Wien, im Frühjahr 1770: Vor den Augen des Hofstaats, darunter Kaiserin Maria Theresia, präsentiert Wolfgang von Kempelen, ein Multitalent ungarischer Herkunft, der erstaunten Öffentlichkeit eine geheimnisvolle Apparatur, die Schach gegen menschliche Gegner spielt - und das auf verblüffend hohem Niveau. Kempelen hatte Philosophie und Rechtswissenschaft studiert, machte später Karriere als Hofrat und mühte sich unter anderem mit einem "Synthesizer" zur Erzeugung von Wörtern und ganzen Sätzen ab. Berühmtheit erlangte er jedoch mit seinem schachspielenden "Türken" - ein schreibtischähnlicher Kasten mit einem Schachbrett obenauf. Dahinter thronte eine in osmanische Tracht gehüllte menschengroße Puppe, die in der
rechten Hand eine Pfeife hielt und mit der anderen scheinbar völlig selbstständig die Figuren führte. Wurden die Türen des Kastens geöffnet, kam eine laut schnurrende Apparatur zum Vorschein, die mit ihren Zahnrädern und Walzen an ein kompliziertes Uhrwerk erinnerte.
Kempelens Erfindung wurde europaweit zum Gesprächsstoff. Skeptiker, die einen Trick hinter der Sache vermuteten, waren dünn gesät. Aus heutiger Sicht mag diese Naivität verwundern. Doch das 18. Jahrhundert war reich an Apparaturen aller Art - vom mechanischen Trompeter bis hin zur künstlichen Ente, die ihr Futter sogar stilecht verdaute. Unter diesem Aspekt bedeutete eine Schachmaschine nur den logischen Endpunkt einer langen Entwicklung. Dass das königliche Spiel planerische Gestaltung verlangte und daher einen simplen Mechanismus restlos überfordern musste, kam damals nur wenigen in
den Sinn. Aber selbst diejenigen, die die Wahrheit ahnten, verhedderten sich im Gestrüpp ihrer Theorien und lieferten nur ungenaue Erklärungen.
Der britische Wissenschaftsjournalist Tom Standage zeichnet den Weg des "Türken" (und die Schicksale seiner verschiedenen Besitzer) über einen Zeitraum von 85 Jahren nach, reiht die verschiedenen Erklärungsversuche auf, die mit der Existenz des obskuren Kastens verknüpft waren, und schildert so ganz nebenbei ein Stück europäische Kulturgeschichte. Da der Autor unter anderem auch Computertheorie studiert hat und somit
gewissermaßen "vom Fach" ist, handelt ein Teil des Buches von den heutigen Nachfolgern des "Türken" (wie zum Beispiel die Partien Kasparovs gegen diverse Großrechner.)
Standage schreibt flüssig und spannend, ohne dabei allzu sehr in die Tiefe zu gehen. So kommt dieser historische Exkurs lediglich auf rund 220 Seiten. Gleichwohl ist alles
Wichtige und Erwähnenswerte darin enthalten, so auch die anekdotenhaft ausgeschmückte Begegnung Napoleons mit der vermeintlichen Schachmaschine. Die Erfindung Wolfgang von Kempelens birgt heute keine Geheimnisse mehr. Inzwischen ist der Apparat (der 1854 bei einem Brand zerstört wurde) sogar detailgetreu nachgebaut worden. Die Funktionsweise des "Türken" wird im Buch mit einer Bildsequenz verdeutlicht - leider lassen diese Rekonstruktionen an Genauigkeit etwas zu wünschen übrig.
Das Buch liest sich locker in einem Rutsch durch, und manchmal spürt man bei gewissen Histörchen das ironische Augenzwinkern des Autors. Ein "Automation-Freak" ist Standage gewiss nicht - er schildert lediglich das ebenso merkwürdige wie vergebliche Bestreben des Menschen, mit eigenen Schöpfungen die Natur nachzuahmen oder gar zu übertrumpfen.