"Als die Römer frech geworden,
Sim serim sim sim sim sim,
Zogen sie nach Deutschlands Norden,
Sim serim sim sim sim sim....."
(Joseph Viktor von Scheffel)
"Der Sturz des römischen Adlers" gehört neben zahlreichen Publikationen, die anlässlich der 2000jährigen Wiederkehr der "Varusschlacht" (im Jahre 2009) erschienen sind, wohl vollkommen unbegründet zu den weniger beachteten Sachbüchern. Der studierte Historiker, Archäologe und Ethnologe hat sein Buch konzeptionell, inhaltlich und stilistisch vollkommen anders ausgestaltet als beispielsweise Reinhard Wolters "
Die Schlacht im Teutoburger Wald: Arminius, Varus und das römische Germanien" oder Dr. Ralf-Peter-Märtins "
Die Varusschlacht: Rom und die Germanen".....
.....so verzichtet er vollkommen auf Fussnoten und Anmerkungen. Während die Wissenschaftlichkeit des Buches hierdurch jedoch keine feststellbare Schmälerung erleidet (siehe Materialien, Seite 207 ff.), nutzt der Autor diese Freiheit zu einer sprachlich geschickten, flüssig und spannend zu lesenden Darstellung, die durch zahlreiche Farb-, Schwarzweiss-Fotos und Abbildungen zusätzliche Informations- und Unterhaltungswerte erhält.
Bereits vor dem Inhaltsverzeichnis erwartet den Leser eine doppelseitige Karte, die vom heutigen Bielefeld bis nach Damme reicht. Der mögliche Ort der Schlacht ist am Fuße des Kalkrieser Berg eingezeichnet und mit einem Fragezeichen versehen. Eine kleinere Kartezeigt neben der Marschrichtung der Römer Details zu Landschaft, wie Bergland und Moore. Nach einem Vorwort, originell mit "Vorhut" überschrieben, lässt der Autor getreu seines Untertitels "2000 Jahre Varusschlacht" in drei Teilen lebendig werden.
Der erste Teil ist den beiden Protagonisten der Schlacht, Varus und Arminius, gewidmet. Unter der Überschrift "In finsterem Forst und marmornen Städten" werden nicht nur die historisch überlieferten Fakten über ihren jeweiligen Werdegang erörtert, sondern auch verschiedene Theorien zu bisher unbeantworteten Fragen. Mit einem Augenzwinkern und pfiffiger Überschrift, wie z.B. "Germanen lieben gefährlich" beschäftigt sich ein ganzer Abschnitt Thusnelda (die Ur-Tussi), der Ehefrau des Arminus (S. 45 ff.). Als "Rätselhaftes Gemetzel am Ende der Welt" und der, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Liedzeile "Als die Römer frech geworden..." wird zunächst die Frage nach dem "Urknall der deutschen Geschichte" gestellt. Die Diskrepanz und Kontroverse zwischen historischen Quellen (Teutoburger Wald) und archäologischen Befunden (Kalkriese) ist das zentrale Thema der folgenden Kapitel, das der Autor schließlich im siebten Kapitel "Archäologen zwischen den Stühlen" (S. 167) auf den Punkt bringt.
Nachdem bereits an mehreren Stellen auf die romantische Verklärung der Schlacht und den Missbrauch durch Nationalisten und NS-Staat eingegangen wurde, befasst sich Teil 3 des Buches eingehend mit dem "gemästeten Mythos". Nachdem Arminius bei Martin Luther in "Herrmann" (der Cherusker) mutierte, inspirierte seine "Heldentat" besonders zur Zeit der "Befreiungskriege" gegen Napoleon deutsche Geistesgrößen wie Heinrich Heine (Deutschland, ein Wintermärchen), Friedrich Gottlieb Klopstock (Hermanns Tod) und Heinrich von Kleist (Herrmannschlacht). 1875 wurde, nicht zuletzt aufgrund der Donationen eines spendablen Kaiser Wilhelms II., das monumentale Herrmannsdenkmal bei Detmold eingeweiht, das "aus dem Germanen einen Goliath" werden ließ (S. 195). Neben dem Arminusbild im Ausland, endet der dritte Teil des Buches mit einem, farblich hellgrau unterlegtem Essay "Kulturmotor Mythos". Weitere Essays gibt es zu den originell überschriebene Thema "Der Legionär hat's schwer" (S. 83) und zur Problematik der "Illegalen Archäologie" (S. 153).
In seiner "Nachhut" stellt Dirk Husemann fest, dass die Varusschlacht als Heldentat im Namen der Nation ausgedient hat. An ihre Stelle ist vielmehrder kriminalistische Nervenkitzel des historischen Rätsels getreten. Bei der Diskussion für und wider Kalkriese stehen die "Kombatanten" der gegenwart, wie einst Germanen und Römer knietief im Morast....
Zum Abschluss bietet das Buch noch folgende Materialien: Eine Zeittafel (58 v. Chr. bis 19 n. Chr.), ein Verzeichnis der "klassischen" Quellen von Cassius Dio bis P. Cornelius Tacitus, ein Verzeichnis aktueller Literatur, sowie ein Register. Ganz zum Schluss gibt es noch eine zweiseitige, historische Karte Germaniens, in der neben den Siedlungsgebieten der Stämme, auch die augusteischen und tiberischen Anlagen/Fundplätze, sowie die römischen Truppenvorstöße eingezeichnet sind.
5 Amazonsterne für eine gelungene Synthese aus historischer Information und zeitgemäßer Unterhaltung, die an Siegfried Fischer-Fabians "
Die ersten Deutschen. Über das rätselhafte Volk der Germanen." erinnern lässt.