Mit "Der Sturz des Adlers" hat Norbert Leser einen bezeichnenden Titel für seine letzte Abhandlung zur Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie gewählt, ist der Adler doch nicht nur Wappentier der Republik sondern auch Namensgeber gleich dreier Legenden der SPÖ, wie Victor, Friedrich und Max Adler. Obwohl schon seit Jahren angeschlagen und in einer Krise steckend zeigt sich am Beginn des 21. Jahrhunderts immer deutlicher wie tief der sozialdemokratische Adler denn gesunken ist. Schon allein deshalb sollte Lesers Werk mehr Leser finden, denn der unbequeme einstige Parteihistoriker, der erster Ordinarius für Politikwissenschaften in Österreich wurde, spart nicht mit Kritik an seiner Partei.
Von Otto Bauer, über Bruno Kreisky zu Franz Vranitzky und Alfred Gusenbauer erstreckt sich diese Chronik der Irrungen und Wirrungen, mit welcher Leser seinem Lebenswerk als Dissident zweifellos die Krone aufgesetzt hat. Doch das Buch ist keine "Abrechnung" im Sinne mancher Enthüllungsberichte von Ex-Funktionären sondern vielmehr der zufriedene Rückblick eines führenden Kritikers der immer noch tradierten Legenden und Mythen der Sozialdemokratie. Leser wischt den Schleier der Verklärung beiseite und gibt den Blick frei, auf die Tatsachen die in den Hintergrund gedrängt wurden.
So stellt er bereits klar, dass am Untergang der Ersten Republik eine ungleiche aber doch geteilte Schuld der beiden großen Lager vorliegt. Für ihn beginnt der Untergang der Republik nicht erst 1934 sondern schon 7 Jahre früher in Schattendorf, als sich die sozialdemokratische Führungsriege ihrer Ohnmächtigkeit bewusst wurde, aber nicht auf eine weitere ideologische Polarisierung verzichten wollte. Genau darin sieht Leser das Problem, waren es doch die ideologische Verbohrtheit und Führungsschwäche von Otto Bauer, in der er den Anlass für die politische Machtlosigkeit seines Lagers in der Ersten Republik verortet. Bauers eschatologische Erwartung eines nahenden Triumphes des Sozialismus über den Kapitalismus, ließ ihn eine Koalition mit dem in späteren Jahren durchaus versöhnlich gestimmten Ignaz Seipel einfach nicht in Betracht ziehen. Dass mit Bauer und Seipel zwei "Berufene" die Führung ihrer Parteien übernehmen konnten, stellt für Leser das große Drama der Ersten Republik dar, wären doch mit Johannes Nepomuk Hauser, Leopold Kunschak oder auch Karl Renner durchaus gemäßigtere und konsensbereitere Personen zur Verfügung gestanden. Für Bauer ging es nicht um "Demokratie oder Diktatur" sondern "Sozialismus oder Kapitalismus", womit ihm der Blick auf die tatsächlichen Gefahren für die Republik effektiv verstellt war.
Dabei hat Leser durchaus Lob für das Rote Wien samt seinem Entwurf einer sozialdemokratischen Gegenwelt übrig, merkt jedoch an, dass diese und das hätte auch seinen Begründern klar sein müssen, nicht von Dauer sein könnte, wie er auch die Sozialdemokratie an sich als alleine nicht mehrheitsfähig betrachtet. Leser mag kein Zeitgeschichtler sein, doch vielleicht ist auch genau das sein Glück, denn er lässt sich nicht zu relativierenden Äußerungen hinreißen oder zu politisch korrektem Imageerhalt der Säulenheiligen zwingen, er greift die ideologische Verbrämung der Zeitgeschichte an und begibt sich damit in die undankbare Rolle des Mannes der Wahrheit sagt, die keiner hören will. Als Leser würde man sich wünschen, dass sich auch in anderen Parteien derart offenherzige Kritiker hervortun mögen, damit heikle Fragen wie die Bedeutung eines Engelbert Dollfuß objektiv und neutral in Angriff beantwortet werden können.
Wenn Leser festhält (S. 108) - "Der Ruhm des 12. Februar ist ausschließlich der Ruhm der kämpfenden Arbeiter von Wien, Linz und anderer vereinzelter österreichischen Orte, die nicht zuletzt aus Verzweiflung über das Untätigbleiben der eigenen Führung zur Selbsthilfe griffen, nicht aber der Ruhm der Führer, sondern höchstens deren persönliche Tragik." - stellt er klar und deutlich fest, dass Julius Deutsch und Otto Bauer, wäre ihnen die Lage nicht entglitten sich einen sang- und klanglosen Untergang der Partei zu Schulden gemacht hätten.
Doch auch Kurt Schuschniggs unrühmliches Ende übergeht Leser nicht, ohne sich an eine Äußerung Ludwig Jedlickas zu erinnern, der meinte dass (S. 108) "...wenn Österreich hinhaltenden Widerstand geleistet hätte, die ganze Weltgeschichte einen anderen und günstigeren Verlauf genommen hätte. So meinte er, dass, wenn die Welt mitangesehen hätte, dass sich schon in einem deutschsprachigen Land Widerstand regt, wahrscheinlich nicht erst Polen, sondern schon der Überfall auf die Tschechoslowakei der Kriegsfall geworden wäre." Das ist natürlich Spekulation, genauso wie Lesers Neigung anzunehmen (S. 188) "...dass sich [Jörg] Haider als Vizekanzler und/oder Sozialminister akklimatisiert und nicht die spätere radikale Entwicklung genommen hätte. Die FPÖ hätte sich einer Koalition mit der SPÖ meines Erachtens höchstens verdoppelt, aber sich nicht verfünffacht." Doch diese Vermutungen basieren nun einmal auf einer einleuchtenden Grundlage, wenn man sich realistisch und pragmatisch an die Möglichkeiten heranwagt.
Intensiv hat sich Leser auch mit der Ära Kreisky beschäftigt, die ebenso kritisch untersucht wird und für manchen wie ein Sakrileg wirken könnte. Doch wie gesagt, Leser hat es nicht nötig sich an ideologische Verbrämung zu halten und die tradierten Mythen aufzugreifen. An den Fällen Olah, Waldheim, Deutsch und Habsburg zeigt er auf wie sehr streitbaren Handlungen doch immer ein ideologisches Deckmäntelchen umgehängt wurde. Dabei fordert der Autor eines klar, nämlich dass sich die SPÖ endlich von der Revolution verabschieden sollte, denn die Sozialdemokratie kann in einer pluralistischen Republik nur eine Strömung unter vielen sein. Hinzu kommt dass man seinen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird, die einstige Arbeiter-Partei hat ihr Klientel stark vernachlässigt und eine verkommene Elite hervorgebracht, in der Österreichs Gerhard Schröder Franz Vranitzky ist. Die moralische Integrität spricht Leser dem Großteil der neueren Parteigranden jedenfalls ab. Ohne falsche Rücksichtnahme führt er die "Toskana-Fraktion" vor, welche den Gutteil zum Untergang der Sozialdemokratie beigetragen hat. Als jemand der noch Zugang zu Funktionären der Ersten und frühen Zweiten Republik hatte, weiß Leser um die krassen Unterschiede zwischen dem "großmannsüchtigen" Verhalten manch moderner Mandatare gegenüber jenen der Vergangenheit.
Doch der moralische Autoritätsverlust der SPÖ ist nicht das einzige, was den Sturz des Adlers eingeleitet hat, es sind auch Missstände in der politischen Struktur, die in den zahllosen doch immer als einzig reformfähigen großen Koalitionen reformiert hätten werden können. Um ein weiteres Mal mit Leser zu sprechen (S. 201f) "Doch man muss gar keine Autoritäten aus Wissenschaft und Politik bemühen, um zu einem negativen Befund über unseren Parlamentarismus zu gelangen, es genügt, das konkrete Abstimmungsverhalten unserer Parlamentarier mit dem anderer Länder und Parlamente zu vergleichen, um die Rückständigkeit unserer Praxis zu erkennen. So sind Abstimmungen über Materien, die geradezu klassische Gewissensfragen sind, in Österreich als Prestigesache der Klubgewaltigen behandelt worden, so dass eine Vergatterung stattfand, der sich (fast) alle beugten. So wurde die Frage der Altersgrenze bei der Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen als Parteisache behandelt, nur ein Abgeordneter der ÖVP, Franz Morak, hatte damals den Mut, aus der verordneten Parteilinie auszuscheren."
Lebhafter und echter Parlamentarismus sieht anders aus und Politikwissenschaftler wie Journalisten und auch mancher Abgeordnete werden es wie im in dieser Hinsicht sehr erhellenden Buch "Politik auf Österreichisch" bestätigen.
Das größte und auch gegenwärtig virulente Problem der Zweiten Republik ist jedoch die große Koalition, welche schließlich auch direkt zu "Politikverdrossenheit" und den Höhenflügen des Dritten Lagers geführt hat. Und daran ist auch der sich gerne integer präsentierende Bundespräsident Heinz Fischer nicht ganz unschuld, denn (S. 206) "Er hätte es in der Hand gehabt, die SPÖ dazu zu motivieren, das Risiko einer Minderheitsregierung einzugehen und damit das erstarrte politische Gefüge aufzubrechen. Er hat die Chance nicht genutzt. Sollte es, was ich zuversichtlich hoffe, eines Tages doch einmal zu einer Demokratie, die diesen Namen verdient, kommen, wird nicht er, sondern werden andere als deren Vorläufer und Vorkämpfer in die Geschichte eingehen."
Fazit:
Überaus kritisch und mit dem Blick fürs Wesentliche zeichnet Norbert Leser in seiner biografisch angehauchten Chronik Aufstieg und Fall der österreichischen Sozialdemokratie nach. Dank schonungsloser Ehrlichkeit aber sicher starker Tobak für so manchen, nimmt Leser doch keine Rücksicht auf ideologische Korrektheit und tradierte Mythen.