Nach "River" hat die Kanadierin Donna Milner einen zweiten ebenso spannenden, wie bewegenden Familienroman vorgelegt, den ich in nur einer Nacht geradezu verschlungen habe.
Der 5. August 1962, der Todestag von Marylin Monroe, ist zufällig auch der Todestag von Lucy Coulter. Unter tragischen Umständen kommt die geliebte Ehefrau und Mutter dreier Kinder: Frankie, Kipper und Ethel, zu Tode und wirft damit etliche Fragen auf, die das Leben der kleinen Familie für immer verändern sollen. Ihre Heimat ist Vancouver und das traurige Schicksal der Familie nimmt kurz nach der Heirat von Lucy und Howard seinen Anfang, als die Kanadier das Britische Empire 1941 in Hongkong im zweiten Weltkrieg gegen Deutschland auf dem Seeweg zu Hilfe eilen.
Howard hat nie über seine traumatischen Kriegserlebnisse gesprochen. Gelegentlich ist er geistesabwesend, sucht die Einsamkeit in einer Bomberjacke und Vergessen im Alkohol. Nachts wird er von immer wiederkehrenden Alpträumen geplagt und wacht dann schreiend auf, "ein Memento aus dem Krieg, das in seinen Eingeweiden lauert", wie Lucy ihren Kindern erklärt. Denn ihr Vater war "ein Meister darin geworden, sich wie ein Schlafwandler durch das Leben zu schlängeln".
Durch den viel zu frühen Tod der Mutter werden nicht nur etliche Fragen bezüglich der Todesumstände aufgeworfen, Howard muß sich zwischen seiner Alkoholsucht und seiner Familie entscheiden. Erst nachdem er ALLES verloren hat, kann er sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen und Verantwortung für ein geregeltes Leben mit seiner wiedervereinten Familie übernehmen. Doch bis dahin ist es ein langer und schmerzhafter Weg, der ihn durch die schwärzesten Stunden seines Lebens in der Hölle japanischer Kriegsgefangenschaft führt.
"Überleben tun nur diejenigen, die sich auf die Möglichkeiten freuen, die über das hier hinausweisen."
Doch zunächst tappt der Leser völlig im Dunkeln. Handelt es sich beim plötzlichen Ableben von Lucy Coulter um Mord, Selbstmord oder einen tragischen Unfalltod? Und wie soll sich der offensichtlich an seiner Vergangenheit zerbrochene, depressive und alkoholkranke Howard um seine minderjährigen Kinder kümmern? Frankie, der Älteste ist fast erwachsen. Ethel soll zu ihrer Tante Mildred ziehen. Doch ihr heißgeliebter Bruder Kipper, der vor vierzehn Jahren mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen ist, soll in ein Heim abgeschoben werden. Neben den aktuellen Geschehnissen, die aus Ethel`s Perspektive geschildert werden, erinnert Donna Milner in Rückblenden an die gemeinsamen glücklichen Zeiten mit ihrer Mutter, als Lucy die Familie durch ihre Liebe und Güte zusammengehalten hat. Bis zum Schluss wird der Leser bezüglich Howard`s Vergangenheit auf die Folter gespannt. Erst ganz allmählich, Schritt für Schritt, gewährt sie uns Einblicke in die Angst und den Schrecken des Krieges und Howards verzweifelten Überlebenskampf in einem japanischen Gefangenenlager.
Einfühlsam erzählt uns Donna Milner mit der Stimme der jungen Ethel vom harten Schicksal dieser leidgeprüften Familie. Liebevoll halten sie zusammen, stützen und akzeptieren einander. So ist es für die Vier undenkbar, Kipper in ein Heim abzuschieben. Vielmehr ist er mit seiner besonderen künstlerischen Begabung, seiner Offenheit und Herzenswärme voll integriert. Die Beschreibung des mongoloiden Kipper ist ein besonderes Highlight für mich in dieser wunderschönen, emotionalen Familiengeschichte. Mit dieser Figur bricht die Autorin eine Lanze für Menschen, die sich von der breiten Masse abheben. So ist die Grundstimmung des Buches trotz aller tragischen Erlebnisse auch nicht ausschließlich traurig, sondern aufgehellt durch ganz viele lichte und liebenswerte Momente, die in glücklichen und versöhnlichen Ende münden.
"Der Tag, an dem Marilyn starb" ist eine spannend erzählte, emotional aufwühlende Familiengeschichte und die Geschichte eines Mannes, der sich erst durch den wiederholten Schock eines schmerzlichen Verlustes seiner traumatischen Vergangenheit und seiner Flucht in den Alkohol stellen kann.