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Der Tänzer
 
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Der Tänzer [Gebundene Ausgabe]

Colum McCann , Dirk van Gunsteren
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (23 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Was dem großen Tänzer Rudolf Nurejew bei seiner ersten Saison -- nach seiner Aufsehen erregenden Flucht während eines Gastspiels des russischen Kirow-Balletts 1961 -- in Paris auf die Bühne geworfen bekam, hätte manchen Sänger einer Boy Group vor Neid erblassen lassen. 18 Damenslips waren darunter, davon zwei, die in aller Eile wohl noch während der Vorstellung ausgezogen worden waren, und Dutzende erotischer Polaroidfotos mit den Adressen der abgebildeten Damen. Ein Päckchen russischer Tee hob Nurejew vom Boden auf, Hotelschlüssel, Todesdrohungen, Liebesbriefe und ein Foto des Kosmonauten Juri Gagarin (mit der Widmung "Flieg, Rudi, flieg!"). Ein Pelzmantel flog über die Köpfe der Zuschauer, die in ihrer Erregung Sekunden lang dachten, es handle sich um ein wildes Tier. Des weiteren waren so viele Narzissen aus den Gärten des Louvre unter den Huldigungen, dass sich die Gärtner genötigt sahen, die Beete bis sieben Uhr abends zu bewachen.

Was man dem irischen Schriftsteller Colum McCann für seinen Roman Der Tänzer auf die Bühne der Literatur werfen sollte, dürfte kaum weniger aufregend sein. Denn McCann ist etwas ganz Großes geglückt: Dem Leben eines Jahrhundert-Tänzers mit den Mitteln der Sprache (und damit auch mit den Mitteln der Lüge) ein unauslöschliches Denkmal zu setzen. Beginnend beim fünfjährigen Jungen, der in den Kriegswirren in einem Hospital in Ufa sein erstes Publikum findet über die Zeit seiner größten Erfolge bis hin zum Tod des Superstars zieht sich dieses fiktive Porträt, wobei biografische Daten kaum interessieren: McCann geht es um den Menschen hinter der Aura seines Glanzes. Und um das Porträt einer Zeit, in der der Eiserne Vorhang fiel.

"Dies ist ein Roman", glaubt McCann seinem Buch voranschicken zu müssen: "Mit Ausnahme einiger Personen des öffentlichen Lebens, die ihren wirklichen Namen tragen, sind alle hier geschilderten Personen, Namen und Ereignisse frei erfunden." An dieser Warnung hat der Autor gut getan. Denn derart lebendig, wuchtig und stark kommt Der Tänzer daher, dass man meinen könnte, jedes Wort sei wahr. --Stefan Kellerer

Kurzbeschreibung

Dieses Buch nähert sich einem berühmten Mann: dem Tänzer Rudolph Nurejew, Lichtgestalt des modernen Balletts, kaum sichtbar in all seinem Glanz. Die Lebensdaten sind bekannt, doch McCann interessieren sie nur am Rande. Er lässt den Menschen vor dem Hintergrund seiner Zeit erstehen: diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Kalter Krieg und Erstarrung auf der einen, rauschendes Kultur- und Partyleben auf der anderen Seite. Wie in einem lyrisch choreographierten Tanz nähert McCann sich Nurejew, entfernt sich wieder, um ihn erneut zu finden, zu berühren.

Über den Autor

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. für seine Erzählungen erhielt McCann, der heute in New York lebt, zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Hennessy Award for Irish Literature sowie den Rooney Prize.Dirk van Gunsteren, geboren 1953 in Düsseldorf, ist ein deutscher literarischer Übersetzer aus dem Englischen und Niederländischen und freiberuflicher Redakteur. Van Gunsteren wuchs in Duisburg auf, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Holländer. Nach mehreren Aufenthalten in Indien und in den USA studierte er in München Amerikanistik. Seit 1984 ist er als Übersetzer insbesondere aus dem Englischen tätig. Van Gunsteren lebt in München. 2007 erhielt van Gunsteren den "Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis" für seine Übersetzung angelsächsischer Literatur.

Auszug aus Der Tänzer von Colum McCann, Colum MacCann, Dirk van Gunsteren. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sowjetunion 1941-56
Drei Winter. Mit Pferden bahnten sie Wege durch Schneeverwehungen, sie trieben sie voran, bis sie starben, und dann aßen sie sehr traurig das Pferdefleisch. Die Sanis stapften durch den Schnee und hatten die Morphiumampullen mit Pflastern unter ihren Achseln befestigt, damit das Morphium nicht gefror, und je länger der Krieg dauerte, desto schwerer fiel es ihnen, die Venen der verwundeten Soldaten zu finden - die Soldaten verfielen zusehends und starben schon lange bevor sie wirklich starben. In den Gräben banden sie die Ohrenklappen ihrer Uschinkis fest um den Kopf, stahlen die Mäntel von Gefallenen und schliefen dicht zusammengedrängt, die Verwundeten in der Mitte, wo sie am besten gewärmt wurden. Sie trugen gefütterte Hosen, mehrere Lagen Unterwäsche, und manchmal machten sie Witze darüber, dass sie am liebsten Huren um den Hals tragen würden wie Schals. Nach einer Weile zogen sie die Stiefel nicht mehr allzu oft aus. Sie hatten Soldaten gesehen, deren erfrorene Zehen plötzlich einfach abfielen, und begannen zu glauben, dass man die Zukunft eines Mannes an seinem Gang ablesen konnte.
Zur Tarnung nähten sie zwei weiße Bauernhemden aufeinander, sodass sie über die Mäntel passten, zogen mit Schnürsenkeln die Halsausschnitte wie Kapuzen um das Gesicht zusammen und konnten stundenlang unerkannt im Schnee liegen. Die Flüssigkeit in den Rückstoßdämpfern ihrer Geschütze gefror. Die Pufferfedern ihrer MGs zersprangen wie Glas. Wenn sie Metall mit nackten Fingern berührten, riss die Haut in Fetzen ab. Sie machten Holzkohlefeuer und legten Steine hinein, die sie später in die Taschen steckten, damit sie ihnen die Hände wärmten. Wenn sie scheißen mussten, was nicht oft vorkam, hielten sie es für das Beste, in die Hosen zu machen. Dort blieb die Scheiße, bis sie gefroren war. Wenn sie dann einen Unterstand gefunden hatten, brachen sie die Masse heraus, und nichts stank, noch nicht einmal ihre Handschuhe - bis Tauwetter einsetzte. Sie banden Beutel aus Öltuch unter ihren Hosen fest, damit sie ihre Schwänze beim Pinkeln nicht der Kälte aussetzen mussten, und sie lernten, die Wärme in den Pissbeuteln zwischen ihren Beinen zu genießen, und manchmal half ihnen das, an Frauen zu denken, bis die Pisse gefror und sie wieder im Nirgendwo waren, auf einer weiten, von der Flamme über dem Schornstein einer Ölraffinerie beleuchteten Schneefläche.
Sie blickten über die Steppe und sahen die Leichen anderer Soldaten, erfroren, eine Hand in die Luft gereckt, ein Knie durchgedrückt, die Bärte weiß vom Frost, und sie lernten, den Toten die Kleider auszuziehen, bevor sie darin in Leichenstarre verfielen, und dann beugten sie sich hinunter und flüsterten: Tut mir Leid, Kamerad, und danke für den Tabak.
Sie hörten, dass der Feind aus Mangel an Bäumen Leichen auf die Wege legte, und versuchten, nicht hinzuhören, wenn Geräusche über die Eisfläche hallten - Reifen, die über Knochen knirschten und weiterrollten. Nie herrschte Stille, denn die Luft trug alle Geräusche weit: das Zischen der Skier, auf denen die Spähtrupps unterwegs waren, das Summen der Hochspannungsleitungen, das Pfeifen der Granaten, ein Kamerad, der nach seinen Beinen, seinen Fingern, seinem Gewehr, seiner Mutter schrie. Morgens wärmten sie ihre Gewehre mit einer halben Ladung, damit ihnen der Lauf nicht bei der ersten Salve um die Ohren flog. Sie wickelten Kuhhaut um die Griffe der Flugabwehrkanonen und deckten die Kühlschlitze der MGs mit alten Hemden ab, um den Schnee am Eindringen zu hindern. Die Soldaten auf Skiern lernten, im Hocken zu gleiten, sodass sie ihre Handgranaten seitlich werfen und im Vorstoßen kämpfen konnten. Sie fanden einen zerstörten T-34, einen Verwundetentransporter oder sogar einen feindlichen Panzer, ließen die Kühlflüssigkeit durch den Aktivkohlefilter ihrer Gasmasken laufen und betranken sich damit. Manchmal tranken sie so viel Kühlflüssigkeit, dass sie nach ein paar Tagen blind waren. Sie strichen die Geschütze mit Sonnenblumenöl ein - nicht zu viel auf den Schlagbolzen, gerade die richtige Menge auf die Federn -, und mit dem überschüssigen Öl rieben sie ihre Stiefel ein, damit das Leder nicht brach und Kälte und Nässe hereinließ. Sie sahen in den Munitionskisten nach, ob ein Fabrikmädchen in Kiew, Ufa oder Wladiwostok ein Herz für sie hineingemalt hatte, und selbst wenn nicht, war es, als hätte sie es getan, und dann schoben sie die Magazine in ihre Katjuschas, ihre Maxims, ihre Degtjarows. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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