"Der Tag der Eule" ist einer dieser Romane, bei denen man das Etikett Kriminalliteratur zu Recht vergibt, weil er zeigt, welches Maß an gesellschaftlicher Reflexion in einem Kriminalroman möglich ist. Die Geschichte des Mordes am Sekretär einer Baugenossenschaft, der sich weigert, sich von der Mafia korrumpieren zu lassen, ist nur der Aufhänger für eine Art soziologische Studie über das Nachkriegsitalien mit Schwerpunkt Sizilien.
Wer die Geschichte Italiens nach dem Krieg verstehen will, erspart sich mit dieser unterhaltsam und ungemein präzise geschriebenen 100-Seiten-Lektüre ganze Geschichtsbücher. Sciascia gelingt eine äußerst knappe, intelligente und stilistisch elegante Einführung in die Mafia, ihre Funktionsweise und gesellschaflichen Verästelungen und er zeigt ihre Entwicklung unter dem Faschismus bis zu den Wirren der damals noch jungen Demokratie. Wer verstehen will, was Mafia ist und wie sie funktioniert, der erhält hier eine ebenso kurze wie kompetente Einführung.
Dieses Buch hat auch heute noch seine Bedeutung und Aktualität. Auch wenn sich das Problem der Mafia in Italien gewandelt haben sollte, so zeigt das Buch prinzipiell die Durchsetzung des Wirtschafts- und Alltagslebens durch kriminelle Strukturen und weist bis ins Detail nach, wie Macht und Profit Einzelner das Wirtschaftsleben zum Nachteil aller lahmlegen oder korrumpieren können.
Das einzige, was man an diesem Buch bemängeln könnte, sind gelegentliche stilistische Fragwürdigkeiten. So wechselt Scascia die Erzähler und Erzählebenen teils ohne Rücksicht auf den Leser - man weiß nicht immer genau, von wem eigentlich die Rede ist bzw. wer aktuell der Erzähler ist. Das führt zu Beginn des Bandes zu etwas Verwirrung, schmälert die Bedeutung dieses Werkes aber keinen Deut.
Scascia gibt im Übrigen am Ende des Bandes selber eine Erklärung für diese Mängel - er war wohl gezwungen, das Buch nach Fertigstellung zu kürzen, es politisch weniger verfänglich zu machen, um juristische Verfolgung zu vermeiden.