Der Roman "Der Tag, an dem die Männer verschwanden" ist eine gleichermaßen zu Tränen rührende, skurrile, humorvolle, schonungslose und wunderschöne Geschichte über einen aus der Not geborenen (und im Roman gelungenen) Versuch, ein Leben jenseits herkömmlicher Denk- und Verhaltensmuster völlig neu aufzubauen: eine andere Welt, von Frauen erdacht.
In diesem Sinne hält der Roman, was der Klappentext zu versprechen scheint: "Eine hinreißende Homage an die Weiblichkeit" (Freundin) zu sein.
In Wirklichkeit wird der PROZESS der Abnabelung von scheinbar hergebrachten (patriarchalischen) Prinzipien mit all seinen Hindernissen beschrieben, und erst am Ende wird die Vision von einer anderen Welt eröffnet. Daher liest sich der Roman am Anfang auch recht zäh, die eigentlichen Intentionen des Autors erschließen sich erst nach und nach.
Die Ausgangssituation und das sich daraus ergebende Problem: Wie soll die Gemeinde Mariquita, bisher ausschließlich von Männern geleitet, ohne Männer überleben? Denn an einem ganz gewöhnlichen! (Wahnsinn Bürgerkrieg) Tag, dem 15. November 1992, werden alle Männer entweder verschleppt oder, weil sie der Rekrutierung durch Guerilla-Truppen entfliehen wollen, getötet.
"Frau" versucht zuerst in die Fußstapfen "des Mannes" zu treten. So ernennt sich Rosalbe, die Witwe des örtlichen Polizeisergeanten, kurzerhand zur Bürgermeisterin und versucht durch Erlasse und Gesetze das Leben der Dorfgemeinschaft zu regeln. Aber alle Versuche, auf diese Weise das Dorf zu "retten" scheitern, so zum Beispiel auch die reglementierten Versuche den Nachwuchs zu sichern: Der Padre (einziger "richtiger", erwachsener und zeugungsfähiger Mann im Dorf) soll planstabsmäßig die gebärfähigen Frauen des Dorfes schwängern, was er trotz seines Hinweises auf das "Opfer", das er als Kirchenmann bringt, durchaus voller Lüsternheit und ganz und gar nicht zartfühlend "erledigt". Aber niemand wird von ihm schwanger. Auch ein von Rosalba initiierter Wettbewerb unter den noch nicht volljährigen vier Jugendlichen Che, Vietnam, Trotsky und Hochiminh um die Gunst, für männlichen Nachwuchs sorgen zu dürfen, wird auf wundersame und ziemlich groteske Weise (Lassen Sie sich überraschen!) vereitelt.
Die Witwen des Dorfes, allen voran Rosalba, müssen sich also etwas Neues einfallen lassen, wenn sie überleben wollen...
Dieser Roman ist unglaublich komplex, fast schon eine Parabel auf die schrecklichen Folgen verkrusteten, eingefahrenen Denkens, das sich vor allem auf die Eckpfeiler Macht/Unterdrückung und Kampf stützt. So wird in ausdrucksvoller, schonungsloser, ja sogar grausam-lakonischer Weise der Krieg, durch welches "Deckmäntelchen" auch immer legitimiert, ad absurdum geführt (Guerillas, Paramilitärs und Regierungstruppen eint in ihrem Tun nur eins: sinnlose Grausamkeit, die nur Opfer kennt, keine Sieger) ebenso wie die Jahrhunderte lang und durchaus auch von Frauengeneration zu Frauengeneration weiter gereichte und dadurch scheinbar legitimierte Rolle der Frau gegenüber dem Mann: "Virgilina war als Kind in die Obhut ihrer Großmutter gegeben worden, die ihr alles beigebracht hatte, was für ein künftiges Leben als Hausfrau, Dienstmädchen und Sklavin von Bedeutung war." (S. 182) Canón lässt es sich in seinem Roman nicht nehmen, fast jede eingefahrene und scheinbar als richtig oder rechtens anerkannte Meinung zu zerstören: neben der Legitimierung des Krieges und des tradierten Rollenverständnisses von Mann und Frau z.B. auch die Rolle der Religion und die scheinbare Überlegenheit heterosexueller Liebe gegenüber der gleichgeschlechtlichen. Die anrührendste Liebesgeschichte ist die zwischen zwei jungen Männern: Santiago und Pablo. Er zwingt den Leser regelrecht, die eigene Perspektive zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern. Dies gelingt ihm sowohl durch das Aufzeigen von Absurditäten und Alternativen als auch, und vor allem, durch die wechselnden Perspektiven, aus denen erzählt wird. Auch ohne ausdrückliche Kommentare des Erzählers/der Erzähler zum Geschehen wird so die Sinnlosigkeit so mancher scheinbar unangreifbaren Überzeugung regelrecht entlarvt. Täte es nicht auch "unserer" Welt, in der die Ideen von freiheitlicher Demokratie und Pluralismus immer mehr zu Floskeln zu verkommen drohen, die sich mehr und mehr hierarchischer Strukturen bedient, gut, einfach einmal die Perspektiven zu ändern und scheinbar manifestierte Positionen zu hinterfragen - so wie Canòn und "seine" Frauen im Roman es praktizieren?
Fazit: Ein Roman, der zum Nachdenken anregt, erschreckende Einblicke in eine vom Bürgerkrieg und von Vorurteilen geprägte hierarchische Gesellschaft gewährt, eine auf jeden Fall bessere Alternative bietet (die aber auch Canón selbst nicht als Allheilmittel und einzige Möglichkeit darstellt) und darüber hinaus im wörtlichen Sinne wunderbar erzählt ist.
Ein Lesevergnügen!