(Vorsicht, Spoiler!)
Die vollmundigen Worte, mit denen der allwissende Erzähler in John Fords Western "She Wore a Yellow Ribbon" (1949) - im Deutschen trägt er den ziemlich idiotischen Titel "Der Teufelshauptmann" - die US-Kavallerie, genauer die vom Regisseur so geliebte 7. Kavallerie, am Ende des Filmes die Taten der Soldaten glorifiziert, mögen dem modernen Zeitgenossen übel aufstoßen, kennt er aus der jüngsten Vergangenheit doch ebenfalls genug über das Wirken des Militärs der Vereinigten Staaten. Bereits die schmissige, einen Anschein falscher Ausgelassenheit verbreitende Militärmusik, mit der der Film eingeleitet wird, dürfte Ford bei Zuschauern, die mit seinem Werk weniger vertraut sind, unter einseitigen Ideologieverdacht stellen. Dennoch - und das mag den stets entrüstungsbereiten Gutmenschen enttäuschen - ist Fords Film nicht ganz so propagandistisch, wie man vielleicht denken mag.
"She Wore a Yellow Ribbon" erzählt die Geschichte des Hauptmanns Nathan Brittles (John Wayne), der kurz vor seiner Pensionierung steht und im Angesichte eines drohenden "Indianeraufstandes" größten Ausmaßes - mehrere bislang miteinander verfeindete Stämme haben sich anläßlich des Todes des größenwahnsinnigen Oberstleutnants Custer verbündet - während einer Patrouille die Ehefrau (Mildred Natwick) und die Nichte, Olivia Dandrigde (Joanne Dru), seines Vorgesetzten aus dem bedrohten Fort bringen soll. Er erreicht den Außenposten aber zu spät und findet dort nur noch einige Überlebende eines Indianerüberfalls vor. Mittels einer List gelingt es ihm jedoch im Anschluß, den Krieg zwischen den Weißen und den Indianers - fürs erste - abzuwenden, indem er die Pferde der Indianer auseinandertreibt.
Von vielen Westernfreunden wird dieser zweite Teil als der beste der Kavallerie-Trilogie angesehen, was wahrscheinlich auch daran liegt, daß Ford hier in Technicolor gedreht und viele Bilder von bezaubernder Schönheit produziert hat, die deutlich an das Werk des Künstlers Frederic Remington angelehnt sind, und in diesem Film wie in keinem anderen die natürliche Majestät des Monument Valley in Szene gesetzt hat. Wenn Brittles beispielsweise das Grab seiner Frau pflegt und intime Zwiesprache mit der Verstorbenen hält, dann sind die Mesas im Hintergrund in blutiges Abendrot getaucht, und unvergeßlich ist auch die Szene, in der die Patrouille über eine weitgestreckte Ebene zieht, während der über ihr liegende Himmel von Blitzen zerrissen wird. Diese letztgenannten Bilder sind übrigens Fords Insistieren darauf zu verdanken, daß der Kameramann Winton Hoch auch während des Gewitters weiterfilmen sollte, was er eigentlich nicht beabsichtigt hatte. Auch die Indianer, die in voller Kriegstracht und Bewaffnung das Land durchqueren, werden in langen, immer wiederkehrenden Einstellungen zelebriert.
Trotz dieser visuellen Pracht liegt mir eigentlich mehr am Auftakt der Trilogie, dem Film
Bis zum letzten Mann, da hier die von Henry Fonda gespielte Figur des Offiziers Thursday für mehr Differenzierung sorgt. Doch betrachtet man "Yellow Ribbon" im Kontext mit diesem ersten Film, dann drängt sich der Gedanke auf, Ford habe mit Brittles das positive Gegenbild zu Thursday zeichnen wollen. Während Thursday ein Ehrgeizling mit aristokratischen Allüren und somit ein harter und fühlloser Vorgesetzter ist, der bei seinen Männern zwar Furcht, aber keinen Respekt auslösen kann, ist Brittles eine empathische Vaterfigur mit natürlicher Autorität. Zum Abschied schenken ihm seine Soldaten eine Uhr mit der Inschrift "Lest We Forget", und während seiner letzten Mission gelingt es ihm auch auf feinfühlige Weise, zwei junge Leutnants, die um die Gunst Olivias rivalisieren, auf den rechten Weg zu bringen. Der versnobte Leutnant Pennell (Harry Carey, Jr.) aus reichem Elternhause, der bereits sein Abschiedsgesuch eingereicht hat, wird von Brittles dazu bewogen, in der Armee zu bleiben, wo er - gemäß Fords Botschaft, die er auch dem anderen Leutnant explizit in den Mund legt - zu einem Mann mit Verantwortungsbewußtsein erzogen werden kann. Außerdem sorgt Brittles auch dafür, daß Leutnant Cohill (John Agar) und Olivia Dandrigde zueinander finden. Brittles' väterliche Autorität und sein Feingefühl, die ihn vom machtbesessenen Thursday unterscheiden, wird am besten in der Szene deutlich, in der er einen Zwist zwischen Cohill und Pennell auf humorvolle Weise löst: Als Cohill Pennell, der zusammen mit Olivia zum Picknicken fahren will, im Fort zurückhält, da wegen allgemeiner Alarmbereitschaft niemand das Fort verlassen dürfe, und Pennell dagegen protestiert, erlaubt Brittles dem jungen Leutnant die Ausfahrt und das Picknick, behält aber Olivia zurück. So können beide junge Offiziere mehr oder weniger ihr Gesicht wahren.
Wie sehr die Armee einem Mann wie Brittles zur Familie geworden ist, ist natürlich auch ein Thema von Fords Film. Nicht allein der Name des Protagonisten deutet an, wie eng die Identität des Hauptmanns mit seinem Verbleib in der Armee verflochten ist, sondern auch die Tatsache, daß er nur einen einzigen Anzug besitzt, den er zudem noch nie getragen hat. Um ihn anzuprobieren, zieht er ihn zudem nicht selbst an, sondern läßt Sergeant Quincannon (Victor McLaglen, der als Larger-Than-Life-Irishman wieder für comic relief zu sorgen hat) diese Aufgabe übernehmen. Die leutselige und humorvolle Art, wie die beiden Männer miteinander umgehen, die beide mit Wehmut ihrem baldigen Abschied entgegenblicken, zeigt übrigens auch, daß beide genau da, wo sie sind, ihren eigentlichen Platz gefunden haben. Wie in vielen Filmen, die mit dem Militär zu tun haben, feiert Ford hier den "einfachen Mann" als den Inbegriff maskuliner Tugend und Verläßlichkeit. So hat Brittles - anders als der ebenfalls verwitwete Thursday - niemals die Verbundenheit zu seiner verstorbenen Frau verloren, deren Grab er regelmäßig aufsucht und hingebungsvoll pflegt. Auch Brittles' Verhältnis zu den Indianern weist ihn als Identifikationsfigur aus: Anders als der kriegslüsterne Thursday, der die Ureinwohner verteufelt, scheint Brittles ein von wahrer Freundschaft geprägtes Verhältnis zu dem Häuptling Pony That Walks (Chief John Big Tree) zu haben und versucht hartnäckig, den Frieden zwischen Weißen und Indianern aufrechtzuerhalten. In der Szene, in der Brittles mit dem machtlos gewordenen Häuptling spricht, der ihn resigniert auffordert, mit ihm zusammen jagen zu gehen, da die jungen Männer unbedingt kämpfen wollen, schwingt viel von Fords Melancholie über eine verloren gegangene Welt und die Unausweichlichkeit der Zerstörung der Kultur der Ureinwohner mit - eine Haltung, die auch in diesem scheinbar militärverherrlichenden Western für Differenzierung sorgt.
Auch Begräbnisse spielen in "Yellow Ribbon", wie üblicherweise bei Ford, eine bedeutende Rolle. Die Beisetzung der Menschen, die bei einem Indianerüberfall ihr Leben verloren - symbolischerweise konnten die Kinder gerettet werden -, gerät Ford hier zu einem Manifest der Versöhnung des alten Südens mit der Union, wenn ein Soldat mit der Konföderiertenflagge bestattet und der von Brittles sehr geschätzte Sergeant Tyree (Ben Johnson) für kurze Zeit mit dem Rang, den er in Lees Armee innehatte, angesprochen wird. Nur Außenseiter meiden in Fords Western Beerdigungen - man denke an Ethan Edwards' brüskes "Put an Amen to it" in
Der Schwarze Falke -, und hier sind es Pennell, Cohill und Olivia, die der Zeremonie fernbleiben und sich statt dessen ein Eifersuchtsdrama liefern, das donnernd von Brittles unterbrochen wird. Ihre Abwesenheit von der Beerdigung ist ein Zeichen, daß sie ihre Position in der Gemeinschaft zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden haben.
Mit Brittles ist Ford eine der tragischsten und doch heitersten Figuren des Westerns gelungen, die zeigt, daß man zwar die Zeiten nicht immer ändern, sie aber doch in bescheidenem Rahmen verbessern kann - durch Menschlichkeit, Feingefühl und geduldige Entschlossenheit. Ein Teil des Verdienstes gebührt hierbei natürlich auch John Wayne, der als Vierzigjähriger glaubhaft einen zwanzig Jahre älteren Mann verkörperte, nachdem Ford durch Waynes Darbietung in "Red River" aufgegangen war, daß der Duke tatsächlich schauspielern konnte.
Die Inschrift "Lest We Forget" ist somit eigentlich überflüssig, denn jeder, der "Yellow Ribbon" einmal gesehen hat, wird weder diesen durchaus mit Schwächen behafteten, aber dennoch fantastischen Film noch den rauhbeinig-stillen Helden Brittles vergessen.