Hinweise auf Bücher
Einblick in Nestroys Werkstatt
haj. Als 1838 Johann Nestroys «lustiges Trauerspiel» «Gegen Thorheit giebt es kein Mittel» bei der Uraufführung nur mässigen Erfolg hatte, machte sich der Autor gleich an eine Neubearbeitung, die ein Jahr später unter dem Titel «Die verhängnisvolle Faschings-Nacht» auf die Bühne kam und auf einer parodistischen Bearbeitung von Karl von Holteis «Trauerspiel in Berlin» basierte. Beide bisher bekannten Textfassungen, die sich vor allem durch einen alternativen Schluss unterscheiden, legt nun Louise Adey Huish im Band «Stücke 15» der historisch-kritischen Ausgabe von Johann Nestroys Sämtlichen Werken vor. «Da Nestroys Reinschrift verschollen ist, basiert der vorliegende Text auf einer von der Forschung kaum beachteten eigenhändigen Handschrift, die die vorletzte Stufe der Entstehungsgeschichte darstellt.» Der Wiedergabe der Texte folgt ein ausführlicher Anmerkungsteil, der Vorarbeiten, Varianten, Lesarten und Erläuterungen enthält. Des weiteren orientiert die Herausgeberin über Überlieferung, Textgrundlage, Quelle bzw. Vorlage sowie über die Aufnahme durch die zeitgenössische Kritik und Äusserungen zur Interpretation, in welchen das Fortwirken der Diskussion über Nestroys satirische Schärfe Ausdruck findet. Der Band, dem auch der vollständige Text von Holteis «Trauerspiel in Berlin» und die Dokumentation der Musik beigegeben sind, ist nicht zuletzt deshalb von besonderer Bedeutung, weil er Einsicht in Nestroys dramatische Arbeitsweise gewährt.
Alexander von Aphrodisias
upj. Wiewohl Alexander von Aphrodisias in der philosophischen Nachschlageliteratur ein Schattendasein führt das Krönersche «Lexikon der philosophischen Werke» kennt ihn beispielsweise nicht , gilt er doch als der wirkungsmächtigste Aristoteles-Kommentator der Antike. Zwischen 198 und 209 n. Chr. hat Alexander von Aphrodisias einen «Traktat über das Schicksal» verfasst, den er seinem Gönner, Kaiser Septimius Severus, widmete. Andreas Zierl hat nun im Akademie-Verlag eine vorbildlich kommentierte Übersetzung dieses wichtigen Zeugnisses spätantiken Philosophierens vorgelegt; die letzte deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1782.
Liebe west-östlich
B. En. Liebe überspringt alle Barrieren. Diese Gewissheit legt Marian Ulrich ihrem ersten Roman, «Verschobene Zeit», zugrunde, der Liebesgeschichte zwischen einem jungen kurdischen Asylanten und einer dreissig Jahre älteren Schweizerin. Mit ihren verschobenen Lebenszeiten gehen sie eine Gemeinsamkeit ein aber im Wissen darum, dass ihnen vielleicht die Zukunft verwehrt sein wird. Die Autorin rollt ihre Geschichte mit Zartheit auf, oftmals auch mit Ironie, wenn sich etwa Deniz westeuropäische Zivilisation auf amouröse Art aneignet. Die aktuellen Asylantenschicksale, welche in der Umgebung des Paares angesiedelt werden, werfen zudem ein Schlaglicht auf die individuellen Auswirkungen eidgenössischer Asylpolitik. Indessen ist dieser Text mit seinen oftmals lyrischen Verknappungen nicht unbedingt als Roman anzusprechen; auch neigt Marian Ulrichs Sprache bisweilen zu klischeehaften Äusserungen, die wohlfeile Assoziationen nähren und sich innerhalb des soliden Textganzen störend ausnehmen.
Auge und Affekt
rox. Als Metapher ihres hermeneutischen Selbstverständnisses benutzen Geistes- und Kulturwissenschaften immer wieder gerne das Bild von der «Lesbarkeit der Welt», und müssig wäre es, Einwände gegen die These zu erheben, dass schon der Lebensanfang eines Menschen als ein unmittelbarer Leseversuch seiner ihm nächsten Umgebung zu sehen ist. Wer existiert, nimmt wahr; schon der neugeborene Säugling ist damit beschäftigt, die Welt der ihn umgebenden Zeichen zu decodieren. Wie aber verlaufen diese «geheimen» Regeln ursprünglicher Bedeutungsherstellung? Gibt es eine der Menschheit angeborene zeichentheoretisch rekonstruierbare Ursprache? Oder sind die Zeichen, die die Welt ausmachen, unverbindlich und beliebig lesbar? Der vorliegende Sammelband mit einem kundigen Vorwort herausgegeben von der Bochumer Filmwissenschafterin Gertrud Koch rückt das Verhältnis von Auge und Affekt in den Mittelpunkt einer Aufmerksamkeit, die zu einer «kulturwissenschaftlichen Theorie des Gesichtssinnes» beitragen will. Die moderne face-to-face- Kommunikation jedenfalls ist eine Herausforderung nicht nur für Psychologie und Kognitionstheorie, sondern auch für Film und Ästhetik.
Marianne Gruber: Ärger statt Grauen
mos. Die Österreicherin Marianne Gruber ist das, was man eine arrivierte und trotzdem wenig beachtete Schriftstellerin nennt. Sie hat schon eine Vielzahl von Romanen und Erzählungen veröffentlicht, schreibt Essays und Lyrik und bekleidet im literarischen Leben der Republik eine Funktion als Leiterin der «Österreichischen Gesellschaft für Literatur». Dass ihre literarische Arbeit trotzdem wenig beachtet wird, hat das muss man leider angesichts ihres neuesten Erzählbandes sagen schlicht und einfach mit der Mangel an Qualität zu tun. «Die Spinne und andere dunkelschwarze Geschichten» so der Titel des Buches ist eine ausserordentlich disparate Sammlung von Geschichten, die einmal als Märchen, ein andermal als Science-fiction daherkommen, die ihre Anleihen bei Franz Kafka und Bruno Schulz nehmen und die statt Grauen nur Verärgerung auslösen. Auf ungemein bedächtige Weise wird da von fleischfressenden Pflanzen und Oma-Robotern erzählt, von Terror-Profis und Familien-Zombies. Das alles liegt weit hinter dem zurück, was heute nicht nur amerikanische Autoren über das Grauen zu schreiben wissen. Marianne Gruber versucht sich in der Rolle eines weiblichen Edgar Allan Poe doch was herauskommt, ist allerhöchstens Daphne du Maurier.
Sir Karl: Biographie
lx. Seit dem Tode Karl R. Poppers er verstarb in London am 17. September 1994 sind etliche Publikationen erschienen, die sich mit der äusserst vielfältigen Rezeption dieses Denkers beschäftigen, dessen Wirkungsfeld sich kaum je auf die Philosophie selbst beschränkt hatte. Eher für die Nicht-Philosophen gedacht ist hingegen diese kleine Lebens- und Werkgeschichte, die in einem allgemeinverständlichen Ton die grossen Themen und Thesen Karl R. Poppers vorstellt; politische Philosophie, Erkenntnistheorie und Kritischer Rationalismus für jene, deren Lesezeit gerade noch für «das Wesentliche in Kürze» reicht.
Selbstmordverhütung
ed. «Kaum jemandem ist es bekannt, dass in der Bundesrepublik Deutschland schon über ein halbes Jahrzehnt die Zahl der Suizidtoten die der Verkehrstoten übersteigt . . . Bei den Todesursachen in der Altersgruppe der 15- bis 35jährigen steht der Suizid nach Unfällen an zweiter Stelle.» Dies ist sicherlich als ein Warnsignal zu verstehen, weshalb auch immer wieder Bücher zu einem lange Zeit tabuisierten Thema wie dem des Suizids erscheinen. Der Psychiater Thomas Bronisch hat sich dieser Problematik mit einem knappen Band zugewendet und sowohl die Ursachen als auch die Präventionsmöglichkeiten erörtert. Die zu treffenden Vorbeugungen wie auch die angewandte Therapie haben aber «nach den vorliegenden empirischen Studien bis jetzt nicht zu einer merklichen Reduktion von Suiziden geführt», sondern eher noch einem Anstieg hilflos gegenüberstehen müssen. Zwar scheint «eine konsequente Langzeitprophylaxe» meist mit Hilfe von Lithium bei «manisch-depressiven Störungen» eine Umkehr zu bewirken. Doch alle im Affekt begangenen Selbsttötungen sind damit natürlich nicht erfassbar. Und «ob eine konsequente medikamentöse Behandlung die Suizidrate von Patienten mit schweren . . . oder chronischen Depressionen senkt, ist empirisch nicht eindeutig belegt». Dies kann freilich nicht bedeuten, dass die Psychiatrie angesichts einer solch niederschmetternden Bilanz ihre Waffen strecken müsste, zumal sie damit einen Grossteil ihrer Einsatzmöglichkeiten verlöre. Doch zur Frage nach der Wiedererlangung eines verlorengegangenen Lebenssinnes scheinen die Antworten rar zu sein. Wer krank wirkt, wird ohnehin gemieden und damit in seiner sich verengenden Spirale noch tiefer gezogen. Und zur Aufhellung der Perspektive erfordert es viel an Geduld und Einfühlsamkeit der jeweiligen Mitwelt. Dass diese sich wenigstens besser informieren kann, dazu trägt das Buch von Bronisch auf jeden Fall bei.