Rahel Varnhagen (geb. Levin) war ebenso geistreich wie gesellig. Zahlreiche Persönlichkeiten des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts verkehrten in ihrem Berliner Salon oder standen in Briefwechsel mit ihr. Dennoch machte sie die Erfahrung, dass ihr als Frau und geborener Jüdin manche gesellschaftliche Sphären verschlossen blieben.
Die Biografin Carola Stern ergreift hier natürlich Partei für ihre Protagonistin und kritisiert die Enge der damaligen deutschen Verhältnisse, verhehlt andererseits aber nicht, dass Rahel als gebildete Angehörige des Bürgertums, als Tochter wohlhabender Kaufleute und spätere Gattin eines zwar frühzeitig abberufenen aber dennoch gut versorgten Diplomaten mit Adelstitel eher zu den Privilegierten gehörte.
Die familiäre Situation der Levins, die historischen Zeitumstände und zahlreiche Besucher ihres Salons werden kenntnisreich und detailfreudig geschildert. Dennoch fand ich diese Biografie nicht wirklich spannend und die Hauptperson (für manche eine Kultfigur) bleibt ein wenig farblos - wie wohl auch ihre äußere Erscheinung nicht sehr gewinnend war. Was das Buch nicht wirklich vermitteln kann, ist der Zauber, der von Rahel bei der persönlichen Begegnung, im angeregten Gespräch, ausgegangen sein muss, wie es zum Beispiel von Franz Grillparzer bezeugt wird:
"Nun fing aber die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen einer Hexe ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. Sie sprach bis gegen Mitternacht, und ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben, oder ging ich von selbst fort. Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört."
Das vorliegende Buch kann von diesem Zauber eine Ahnung vermitteln, bringt aber letztlich nur Graustufen, wo das Original farbig gewesen wäre...