Kurzbeschreibung
Terminal 1 des Flughafens Charles de Gaulle in Paris: Täglich kommen über 200.000 Menschen an oder fliegen weg. Nur einer bleibt: Sir Alfred. Er lebt hier. Denn kein Land will ihn haben - ohne Pass. Im August 1988 reiste er nach London. Dort wurde er sofort nach Paris zurückgeschickt. Denn sein belgischer Flüchtlingsausweis war gestohlen worden. Auch Frankreich ließ ihn nicht einreisen. Brüssel schickte keine Originaldokumente: Er hätte sie persönlich abholen müssen. Doch die belgischen Behörden verweigerten ihm die Einreise. Seit 15 Jahren wartet Sir Alfred auf eine Identität. Er sitzt zwischen den Staaten.
Der Verlag über das Buch
Die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Mannes zwischen den Staaten
Über den Autor
Karim Mehran Nasseri alias Sir Alfred Mehran wurde 1945 in einem kleinen Dorf im Iran geboren. Nach seinem Studium der Psychologie musste er 1977 aus politischen Gründen das Land verlassen. In unzähligen europäischen Ländern kämpfte er um Asyl ? bis schließlich The United Nations High Commission for Refugees es ihm 1981 in Belgien gewährte.
Auszug aus Der Terminal-Mann von Alfred Mehran, Andrew Donkin. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
23. Mai 2004
Ich sitze auf der roten Bank von der Bye Bye Bar mitten auf dem Flughafen Charles de Gaulle und warte darauf, dass ich weg kann.
Ich warte auf eine Greencard, damit ich nach Amerika kann. Ich warte auf einen britischen Pass, damit ich nach England kann. Ich warte auf meine Ausweispapiere, damit ich irgendwohin kann.
Seit fast sechzehn Jahren warte ich nun auf meiner roten Bank von der Bye Bye Bar mitten auf dem Flughafen Charles de Gaulle darauf, dass ich weg kann.
Der Flughafen Charles de Gaulle liegt fünfzehn Kilometer nördlich von Paris. Meine rote Bank steht im Untergeschoss von Terminal Eins, einem Betonring aus den sechziger Jahren, der die Form eines Doughnuts hat.
Hinter meiner roten Bank geht ein großes Fenster auf die kleine Freifläche inmitten des Ringes hinaus. Dort stand früher ein Brunnen, der achtzehn Stunden am Tag Wasser spie. Aber das Wasser war immer wieder stark verschmutzt, deshalb haben sie den Brunnen vor ein paar Monaten durch einen Garten ersetzt, der ein bisschen ungeschickt mit einer Mischung aus Palmen und Weihnachtsbäumen bepflanzt ist. Ich weiß nicht, ob der Garten so bleiben wird. Mir ist er lieber als der Brunnen, weil er weniger Lärm macht. So kann ich besser schlafen.
Oberhalb des neuen Gartens überqueren Laufbänder in silbernen Röhren den Himmel und bringen die Passagiere zu den Flugzeugen, die rund um den Terminal angedockt warten. Von hier aus kommt man in alle Welt.
Die Passagiere werden gebeten, ihr Handgepäck immer mit sich zu führen.
Eine große Frau mit üppigem dunklem Haar geht an meiner Bank vorbei. Ich merke, dass sie mich aus den Augenwinkeln mustert. Sie zieht einen kleinen Trolley hinter sich her und hat eine Tasche umhängen.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 10.17 Uhr. Meine Bank ist umgeben von meiner Habe - meinen Schachteln, meinen Taschen, meinen Zeitungen. Ich greife hinter meine rote Bank und hole einen Stapel DIN-A4-Blätter hervor. Auf die erste Seite schreibe ich: 23. Mai 2004 und unterstreiche das Datum.
Die große Frau geht wieder an meiner Bank vorbei. Sie sieht herüber, wesentlich auffälliger diesmal, zögert und kommt schließlich auf mich zu.
"Verzeihung, sind Sie Sir Alfred?"
Ich bejahe. Sie lächelt.
"Mein Name ist Mandy Pink. Könnte ich ... könnte ich Sie vielleicht kurz sprechen?"
Ich biete ihr einen Platz an. Vor meiner Bank stehen ein runder Tisch und ein Stuhl, ebenfalls von der Bye Bye Bar. Als die Bar vor ein paar Jahren schloss, hat man mir erlaubt, die Bank, den Tisch und den Stuhl zu behalten.
"Soviel ich weiß, halten Sie sich hier schon ziemlich lang auf?"
Ich nicke. "Fast sechzehn Jahre."
"Sechzehn Jahre? Und Sie sind die ganze Zeit ..." "Hier gewesen." Ich deute auf die rote Bank.
"Wussten Sie schon, dass Sie ziemlich berühmt sind?", fragt die Frau.
Ich sage ja.
"Ich komme gerade aus Australien. Ich arbeite für einen Rundfunksender in Tasmanien, und in zwei Stunden geht mein Anschlussflug nach London."
Ich frage sie, ob es in Australien heiß ist. Sie sagt, manchmal.
"Ich habe in der Zeitung etwas über Sie gelesen und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht."
Ich sage ihr, dass es mir nichts ausmacht. Ich bekomme ständig Besuch. Viele Leute stellen mir Fragen. Mandy Pink packt ein Aufnahmegerät aus und stellt es auf den Tisch, direkt neben meinen Plastikbecher. Darin befinden sich zwei McDonald's-Trinkhalme in Papierhüllen, drei Tütchen Zucker, ein Tütchen Salz, zwei Tütchen Pfeffer, ein Beutelchen Ketchup und zwei Sätze Plastikbesteck, jeder mit Messer, Gabel, Löffel und Serviette, eingeschweißt in eine durchsichtige Plastikhülle.
"Ich habe Durst. Darf ich Sie zu etwas einladen? Zu einem Kaffee vielleicht?", fragt sie.
Ich sage, ich hätte gern einen Espresso, und erkläre ihr, wo die Kaffee-Bar ist.
Während sie weg ist, hole ich schnell meine heutige Tagebuchseite heraus und trage ihren Namen ein und was sie gesagt hat. Als ich sie zurückkommen sehe, höre ich auf zu schreiben.
"Ich hatte keine Euro, aber glücklicherweise nehmen sie auch britische Pfund." Sie lächelt und stellt meinen Espresso ab, dann zieht sie den Mantel aus und schaltet das Aufnahmegerät ein.
"Wie kam es, dass Sie hier festsitzen?"
Sie hält mir das Mikro unter die Nase, und ich erzähle ihr, dass ich hier bin, weil ich nicht die nötigen Papiere habe, um wegzukommen. Ich darf in kein Flugzeug, weil ich keinen Pass besitze, und ich kann den Flughafen nicht verlassen und mich in Frankreich aufhalten, weil ich sonst als illegaler Immigrant von der französischen Polizei aufgegriffen und ins Gefängnis gesteckt würde.
Ich sitze auf der roten Bank von der Bye Bye Bar mitten auf dem Flughafen Charles de Gaulle und warte darauf, dass ich weg kann.
Ich warte auf eine Greencard, damit ich nach Amerika kann. Ich warte auf einen britischen Pass, damit ich nach England kann. Ich warte auf meine Ausweispapiere, damit ich irgendwohin kann.
Seit fast sechzehn Jahren warte ich nun auf meiner roten Bank von der Bye Bye Bar mitten auf dem Flughafen Charles de Gaulle darauf, dass ich weg kann.
Der Flughafen Charles de Gaulle liegt fünfzehn Kilometer nördlich von Paris. Meine rote Bank steht im Untergeschoss von Terminal Eins, einem Betonring aus den sechziger Jahren, der die Form eines Doughnuts hat.
Hinter meiner roten Bank geht ein großes Fenster auf die kleine Freifläche inmitten des Ringes hinaus. Dort stand früher ein Brunnen, der achtzehn Stunden am Tag Wasser spie. Aber das Wasser war immer wieder stark verschmutzt, deshalb haben sie den Brunnen vor ein paar Monaten durch einen Garten ersetzt, der ein bisschen ungeschickt mit einer Mischung aus Palmen und Weihnachtsbäumen bepflanzt ist. Ich weiß nicht, ob der Garten so bleiben wird. Mir ist er lieber als der Brunnen, weil er weniger Lärm macht. So kann ich besser schlafen.
Oberhalb des neuen Gartens überqueren Laufbänder in silbernen Röhren den Himmel und bringen die Passagiere zu den Flugzeugen, die rund um den Terminal angedockt warten. Von hier aus kommt man in alle Welt.
Die Passagiere werden gebeten, ihr Handgepäck immer mit sich zu führen.
Eine große Frau mit üppigem dunklem Haar geht an meiner Bank vorbei. Ich merke, dass sie mich aus den Augenwinkeln mustert. Sie zieht einen kleinen Trolley hinter sich her und hat eine Tasche umhängen.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 10.17 Uhr. Meine Bank ist umgeben von meiner Habe - meinen Schachteln, meinen Taschen, meinen Zeitungen. Ich greife hinter meine rote Bank und hole einen Stapel DIN-A4-Blätter hervor. Auf die erste Seite schreibe ich: 23. Mai 2004 und unterstreiche das Datum.
Die große Frau geht wieder an meiner Bank vorbei. Sie sieht herüber, wesentlich auffälliger diesmal, zögert und kommt schließlich auf mich zu.
"Verzeihung, sind Sie Sir Alfred?"
Ich bejahe. Sie lächelt.
"Mein Name ist Mandy Pink. Könnte ich ... könnte ich Sie vielleicht kurz sprechen?"
Ich biete ihr einen Platz an. Vor meiner Bank stehen ein runder Tisch und ein Stuhl, ebenfalls von der Bye Bye Bar. Als die Bar vor ein paar Jahren schloss, hat man mir erlaubt, die Bank, den Tisch und den Stuhl zu behalten.
"Soviel ich weiß, halten Sie sich hier schon ziemlich lang auf?"
Ich nicke. "Fast sechzehn Jahre."
"Sechzehn Jahre? Und Sie sind die ganze Zeit ..." "Hier gewesen." Ich deute auf die rote Bank.
"Wussten Sie schon, dass Sie ziemlich berühmt sind?", fragt die Frau.
Ich sage ja.
"Ich komme gerade aus Australien. Ich arbeite für einen Rundfunksender in Tasmanien, und in zwei Stunden geht mein Anschlussflug nach London."
Ich frage sie, ob es in Australien heiß ist. Sie sagt, manchmal.
"Ich habe in der Zeitung etwas über Sie gelesen und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht."
Ich sage ihr, dass es mir nichts ausmacht. Ich bekomme ständig Besuch. Viele Leute stellen mir Fragen. Mandy Pink packt ein Aufnahmegerät aus und stellt es auf den Tisch, direkt neben meinen Plastikbecher. Darin befinden sich zwei McDonald's-Trinkhalme in Papierhüllen, drei Tütchen Zucker, ein Tütchen Salz, zwei Tütchen Pfeffer, ein Beutelchen Ketchup und zwei Sätze Plastikbesteck, jeder mit Messer, Gabel, Löffel und Serviette, eingeschweißt in eine durchsichtige Plastikhülle.
"Ich habe Durst. Darf ich Sie zu etwas einladen? Zu einem Kaffee vielleicht?", fragt sie.
Ich sage, ich hätte gern einen Espresso, und erkläre ihr, wo die Kaffee-Bar ist.
Während sie weg ist, hole ich schnell meine heutige Tagebuchseite heraus und trage ihren Namen ein und was sie gesagt hat. Als ich sie zurückkommen sehe, höre ich auf zu schreiben.
"Ich hatte keine Euro, aber glücklicherweise nehmen sie auch britische Pfund." Sie lächelt und stellt meinen Espresso ab, dann zieht sie den Mantel aus und schaltet das Aufnahmegerät ein.
"Wie kam es, dass Sie hier festsitzen?"
Sie hält mir das Mikro unter die Nase, und ich erzähle ihr, dass ich hier bin, weil ich nicht die nötigen Papiere habe, um wegzukommen. Ich darf in kein Flugzeug, weil ich keinen Pass besitze, und ich kann den Flughafen nicht verlassen und mich in Frankreich aufhalten, weil ich sonst als illegaler Immigrant von der französischen Polizei aufgegriffen und ins Gefängnis gesteckt würde.