Es ist halt wie im richtigen Leben. Die Spannung, Dynamik und Strahlkraft, ebenso der Charme der Jugend und des Neuen verfliegt mit den Jahren. Suters erste große Romane, '"Small World'" und '"Die dunkle Seite des Mondes'" waren für mich wahre Meilensteine in der zeitgenössischen, deutschsprachigen Literatur. Ein neuer Autor, ein neues Gesicht im Literaturbetrieb. Ein Schweizer zumal. Kein verkopfter, hyperintellektueller und dem realen Leben weitgehend entrückter Autor, der für eine kleine, erlesene Feuilletongemeinde schreibt, sondern ein wahrer Autorenheld. Selbstbewusst, mit handfesten, spannenden und fesselnden Geschichten. Einer wunderbar klaren und präzisen Sprache. Einem ausgereiften Gespür für Stimmungen, Empfindungen und kostbare Details. Ein Autor, der ganz genau weiß, warum und wie er etwas schreibt.
Aber dann passiert etwas, dem nur ganz wenige, wirklich große Schriftsteller nicht erliegen. Ist es Routine, ist es die Lust am Geldverdienen, der Druck seitens der Verlage, der Leserschaft oder dem gnadenlosen Literaturbetrieb, den Martin Suter in "Lila, Lila" so trefflich portraitiert? Der "'Perfekte Freund'" ließ bereits erste Ermüdungserscheinungen erkennen, der darauf folgende Roman '"Lila, Lila"' war dann fast nur noch heiße Luft und nun steht sein letzter Roman, '"Der Teufel von Mailand"', auf dem Prüfstand. Zu Beginn der Lektüre fühlte ich mich endlich wieder in die alte, von mir so geschätzte Suter-Welt zurückversetzt. Erinnerungen an '"Die dunkle Seite des Mondes"' wurden geweckt und ich freute mich riesig darüber, endlich wieder einen richtig guten Roman von Martin Suter lesen zu können. Die Geschichte entwickelt sich gut, hält den Leser bei der Stange, führt ihn in interessante Psychologien und unbekannte Gefühlswelten ein. Lesenswert und spannend, schlichtweg gelungen und sehr versöhnlich nach den beiden letzten Büchern. Doch bald greift dann wieder diese scheinbar unvermeidliche Schreibroutine. Die Geschichte verflacht, wirkt immer konstruierter und klischeehafter. Nicht wirklich schlecht oder ärgerlich, aber leider ein wenig enttäuschend. Zum Ende der Geschichte beschleicht einen sogar das Gefühl, dass der Autor noch einmal kräftig auf die Tube gedrückt hat, um die Geschichte möglichst furios und dabei auch gleich möglichst unrealistisch und überkandidelt enden zu lassen. Keine nachvollziehbare Entwicklung, keine geschickte Auflösung der zuvor sorgfältig und mit viel Kreativität aufgebauten Personen und Erzählstränge.
Dennoch, "Der Teufel von Mailand" lohnt das Lesen allein wegen des ersten Drittels in dem man den alten Martin Suter ganz und gar wieder erkennt. Der einen mitnimmt und an die Zeiten erinnert, als man seine ersten Romane las. Irgendetwas zwischen Lesevergnügen und wohliger Nostalgie. Mein Fazit also: lesenswert, mit Abstrichen ab der Hälfte des Buches und einem dicken Minus für das Ende.