etwas Fahrt heraus; es gelingt ihm aber, auf diese Weise den Gegner immer mächtiger erscheinen zu lassen; der unweigerlich folgenden finalen Auseinandersetzung mit Fandorin sieht der Leser folglich mit immer mehr und mehr Spannung entgegen. Am Ende des zweiten Teils, der - liebevolles Detail - in anderer Schrift gesetzt ist, werden die Fäden wieder zusammengeführt: „Jetzt hob er die Hand und klopfte leise. Erst zweimal, dann dreimal, dann zweimal."
Und noch etwas ist auf diese Weise gut gelungen: Der Leser kennt damit die Hintergründe aus Tätersicht, kann sich Zusammenhänge ableiten, kann selbst nach Herzenslust kombinieren und sich die Lösung des Falles in allen Einzelheiten zusammenreimen.
Das macht einen Heidenspaß, und umgekehrt wird damit natürlich auch die „Auflösung" des Falles durch Fandorin selbst eher zweitrangig. Der Täter muss ihm gegenüber mit nur ganz wenigen Worten die Lösung skizzieren; Fandorin, der - genial wie er ist - vieles wohl schon geahnt hatte, ist damit bereits umfassend im Bilde. Entscheidend und neu bei Akunin ist die Problematik, die mit diesem Wissen verbunden ist: Fandorin, so scheint es, ist aus Gründen der Staatsräson nunmehr ein toter Mann!
Aber Akunin wäre nicht Akunin, wenn er nicht noch auf den allerletzten Seiten eine weitere überraschende Wendung aus dem Hut zaubern könnte; und so ist das Ende offen und lässt den Leser mit dem dringenden Wunsch zurück, hoffentlich schon bald die Fortsetzung lesen zu dürfen.
Der für mich zweifellos bislang beste Fandorin, und in gewisser Weise auch der „erste": Die ersten drei Bände waren Vorspiel, ab jetzt geht es zur Sache!