Der inzwischen siebzigjährige Schriftsteller Hartmut Lange ist eine der großen Einzelgänger in der Literaturszene der Gegenwart. Wo beginnt und wo endet die Realität ? Wie sind ihre Ränder auszumachen und wo ist der Übergang zum Tod ? Das sind nur einige der Fragen, die diesen Mann immer wieder beschäftigen. Dabei kommt er der unterdrückten Angst vor dem Leben so nahe wie sonst kaum ein zeitgenössischer Dichter. Es wundert daher nicht, dass der in den frühen sechziger Jahren aus der DDR in den Westen übergesiedelte Autor dort immer ein beachteter Einzelgänger geblieben ist.
Die vorliegende Sammlung dreier neuer Novellen von ihm gibt auf beeindruckenden Weise Zeugnis davon. In der ersten mit dem Titel "Der Hundekehlesee" lässt er ziemlich am Anfang den Protagonisten der Erzählung, den Philosophen Wernigerode folgenden Satz sagen:
"Wir können nicht alles, was wahr ist, wirklich sehen, und nicht alles, was wir gesehen haben, können wir der Wahrheit zurechnen."
Erzählt wird eine spannende Geschichte, in der die Frage ist, ob der Philosoph Wernigerode seine Geliebte Alima nun unwissentlich in den Tod im Wasser getrieben hat, oder ob es eher der rachsüchtige jüngere Bruder war. Oder lebt die tunesische Schöne gar mittlerweile gegen ihren Willen versteckt im Schloss ihrer Familie ?
Wie auch in den beiden anderen, nicht weniger spannenden Novellen "Der Therapeut" und "Die Kränkung" lässt es Hartmut Lange bei ungefähren Indizien und beunruhigenden Vermutungen bleiben, getreu nach der Auffassung seines Philosophen Wernigerode, den er in einer Vorlesungen vor Studenten sagen lässt:
"Der moderne Mensch hat kaum noch etwas, woran er sich halten kann, und nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen seiner Existenz wirklich berührt."
Die drei neuen Novellen von Hartmut Lange sind ein lesenswerter literarischer Ausdruck dieser Lebenseinstellung und Philosophie. Langes Trost und nach seiner Auffassung auch wohl der einzige des Lesers ist die Tatsache, dass sich die Kunst, eben auch die Literatur, einen eigenen Wahrheitsgrund schafft. Ob das aber wirklich zu Bewältigung eines durch und durch kontingenten Lebens reicht ? Oder braucht es nicht doch mehr zur sinnvollen Gestaltung und Ausfüllung eines Menschenlebens ?