Silke Scheuermann, geboren 1973 hat die Palette der drei Großen bereits durch: Mit
Die Stunde zwischen Hund und Wolf hat sie ihren ersten Roman vorgelegt, mit
Reiche Mädchen einen Erzählband und außerdem zwei weitere Gedichtbände (
Der zärtlichste Punkt im All: Gedichte;
Über Nacht ist es Winter: Gedichte). Angefangen hat alles mit diesem Debüt aus dem Jahr 2001 - immerhin ein Debüt, dass in der Suhrkampedition veröffentlicht wurde!
"Als hätten wir ewig die Hände von
Kindern oder halbblinden Augen die immer
nur schwach gezimmerte Rahmen
um alles ziehn
reflexartig"
Dieser Anfangsabschnitt aus "Gründlich formatierte Sterne grüßen dich" zeigt schon vieles: einen Hang und ein Talent zum 'suchenden Wort', zum bildhaften Ausdruck und ein untergründig daherkommender Wille zum inneren Ansatz. Allein schon dieser fünfzeilige Beginn offenbart einen klugen, symbiotischen Blick auf die Dinge. Der Faden einer geschickt konstruierten Bilderwelt zieht sich durch das ganze Buch.
Manche der Gedichte sind wortreich, metaphernschwer; manche klein und mit Esprit; wenige schwer monologisieren und nervig.
Sätze wie: Schlaf nie mit einem Fotografen/ sie haben schon zu viel gesehen" erheitern und sind poetisch - Themen fliegen vorbei, immer in einem Zug mit den Bildern aus vielen Fenstern; Melancholie und Ironie haben in diesem Band wahrlich gekonnt die gleichberechtigte Zweistimmigkeit gewahrt. Jedes Gedicht steht für sich in ganz anderen Überlegungen; das Werk ist nicht begrenzt.
Kritik?
Das Phänomen mit Worten um sich zu werfen ist leider eines, das nicht nur Rezensenten und Essayisten, Philosophen und Politiker in sich führen, sondern auch eines, das gerade in die Menschen einfährt, die am sparsamsten damit umgehen sollten - eben den Dichtern. Silke Scheuermann hält sich zurück, doch auch sie wird manchmal gepackt vom manischen Geist dem Umschnürens, als müsste man manch lyrischen Stoff fest zusammenbinden mit den Stricken des mythischen Geredes, damit es nicht ausbricht - und so verendet es.
Wie immer ist auch diesem Buch die Qualität der Lyrik eine Ansichtssache, eine Frage des persönlichen Bezugs und des Verständnisses. Das Potenzial dieser Lyrik kann ich aber zu Recht und ungefährdet preisen.
"Aber was kommt wenn wir uns alle Geschichten erzählt
haben zehntausend heiße Geschichten
das Lexikon unserer Luftschlösser durchbuchstabiert
ist und wir unseren Stern durchgesessen haben wie das Sofa
auf dem wir uns sehr genau kennenlernten
wenn wir da stumm am Fenster sitzen und rauchen"
Das ist schon fast Lyrik auf friedschem Niveau - und einen schönen wie einen ernsthaften Blick wert; was kann man guter Lyrik besseres zum Vorwurf machen?